Jörg Friedrich


Das Sprach-Netz

09. September 2010 Kategorie: Gesellschaft, Philosophie |

Die Sprache, in der Gruppen von Menschen sich verständigen, gehört zu den zentralen Bestandteilen ihrer Kultur. Durch eine gemeinsame Sprache ist Verständigung, Abstimmung des Handelns und damit das gemeinsame Schaffen einer Kultur überhaupt erst möglich. Unterschiedliche Sprachen führen aber auch zur Abgrenzung von anderen Gemeinschaften. Wittgensteins berühmter Satz „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ bringt auf den Punkt, wie sehr wir in unserem Umgang mit anderen und bei der Erschließung der Umwelt durch die Sprache begrenzt sind.

Das ist so lange unproblematisch, wie mir in der Welt nur Menschen begegnen, mit denen ich eine gemeinsame Sprache habe – und das ist ja zunächst der Normalfall: Ich lerne als Kind die Sprache meiner Eltern und die der anderen Kinder, in der Schule werde ich mit der Sprache der Lehrer vertraut gemacht, die Sprache meines Berufes lerne ich von Menschen, die mir in der Ausübung dieses Berufes begegnen. Wenn mein Handeln nur von Menschen abhängt, die die gleiche Sprache wie ich sprechen und wenn dieses Handeln nur für diese Menschen relevant ist, dann gibt es kein Problem in der Vermittlung von Handlungen und Sprache. Die Grenzen meiner Sprache sind dann auch die Grenzen der anderen, es sind die Grenzen unserer gemeinsamen Welt.

Die Verständigungsprobleme beginnen, wenn ich Menschen aus anderen Welten begegne, und dass ist außerhalb des kleinen Umkreises, den man „zu Hause“ nennen könnte, der Normalfall. Fast jeder scheint da eine fremde Sprache zu sprechen, und das Komplizierte ist, dass sie zwar die gleichen Worte verwenden wie ich, aber irgendwie in einer anderen Bedeutung oder auf andere Weise, nach anderen Regeln. Frage ich ihn nach diesen Regeln, kann er sie auch wieder nur in seiner Sprache formulieren, was mir nicht unbedingt weiter hilft.

Das Dumme ist, dass man nicht einfach zu Hause bleiben kann, dass man von den Fremden abhängig ist. Um aus dem Dilemma zu entkommen, hat man zwei Möglichkeiten: Man kann die Verständigungsprobleme ignorieren und mit den Auswirkungen des „Eindringens fremder Welten“ in die eigene Welt irgendwie klarkommen. Oder man kann versuchen, die Sprache des Fremden zu deuten, ihren Sinn zu verstehen und sich gleichzeitig auch dem Fremden verständlich zu machen.

Die Aufforderung, sich klarer auszudrücken, wird im allgemeinen nicht viel bringen, denn im Rahmen seiner Sprache sind die Ausdrücke des Fremden vermutlich klar, so wie mein Sprechen in seiner Sprache vermutlich ziemlich unklar ist. Zu Hilfe kommt in solchen Fällen die Tatsache, dass wir Vieles auf verschiedene Weise sagen können, ich kann meine eigene Botschaft sozusagen umkreisen und der Hörer kann einen Kreis um das ziehen, was als Verstandenes in Frage kommt. Durch Iterationen, durch immer kleiner werdende Kreise, können wir quasi experimentell bestimmen, ob wir uns verstehen.

Das Missverstehen ist dann also ein notwendiger Schritt auf dem Weg zum Verstehen. Durch Versuch und Irrtum können sich die beiden Gesprächspartner ein gemeinsames Netz von Bedeutungen knüpfen, in dem sie den Sinn dessen, was gesprochen wird, einfangen können. Jedes Verstehen und jedes Missverstehen knüpft in diesem Netz einen neuen Knoten, sodass das Gewebe immer dichter wird.

Es gibt in der Sprachphilosophie das Konzept der „nachsichtigen Interpretation“, welches die Bedingungen dafür angibt, dass eine Verständigung zwischen den Sprechern verschiedener Sprachen möglich wird. Um einen Sprecher (im Laufe der Zeit immer besser) verstehen zu können, muss der Zuhörer zum einen annehmen, dass der Sprecher sich auf die gleichen Ereignisse bezieht, die auch für ihn gerade relevant sind, und er muss andererseits annehmen, dass der Sprecher eine gewisse Rationalität besitzt, dass seine verschiedenen Aussagen in einem gewissen Maß konsistent sind.

