Wissenschaftsjournalismus: It’s a blogging world
Schon die Zeichnung, mit der nature den Artikel „Supplanting the old media?“ (nature 458, 19.03.2009, pp 274-277) von Geoff Brumfiel illustriert, spricht Bände: Um eine halbverfallene Steinsäule mit der Aufschrift „Science Journalism“ rankt sich frisches Grün, an dessen Spitzen kleine Notebooks blühen.
Der Wissenschaftsjournalismus ist in der Krise. In den klassischen Medien werden weltweit die Wissenschaftsredaktionen abgebaut und der Umfang der Berichterstattung sowie die Recherche-Budgets gekürzt. Das ist die schlechte Nachricht.
Die gute Nachricht ist, dass immer mehr Wissenschaftler zu Bloggern werden. Sie nutzen das Netz, um schnell über ihre Forschungen berichten zu können und unmittelbare Reaktionen von Kollegen zu erhalten, aber auch, um der Öffentlichkeit über ihre Forschungen unmittelbar und ohne den Filter des Journalisten zu berichten.
Somit sind wir zunehmend in der Situation, dass wir im Netz, genauer gesagt, in den Blogs der Wissenschaftler, viele aktuelle Forschungsresultate, Theorien, Experimente, Lösungsvorschläge, Beobachtungen, empirischen Untersuchungen unmittelbar und aus erster Hand finden können.
Wir brauchen also den Wissenschaftsjournalismus nicht mehr, wenn wir in der Spitzenforschung auf dem Laufenden bleiben wollen. Im Gegenteil: Die Journalisten beziehen ihre Informationen selbst zum großen teil aus den Blogs der Wissenschaftler.
(Wir haben es also auf diesen Gebiet genau mit der Umkehrung der oft formulierten Behauptung zu tun, dass Blogs das Ende der seriösen Information sind und nur der klassische Journalismus die Quelle gut recherchierter Information sein kann.)
Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Blogs sind eine gute Informationsquelle für diejenigen, die schon wissen, was sie suchen, und wo sie diese Informationen finden. Wer einfach „auf dem Laufenden“ bleiben will, wer die Stichworte der aktuellen Forschung nicht kennt, der hat ein Problem, wenn seine Zeitung immer weniger über Trends der Wissenschaft berichtet: er kennt die Stichworte gar nicht, nach denen er Blogs suchen könnte.
Blog-Sammlungen wie ScienceBlogs schaffen hier Abhilfe. Sie bieten dem Leser die Möglichkeit, sich einen Überblick über verschiedene Forschungsbereiche zu verschaffen und die Stichworte erst einmal aufzusammeln, nach denen er weitersuchen kann.
Aber es gibt noch ein anderes Problem. Wissenschaftler berichten über ihre eigene Forschung natürlich so, wie sie ihre Arbeit in der Öffentlichkeit wahrgenommen haben wollen. Allenfalls werden wir in Wissenschaftsblogs eine wissenschaftliche Kritik anderer Forschungs-Arbeiten finden, aber kaum eine Kritik aus anderen gesellschaftlichen Perspektiven, eine ethische, religiöse, politische oder ökonomische Kritik.
Man stelle sich vor, wir würden uns über die Arbeit der Politiker nur aus deren Blogs, Informationsportalen und Podcasts informieren, oder wir würden Nachrichten aus der Wirtschaft nur noch aus Unternehmens-Blogs erhalten. Wie hoch wäre das Vertrauen in diese Mitteilungen?
„Science is like any other enterprise. It’s human, it’s flawed, it’s filled with politics and ego.” Das steht in dem oben genannten nature-Artikel.
Die Selbstdarstellungen der Wissenschaft kritisch zu begleiten, diese Arbeit hätten eigentlich die Medien zu erledigen. Wenn sie dem immer weniger nachkommen, kann die Blogosphäre natürlich auch aus eigener Kraft die kritische Stimme erheben. Fraglich ist allerdings, ob in einer Wissenschafts-gläubigen Welt kritische Stimmen im Chor der wissenschaftlichen Erfolgsmeldungen überhaupt gehört werden.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2009/03/29/wissenschftsjournalismus-its-a-blogging-world/
am 30. März 2009 um 19:43
„In den klassischen Medien werden weltweit die Wissenschaftsredaktionen abgebaut und der Umfang der Berichterstattung sowie die Recherche-Budgets gekürzt.“ – könnte auch damit zusammenhängen, dass klassische Medien wissenschaftliche Arbeiten sehr oft nur so transportieren, dass sich das Medium verkauft. Der aufmerksame Konsument weiss um diesen Sachverhalt, hat schon seit längerem eine Abneigung gegen diese Art der Berichterstattung entwickelt und meidet die medien-wissenschaftliche Berichterstattung auf einem Niveau für das exemplarisch sowas hier
http://www.spiegel.de/wissenschaft/weltall/0,1518,616353,00.html („Forscher warnen jetzt, dass die gleichen Prozesse noch heute ablaufen.“)
genannt werden soll.
am 5. April 2009 um 00:23
Wobei gelegentlich doch mal etwas Interessantes dabei ist:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,611415,00.html
So könnte also z.B. die grundsätzliche Abneigung Einzelner gegen den real existierenden Wissenschaftsjournalismus der „Printmedien“ auch ganz anders zu erklären sein.