Um 5:00 Uhr stehe ich vor dem Spiegel und binde die Krawatte, soweit ich sie durch die noch halb geschlossenen Augen erkennen kann. Eine halbe Stunde später stehe ich bereits an der Bushaltestelle, frierend, weil das Sakko nicht wärmt, aber ein Mantel für diesen Tag zu viel Ballast bedeuten würde. Die Akkus von Notebook und Handy sind restlos gefüllt, also bin ich gut gerüstet.
Der ICE nach Hamm benötigt nur zwanzig Minuten, in der ich beobachten kann, wie es im Münsterland hell wird. Pferde und Dorfkirchen stecken noch im Bodennebel fest.
Die Leute, die in Hamm aus dem Zug steigen und vergeblich nach Informationen zu ihrem Anschlusszug suchen, sehen alle so aus wie ich, einer spricht mich an, weil er richtig vermutet, dass auch ich auf den zusätzlichen Zug nach Hannover warte. Im Tunnel finden wir einen kleinen gelben Aushang, der uns die Abfahrt von Bahnsteig 8 innerhalb der nächsten 10 min verspricht.
Der Anblick der in dunklen Anzügen und schwarzen Notebooktaschen uniformierten Männer auf dem kalten, immer noch dämmrigen Bahnsteig hat etwas gespenstisches.
Pünktlich zur geplanten Abfahrtzeit kommt die Durchsage aus den Lautsprechern, der zusätzliche Intercity-Express nach Hannover Messe habe 30-40 min Verspätung, wegen Bereitstellungsproblemen, und ich bin froh, dass es mehrere Probleme sind, so dass mir die Überlegung erspart bleibt, ob wegen den Dativ oder den Genitiv regiert, wobei ich sie natürlich trotzdem anstelle, schließlich habe ich nun Zeit dafür.
Um diese Zeit und bei diesen Temperaturen ist die Besichtigung des Hammer Bahnhofsgebäudes recht schnell abgeschlossen, auch wenn ich gestehen muss, dass es durchaus besichtigenswert ist, jedenfalls im Vergleich zum Münsterschen. Der einzige warme Ort ist der Bücher- und Zeitschriftenladen, weshalb ich die Wartezeit damit verbringe, mir wieder einmal vor Augen zu führen, welche unglaubliche Menge mir unbekannter Autoren es gibt. Jedem Autoren, der die Absicht, jemals veröffentlichen zu wollen, nicht vollständig bestreiten kann und will, ist dringend vom Besuch eines solchen Geschäftes abzuraten.
Der ICE benötigt von Hamm bis Hannover immerhin mehr als anderthalb Stunden, weshalb es sich, dem Ziel der Reise angemessen, lohnt, das Notebook aufzuklappen und ein paar Excel-Sheets zu öffnen. Hin und wieder ein sinnierender Blick in die Ferne genügt, einerseits die Wichtigkeit des gerade Gedachten oder Geschriebenen zu demonstrieren und andererseits einen dem Autofahrer ungewohnten Eindruck von der vorbeirasenden Landschaft zu erhaschen.
Kurz vor neun treffen wir am Ziel ein, die Menge meiner Geschwister, die dem Zug entsteigt und energisch dem Eingang West des Messegeländes zustrebt, ist beängstigend. Der Weg bis zu den Kassen wird zum ersten Spießroutenlauf: Unmengen junger Leute stehen uns mit Paketen von Journalen, Prospekten, CD-ROMs im Wege und versuchen, sich ihrer Last zu entledigen, indem sie jedem, der vorbeieilt, ein Exemplar zustecken. Ich aber habe an meinem Notebook genug zu schleppen, hinzu kommen die zwei Wasserflaschen und die Powerriegel, meine Notversorgung, die ich bei dieser Reise mit mir führe um mir den Blick auf die unverschämten Preislisten der Würstchenverkäufer ersparen zu können.
Die CeBit gliedert sich in drei Bereiche, die freundlicherweise farblich markiert sind, mich interessiert genau genommen nur der grüne Bereich, „Business Process“, auf dem Weg dorthin liegen die blau gekennzeichneten Hallen des Bereichs „Communications“, die ich durcheile ohne etwas spannendes zu sehen.