Vielleicht muss man diese Forderungen sogar noch abschwächen, bzw. die Nachsichtigkeit noch erweitern: Voraussetzen muss ich zum Einen, dass der, dem ich zuhöre, über etwas spricht, was für ihn momentan wesentlich ist, und was in seiner Welt auch als reales Phänomen erscheint, auch wenn es mir in meiner Welt vielleicht (noch) verborgen ist. Zum Anderen muss mir bewusst sein, dass meine eigene Rationalität nicht das Maß aller Rationalität sein muss: was als rational angesehen wird, ist ja eine Festlegung einer Gemeinschaft, die sich schon im gemeinsamen Handeln und Kommunizieren gebildet hat.

Wenn man mit diesem Prinzip der Nachsichtigkeit in die Kommunikation geht, dann merkt man schnell, dass es in verschiedenen Sprachen, auch wenn sie die gleichen Wörter benutzen, unterschiedliche Wege gibt, die Wahrheit auszusprechen. Manche Sprachen sind für manche Wahrheiten besser geeignet als andere, aber es gibt keine ideale Sprache, die für das Aussprechen der Wahrheit schlechthin am Besten geeignet wäre, weder die Alltagssprache, noch die Sprachen der Wissenschaft oder der Kunst.

Es ist ein mühevoller Weg der Kommunikation – aber er lohnt sich. Denn jeder Verständigungserfolg ist ja eine Erweiterung der eigenen Sprache, und damit eine Erweiterung der eigenen Welt.

Überflüssig zu sagen, dass der Sinn dieses Blogs ist, meine Welt zu erweitern, ein Netz zu knüpfen, mit dem man viele Bedeutungen einfangen kann.


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12 Kommentare to “ Das Sprach-Netz ”

  1. # 1 krabat slalom schreibt:

    niemand lebt in der sprache, sondern die sprache ist (nur)ein aspekt dessen, was wir einander antun, “..was wir einander geben..“
    als vater und unternehmer wird herr fridrich sicher wissen wo die grenzen des sprachlichen handelns liegen und das es kontraproduktiv ist, um jeden preis geredekonsens erzeugen zu wollen, wo eine entscheidung und entschiedenes tun ansteht. also auch hier nochmal krabats glückwunsch zur entscheidung.

    es ist übrigens gar nicht dumm,

    dass man von den Fremden abhängig ist

    ,sondern im gegenteil, genau dies ist grundbedingung, glücksfall und hoffnung des menschlichen daseins zugleich. lediglich in unseren denkwelten stolpern wir immer wieder über diesen punkt – krabat sagt: zum glück!
    in unserem denken suchen wir das wort, das keine antwort braucht, aber wort ohne antwort ist ein halbes paar schuhe – ein fuß wird barfuß laufen müssen.

    ist dies der punkt um den herr fridrich kreisst?:
    wissenschaft produziert monologes wort, ist aber für eben diese produktion auf einen dialogischen „wissenschaftsprozess“ angewiesen. wissenschaft produziert also ständig ihren selbstwiderspruch: sie braucht den dialog um überhaupt zu sein, aber sie sucht das monologe wort, das keiner antwort bedarf, das tyrannische herrscherwort, das keinen widerspruch duldet.

    es reicht nicht, bedeutungen einzufangen, eingefangene bedeutungen bedeuten nichts. erst wenn der fänger sie deutet, werden sie ihm bedeutungsvoll. durch unser tun erst bekommen wesen und dinge bedeutung

    die welt sind du, ich und
    was wir einander geben:
    wort und antwort,
    rede und gegenrede,
    geben und nehmen,
    schlag und gegenschlag,
    aktion und reaktion;
    die perioden des lebens
    im dialog.

    krabats bruder heraklit wußte noch um den wirklichkeitsschaffenden ernst des dialoges (er nannte ihn deshalb polemos – streit, kampf, krieg), sokrates hat ihn für ein spiel gehalten mit dem man knaben verführen kann, was ist er uns?

    gelebt und gestorben bruder

  2. # 2 lumpus directus schreibt:

    Die Grenzen meiner Sprache sind dann auch die Grenzen der anderen, es sind die Grenzen unserer gemeinsamen Welt.

