Jörg Friedrich


Wer soll nun die Kinder lehren?

23. März 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Max und Moritz haben bekanntlich ihren Lehrer Lämpel durch Streiche, mit denen sie in heutiger Zeit zum Thema von Talkshows und Politiker-Reden werden würden, ins Krankenbett gebracht. „Wer soll nun die Kinder lehren…“ fragte Wilhelm Busch und legte damit über seine Zeit dreifaches Zeugnis ab.

  1. Schon damals gab es ungezogene Kinder, die ihren Lehrern das Leben schwer machten.
  2. Die Lehrer dieser Zeit verfügten offenbar auch nicht alle über die nötige Autorität, um mit solchen Schülern souverän umgehen zu können
  3. Es gab offenbar auch im Schulsystem der Busch-Zeit einen Lehrermangel, denn eine geeignete Vertretung für einen erkrankten Lehrer scheint nicht der Normalfall gewesen zu sein.

 

Trotzdem, so könnte man sagen, sind damals die Kinder erwachsen geworden, Ingenieure und Wissenschaftler wurden ausgebildet und brachten uns die Wunderwerke der Technik, über deren Segnungen wir uns noch heute freuen. Warum also den Lehrermangel heute gesondert thematisieren, ist es nicht vielleicht eine ganz selbstverständliche Erscheinung des menschlichen Zusammenlebens, dass die Menschen, denen wir die Ausbildung unseres Nachwuchses anvertrauen, es schwer haben, nicht unbedingt für den Beruf geeignet sind, nicht die Achtung genießen, die ihrer Funktion in der Gesellschaft entspräche und dass dem entsprechend der Lehrer-Beruf keine ausreichende Attraktivität besitzt?

 

Das mag sein. Allerdings spielte die Ausbildung im Lesen, Schreiben und Rechnen und in allem, was darauf im Laufe der Schulzeit aufbauen soll, für das Leben der meisten Menschen zu Wilhelm Buschs Zeiten auch noch nicht so eine große Rolle wie heute. Mag sein, dass Max und Moritz nicht viel gelernt haben, für ihre Klassenkammeraden wird es gereicht haben um während ihrer verbleibenden Lebenszeit das gleiche Leben zu führen wie ihre Eltern und Großeltern.

 

Das ist heute anders. Was Hänschen nicht gelernt hat, kann Hans zwar immer noch lernen, und er wird es müssen, weil vieles von dem, was er wissen muss, zu Hänschens Zeit noch gar nicht im Lehrplan gestanden hat. Aber er kann es nur, wenn er in der Schule das Lernen gelernt hat. Dazu müssen Lehrer da sein, die in der Lage sind, ihren Schülern die Freude am Lernen und die Technik des Lernens zu vermitteln.

 

Diese Lehrer gibt es, keine Frage, aber es sind längst nicht genug. Deshalb wird nun viel darüber gerätselt, was die Politik tun kann, damit es mehr (und mehr gute) Lehrer gibt.

 

Natürlich kann man dafür sorgen, dass die Lehrerausbildung optimiert wird. Selbstverständlich soll man dafür sorgen, dass erfahrene Lehrer die Jungen unterstützen, damit nicht so viele junge Lehrer in den ersten Berufsjahren schon aufgeben oder resignieren. Selbstverständlich ist es gut, wenn man in anderen Berufsgruppen nach geeigneten Menschen sucht, die vielleicht pädagogische Naturtalente sind oder für die man spezielle pädagogische Weiterbildungsprogramme auflegt.

 

Aber all das wird das Problem nicht lösen. Mehr gute Lehrer bekommen wir nur, wenn der Lehrerberuf ein besseres Image bekommt. So etwas ist natürlich nur sehr langfristig zu haben, aber das Problem Schule und Ausbildung ist in der gesellschaftlichen Perspektive ohnehin in einem Zeithorizont angesiedelt, der sich in Jahrzehnten bemisst.

 

Der Lehrerberuf braucht vor allem ein neues Marketing. Werbespots für die Bundeswehr laufen im Kino – für den Lehrerberuf nicht. Kriminalisten können wir mehrmals wöchentlich im öffentlich rechtlichen Fernsehen bei ihrer „spannenden“ und „gefahrvollen“ Arbeit zusehen, wir haben fast in jeder Stadt ein paar „Ermittler“ die wir in’s Herz geschlossen haben. Wo sind die guten Fernsehfilme über coole Lehrer?

 

Wir müssen die Mittel unserer Gesellschaft nutzen, um die Probleme unserer Gesellschaft anzugehen. Gutes Marketing ist eines der wichtigsten Werkzeuge, um die Menschen zu erreichen. Jeder Politiker, der gern regieren will, weiß das aus seinem eigenen Wahlkampf. Werbebudgets für den Lehrerberuf wären sicher besser angelegte Investitionen als Luftballons mit Parteiabkürzungen und Plakate mit grinsenden Vorsitzenden es sein können.


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3 Kommentare to “ Wer soll nun die Kinder lehren? ”

  1. # 1 Alexander Erben schreibt:

    100% Zustimmung. Und der von mir zugegeben oft für Zitate bemühte Volker Pispers konkret zum Thema (speziell ab 01:59)

    http://www.youtube.com/watch?v=yaDmjESm3aA&hl=de

  2. # 2 Der Hoppibär schreibt:

    In meiner Familie sind so gut wie alle ausser mir Lehrer, LOL, ich glaube dass das oft gehörte „… wenn er in der Schule das Lernen gelernt hat.“ etwas zu hoch gegriffen ist. In der Schule sollte das Kind Allgemeines lernen, was mir hier oft fehlt ist der solide Vortrag der Lehrer, das unterhaltsame und fesselnde Element. Es hapert m.E. nicht an der Ausbildung, sondern am Talent; viele werden Lehrer im Rahmen eines „Studiums Light“, nicht wegen der Berufung, wie es früher wohl häufiger der Fall war.
    Oder gehts hier im Blogeintrag um Lehrer-Marketing, ja da gibts auch was zu tun, LOL. Wo bleibt der coole Lehrer?

  3. # 3 Vogel schreibt:

    Der Beitrag zum Thema von Volker Pispers – soweit er die fachliche Seite anspricht – bringt`s bestens auf den Punkt! (Link von Alexander Erben). Was VP in seinem Vortrag vergessen hat: Unverschämte Eltern, deren unverschämte Forderungen und den Verwaltungsballast mit dem die Lehrer zugeschüttet werden!

    Ergänzung: Meine Frau war 20 Jahre lang Grundschullehrerin – sie ist davon ernsthaft krank geworden! (z. B. 31 Kinder, 16 davon – also mehr als die Hälfte – aus halben „Familien“ und somit aus sozial und wirtschaftlich prekären Verhältnissen …)

    Beste Grüße
    Vogel

    PS.: Etwas OT: Ich muss bei solchen Gelegenheiten auch immer an das „Vollbeschäftigungsthema“ denken. Wenn wir den sozialen Bereich (Lehrer, Pfleger usw.) und den öffentlichen Bereich (Feuerwehr, Polizei [wo ist der „Dorfpolizist“] usw.) attraktiv machen und adäquat besetzen würden wären wir auch da einen Riesenschritt weiter!!

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