Ein Phänomen dieser Veranstaltung fasziniert mich jedes Jahr aufs Neue: es ist die Arbeitsteilung zwischen den jungen Damen an der Vorderkante der Messestände, und den Herren an den Bildschirmen, die den Besuchern aufs Haar gleichen, auch wenn man Aussteller und Besucher natürlich sofort daran unterscheiden kann, dass erstere immer ein Namensschild tragen.
Im Kampf der konkurrierenden Aussteller um das Interesse der Besucher sind die jungen Frauen die entscheidende Waffe, die geübten unter ihnen fangen ihr irritiert und suchend blickendes Opfer mit einem aufmunternden Blick und führen es dann ohne viele Worte zu verlieren dem im Hintergrund bereitstehenden Vertriebsmitarbeiter zu.
Ich habe ein Gegenmittel gegen dieses Verfahren gefunden, welches ich hier aber nicht verrate, ich fürchte, sobald die andere Seite davon Wind bekommt, kann sie sich darauf einstellen und wird immun.
Ich habe den Eindruck, dass in diesem Jahr weniger telefoniert wird als in den Jahren zuvor, in denen ich mich zunehmend des Eindrucks nicht erwehren konnte, man müsse selbst für die Kommunikation mit einem Begleiter das Handy benutzen und in denen ich manchmal das Bedürfnis hatte, die Tasche, die mein Handy barg, in Kopfhöhe zu tragen, um dessen Piepsen von dem der anderen scheiden zu können.
Um 15:00 Uhr habe ich meinen einzigen festen Termin an diesem Tag, ausgerechnet am Microsoft-Partnerstand. Wir versuchen, am Bodygard vorbei die Treppe zur Cafetria hinaufzueilen, aber der Mann weist uns darauf hin, dass mein Gesprächspartner, auch wenn er Aussteller auf diesem Stand ist, nicht den richtigen Sticker im Knopfloch trägt, weshalb er uns den Zugang zunächst verweigert. Nach ein paar Minuten ist der richtige Sticker besorgt, wir sitzen auf unbequemen Designerstühlen und ich trinke auf der größten Computermesse der Welt auf Kosten des größten Softwareherstellers der Welt einen Milchkaffee, der unerwarteterweise auf deutsch und italienisch, nicht aber auf englisch in der Getränkekarte steht.
Gegen 17:00 Uhr verlasse ich diesen gastlichen Ort und irre eine halbe Stunde über Messestände, weil ich inzwischen den Eindruck habe, überall schon einmal gewesen zu sein, überall uniformierte Männer an Stehhockern vor LCD-Displays und auf allen Gängen singen noch immer die jungen Schwestern der Loreley.
Eine von ihnen frage ich erschöpft, wann die Messe für heute endlich schließt, ihre Antwort macht mir klar, dass zwischen diesem Moment und der Abfahrt meines Zuges eine dreiviertel Stunde liegt, erschüttert frage ich sie, wie ich diese Zeit verbringen solle. Sie empfiehlt mir den Besuch einer „Come Together Party“ auf der man mir sicher ein Bier reichen würde.
Tatsächlich steht mir wenig später sie oder ihr Zwilling an einem anderen Stand in einer anderen Halle im Wege, nun als Kellnerin verkleidet, ein Tablett mit gut gefüllten Bierglasern in der Hand.
Aus den Lautsprechern, aus denen tagsüber gewichtige Stimmen über gewichtige Argumente zugunsten des hier ausstellenden Unternehmens gedrungen waren, hört man in diesem Moment Nenas 99 Luftballons, letzte Strophe. Mit einem seligen Lächeln summen die uniformierten Männer „… und auch keine Düsenflieger…“ – ich setze mich. Als jedoch Minuten später die Frage „Lebt denn der alte Holzmichel noch?“ aus dem Lautsprecher das selige Lächeln auf den Gesichtern um mich herum in ein glückliches Strahlen verwandelt, ergreife ich die Flucht.
Der Zug, der mich nach Hamm zurückbringt, steht schon bereit, ich setze mich, klappe mein Notebook auf und beginne, diesen Bericht zu schreiben.
Die Akkus haben durchgehalten.