    Das ist wohl eine Überschätzung der Sprache. Sicherlich ist Kommunikation wichtig, aber man kann sich die weltliche Kommunikation auch als Konkurrenz von Linguisten und Sacharbeitern vorstellen.
    Letztlich zählt aber die Entscheidung und nicht das Geschwätz.

    Die Vernunftsmässigkeit, die auf mathematischen Modellen beruht, ist rein sprachlich nicht zu fassen.

    LG
    lumpus

  3. # 3 Jörg schreibt:

    @Krabat: Ich habe bei ein paar neueren Philosophen die Unterscheidung zwischen den „Anderen“ und den „Fremden“ gelesen (hier habe ich darüber schon einmal geschrieben), diese Unterscheidung finde ich ganz hilfreich. Die Anderen sind die, die so sind wie ich, von denen ich mich (wie Heidegger sagen würde, der diese Begriffe aber nicht verwendet) zunächst und zumeist gerade nicht unterscheide. Der Fremde ist der von jenseits der Grenze, die ich ziehe, z.B. durch die Sprache.

    wissenschaft produziert monologes wort, ist aber für eben diese produktion auf einen dialogischen „wissenschaftsprozess“ angewiesen. wissenschaft produziert also ständig ihren selbstwiderspruch: sie braucht den dialog um überhaupt zu sein, aber sie sucht das monologe wort, das keiner antwort bedarf, das tyrannische herrscherwort, das keinen widerspruch duldet

    Darüber werde ich noch weiterdenken.

    @lumpus: Sind mathematische Modelle nicht auch nur Sätze einer Sprache?

  4. # 4 lumpus directus schreibt:

    @Jörg
    Nö, jedenfalls keiner gesprochenen.
    Das stellt sich bei Spielen oder komplexeren Sachfragen eigentlich schnell heraus. Du bist doch ITler.

    Der Wettstreit zwischen vereinfachenden „Linguisten“ und Sacharbeitern existiert, er ist notorisch.

  5. # 5 roel schreibt:

    @Jörg Friedrich Sie haben damit Recht, dass die Sprache zum zentralen Bestandteil der Kultur gehört. Unterschiedliche Definitionen gleicher Worte oder Wortkombinationen führen zu Misverständnissen (gewollt oder nicht gewollt) und/oder zu Ausgrenzungen. Fachsprachen, Jugendsprache, Dialekte etc. führen dazu, dass nicht jeder, der eigentlich die gleiche Sprache spricht das gesagte/geschriebene auch richtig versteht.

    „Voraussetzen muss ich zum Einen, dass der, dem ich zuhöre, über etwas spricht, was für ihn momentan wesentlich ist, und was in seiner Welt auch als reales Phänomen erscheint, auch wenn es mir in meiner Welt vielleicht (noch) verborgen ist.“ Es muß sich nicht um etwas Wesentliches handeln und ein reales Phänomen muß auch nicht zugrunde liegen.

    Zu der Unterscheidung „Anderen“ und den „Fremden“: Hier fehlt mir das WIR. Ich unterscheide zwischen Ich oder Wir (eben die Gruppe zu der ich gehöre, z.B. Westfalen), Andere (Ander Personen oder Gruppen, die ich einordnen kann, z.B. Rheinländer) und Fremde von denen ich nichts bis nicht sehr viel weiß (z.B. West Virginianer).

  6. # 6 Jörg schreibt:

    @lumpus: Was für ein Wettstreit ist das denn? Darüber rätsel ich nun schon seit gestern…

    @roel: Natürlich spricht man nicht nur über Wesentliches und Reales. Wenn aber eine Verständigung zwischen zwei Sprechern möglich werden soll, die verschiedene Sprachen sprechen, dann müssen sie meiner Meinung nach erst mal mit dem anfangen, was sie für real und wesentlich halten,oder?

    Das „WIR“ das wären im Sprachgebrauch der Philosophen, die ich da zitiert habe, ich und die Anderen – die Anderen sind ja die, von denen ich mich gerade nicht unterscheide. Die Fremden sind die, bei denen ich den Unterschied stark spüre, zu denen ich eine Grenze empfinde.

    Das Nachdenken über die Anderen und die Fremden kreist ja um die Frage, ob der Fremde unbedingt zum Feind werden muss. Carl Schmitt hat in Der Begriff des Politischen diese Behauptung aufgestellt. In der aktuellen Diskussion wird sich darauf zwar bezogen, aber gezeigt, dass die Grenze zwischen den Anderen und den Fremden immer eine Konstruktion ist. Das Beispiel mit den Westfalen und den Rheinländern und denen aus West Virginia zeigt das sehr gut. Es gibt Momente, in denen mir zB die Rheinländer sehr fremd sind (beim Karneval) und andere Momente, bei denen sie mir gleichen (z.B. beim Marathon-Lauf) Die Abgrenzung zwischen Anderen und Fremden erfolgt immer neu – je nach Thema – wobei es sicher Menschen gibt, die mir in vielem fremd sind, entweder, weil ich eigentlich nichts von ihnen weiß (West-Virginia) oder weil das, was ich weiß, mir Angst macht (Islamisten).

  7. # 7 roel schreibt:

    @Jörg Friedrich „…dann müssen sie meiner Meinung nach erst mal mit dem anfangen, was sie für real und wesentlich halten,oder?“ Wenn man es als das Wesentliche betrachtet eine gemeinsame Grundlage zu schaffen JA.

    Sie haben ja Recht, das es wechselnde Gruppen gibt. Die Familie, die Arbeitskollegen, die Vereinskollegen, etc. Und wenn das WIR im moment die Arbeitskollegen sind dann wäre hier ein Vereinskollege nicht unbedingt einbezogen. Aber er wäre für mich in diesem Kontext ein ANDERER. Fremde sind für mich Gruppen, zu denen ich bisher nicht zugehörig gewesen bin.

    Nebenbei bemerkt, „wobei es sicher Menschen gibt, die mir in vielem fremd sind … weil das, was ich weiß, mir Angst macht (Islamisten).“ Ich habe ein anderes Empfinden von Angst, bzw. ich habe diese Ängste nicht. Natürlich begünstigt Nichtwissen Angst aber in solchen Fällen bin ich eher vorsichtig als ängstlich. Ich denke immer in 3 Richtungen zB. was wäre gut, neutral, schlecht, und dieses normalerweise wieder in 3 Richtungen. Das ermöglicht mir eine scheinbare Spontanität mich auf Gegebenheiten einzustellen. Und ich glaube das ist der Grund, weswegen ich keine Angst empfinde. Aber das nur nebenbei. Vielleicht wäre es mal ein Thema was Philosophen zu Angst sagen.

  8. # 8 krabat slalom schreibt:

    die angeführte unterscheidung zwischen dem anderen und dem fremden scheint krabat ein etwas hilfloser versuch der wunderbaren dialogik des fremden zu entkommen: FREMD sind wir dort, wo uns der unmittelbare und selbstverständliche zugang zum ANDEREN fehlt. FREMD bin immer ich! und mein fremdsein kann mir zum anlass werden über mich hinauszuwachsen, ein ANDERER zu werden, indem ich bejahend auf den ANDEREN zugehe. begegnung und dialog in gegenseitiger achtung des jeweils ANDEREN. ganz kleine kinder nehmen so den ANDEREN an – bevor sie „fremdeln“.
    wenn nun aber ich mein FREMDsein auf den ANDEREN projiziere, ihn, den ANDEREN, zum FREMDEN mache, dann ist dies ein akt der abgrenzung, des zurücksoßens, der zunächst den schutz des EIGENEN will; aber gleichzeitig ist es ein akt der (selbst-)eingrenzung, der den ANDEREN seiner freiheit ebenso beraubt wie mich selbst. das EIGENE ist mein gettho, das mich schützt und gefangenhält zugleich. wenn der andere mich trotz der verletzung, die ich ihm durch mein fremdeln zufüge achtet, wird er mich lassen, vielleicht mit einem „schade, daß er sich so eingrenzt“ im kopf. achtet er mich aber nicht, wird er die verletzung durch mich zum anlass nehmen nun seinerseits mich zu verletzen. willkommen im kampf der kulturen, oder der nachbarn, oder der eheleute…
    FREMD bin immer ich, weil ich immer nur an mich selbst die forderung stellen kann, ein ANDERER zu werden!
    damit der wind weht, damit das wasser fließt

    gelebt und gestorben bruder

  9. # 9 roel schreibt:

    @Krabat Slalom „FREMD bin immer ich“ Fremdsein beruht meistens auf Gegenseitigkeit. Wem ich fremd bin der ist meist auch mir fremd. Aber wie oben geschrieben ich unterteile in ICH/WIR, ANDERE und FREMDE. Fremde hat bei mir keine Wertung im Sinne von Gut und Schlecht.

  10. # 10 lumpus directus schreibt:

    @Jörg
    Wenn du irgendwo hingehst und mit Leuten zu tun hast und es wird sachlich/fachlich, dann triffst du immer auf Leute, die Ahnung haben und auf andere, die aus irgendwelchen Gründen Ansprechpartner sind, aber ganz sicherlich nicht wegen ihrer Fachkompetenz.

    Wenn Du diese Beobachtungen extrapolierst, kommst du auf ein allgemein gültiges Prinzip – das übrigens auch nicht unbekannt ist. Wenn ich die Sache als „Linguisten vs. Fachleute“ anspreche, kommt oft das schnelle Nicken.

    Kommunikation ist jedenfalls nicht ganz einfach, wenn Problembären, Klassensprechertypen und Hanswürste im Spiel sind. Die Sprache bringt es eben nicht alleine, so ganz ohne Sache. Aber wir kommen vom Thema ab, auf deinem alten Blog wurde gerade noch die „fehlende Analyse“ behauptet – von einem geistig-politischen Analphabeten, insofern kam ich noch darauf.

    Vielleicht doch mal die Filter des Mailsystems prüfen, client- und serverseitig, sofern der Dienst im Haus ist. Der Zustand der Nichterreichbarkeit per E-Mail ist sehr ungewöhnlich.

    Viele Grüße!
    lumpus directus

  11. # 11 krabat slalom schreibt:

    @lumpus: du setzt einen gegensatz zwischen „sprach-bearbeitern“ und „sach-bearbeitern“ ? versteht krabat das richtig? ein solcher gegensatz wäre nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten, die „sache“ ist nicht vom sprechen über sie zu trennen, das sprechen nicht von den sachen über die es spricht. sprache wird selbst zur „sache“ wenn über sie gesprochen wird (linguistik, methodik und mathematik). trenne zb die physik von ihrer sprache, der mathematik, und du erhälst genau „nichts“.

    gelebt und gestorben

  12. # 12 lumpus directus schreibt:

    @krabat slalom
    Der Gegensatz ist natürlich metaphorischer Art. Selbstverständlich kann ein „Linguist“ nicht ganz ohne Sache Worte und Sätze ausstoßen, nur bezieht er sich nie primär auf die gemeinte und zusammen bearbeitete Sache.

    Es gibt etliche Bücher über das Project-Management, in denen bspw. natürlich erscheinende Widersprüche zwischen IT-Fachkräften und Abnehmern in den kaufmännischen Schichten analysiert werden. Hier gibt es bekannte Trauerarbeit, die IT-seitig mittlerweile seit Jahrzehnten geleistet wird. – Der Kaufmann dagegen ist oft empört, dass er nicht verstanden wird.

    Nicht anders verhält es sich aber auch bspw. in Ministerien mit den Schichten Beamte/pol. Beamte/Mandatsträger, das desaströse Auftreten illegitimer Kommentatorenkräfte in Jörgs letztem Blog spielt in der selben Liga.

    Diese Liste ließe sich fast beliebig fortführen, Kommunikation funktioniert bekanntlich in etwa so:
    1.) Person A pflegt mathematisches Modell M1
    2.) extrahiert/kodiert Nachricht N aus diesem, wobei N naturgemäß meist sehr bruchstückhaft ist
    3.) Person A sendet (auf verschiedenem Wege)
    4.) Person B empfängt und abstrahiert
    5.) Pflegt den Nachrichteninhalt in ein dafür geeignetes mathematisches Modell ein
    6.) Gibt Feedback, wobei dieses ex- oder implizit eine Empfangsbestätigung enthält
    u.s.w.

    Die Sprache ist natürlich wichtig, aber sie ist unscharf, man bekommt meist nicht herüber, was man genau meint bzw. man weiß oft nicht genau, was man selbst meint. Das ist ein Brei, so wie auch die Sprache selbst (man grunzt sich an, das trainierte Gehirn filtert massiv und übrig bleiben klar scheinende Wortfolgen) unscharf ist. Die Realität ist immer weit komplexer als das was kommuniziert wird. Komplexität (im Sinne von Chaos, jedenfalls für den Menschen) entsteht sehr schnell, bspw. mit ein wenig Traffic und ein paar Ampeln, mit ein paar Pokerkarten oder einem chinesischen Schachspiel oder mit dem Backgammonspielt.

    Viele Grüße!
    lumpus

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