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Jörg Friedrich


Gier

21. März 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Wenn die Ökonomie das ist, was sich in den Kategorien „nützlich“ und „schädlich“ ausdrücken lässt und Ethik all das umfasst, was sich in den Kategorien „gut“ und „böse“ ausdrücken lässt, dann markiert der Begriff „Gier“ offenbar einen Berührungspunkt zwischen dem Ökonomischen und dem Ethischen. Aber kann es solche Berührungspunkte überhaupt geben? Ist nicht jedes ökonomisch nützliche Verhalten – je nach Perspektive, je nach Zeithorizont – mal ethisch gut und mal verwerflich? Sollte man deshalb nicht ökonomische s und ethisches säuberlich trennen um nicht in heillose Argumentationsschwierigkeiten angesichts der Komplexität der wirklichen Zusammenhänge zu geraten?

 

Der Sinn solcher Überlegungen, das Ziel der richtigen Einordnung eines Begriffes wie „Gier“ ist, herauszufinden, unter welchen Bedingungen wir uns wirklich gegen Gier zur Wehr setzen müssen, was wir tun müssen, damit Gier nicht unser Leben gefährdet. Wenn Gier ein ökonomisches Phänomen ist, dann muss sie ökonomisch bekämpft werden, dann kann man ökonomische Instrumente, die Gier befördern, verbieten oder bekämpfen, ist es ein moralisches Problem, dann kann es mit moralischem Druck und ethischer Bildung angegangen werden.

 

In der Tat scheint „Gier“ zunächst in der ökonomischen Welt gar keinen Platz zu haben, in rein ökonomischen Untersuchungen und Betrachtungen ist seine Definition und die Abgrenzung gegen andere Worte wie z.B. „Nutzensmaximierung“ gar nicht möglich. Von ökonomischen Kategorien aber wissen wir, dass sie ethisch neutral sind und dass eine Diskussion ihrer Funktion und ihres Zusammenspiel von moralischen Bewertungen frei gehalten werden sollten.

 

Aber ist „Gier“ ein ethischer Begriff? Sicherlich, wenn wir sagen, jemand sei gierig, dann ist das eine Wertung, Ablehnung kommt darin zum Ausdruck – aber das gilt für ästhetische Begriffe auch, und was wir hässlich oder langweilig finden, das ist deshalb nicht böse, und was schön und anmutig daherkommt, muss nicht gut sein.

 

Wenn wir die ethischen Kategorien auch nur entfernt im Kontext des Kantischen kategorischen Imperativs benutzen, dann merken wir schnell, dass Gier nicht nur ökonomisch, sondern auch ethisch neutral ist, so wie Schönheit und Hässlichkeit. Gieriges Verhalten kann böse sein, es gibt aber auch Situationen, in denen es einfach nur lächerlich ist. Gier kann sich auf Dinge richten, die allen anderen Menschen ganz egal sind, oder es schadet nur anderen, ebenfalls gierigen Menschen.

 

Seine sowohl ökonomische als auch moralische Wirkung entfaltet Gier erst, wenn es zur beherrschenden Triebfeder für ökonomisches Handeln wird. Bekanntlich sind die letzten Gründe für das Handeln der Menschen in der ökonomischen Welt nie ökonomischer Natur, sie sind kulturell, religiös oder auch moralisch begründet – oder sie stammen eben aus jener Welt, die wir hier umkreisen und in der die Gier ihren Platz hat.

 

Vielleicht kann man zunächst festhalten, dass jene anderen Handlungsantriebe, die im Ökonomischen wirksam werden können, die kulturellen, religiösen, moralischen Motive, in den letzten Jahrzehnten ihre Kraft verloren haben. Es gibt immer weniger unternehmerische Familientraditionen, die Familie Buddenbrooks ist ein Auslaufmodell, kulturelle Gewissheiten lösen sich angesichts der Globalisierung der Wirtschaft auf.

 

All diese Systeme haben das Ökonomische begrenzt, und damit geschützt. Die Gier, das ist, so scheint es, so etwas wie ein Krebs, ein unbegrenztes Zellwachstum, das den Organismus und damit auch sich selbst am Ende zerstört.

Ein Gegenmittel fände man vielleicht, wenn man das Gegenstück zur Gier findet, so wie man dem Bösen das Gute, dem Hässlichen das Schöne entgegenstellt. Das Gegenstück zur Gier, das ist die Interessenlosigkeit. Interessenlosigkeit lässt Gier ins Leere laufen, sie ist es, die die Gier lächerlich macht. Dem unbeschränkten Alles-Wollen setzt sie die Gleichgültigkeit entgegen.

 

Wo die Gier ängstlich nach immer mehr greift, sagt diese Gleichgültigkeit, dass es schon irgendwie weitergehen wird. Das Gegenstück zur raffenden Börse ist die digitale Boheme.

 

Diese Lebensform soll hier nicht idealisiert werden, sie ist nicht das Modell für unser zukünftiges Leben. Sie ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als der Gegenpol zum gierigen Raffen, sie sorgt dafür, dass wir, in der Mitte, in unserem mittelmäßigen Gleichgewicht bleiben können.


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http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2009/03/21/gier/

6 Kommentare to “ Gier ”

  1. # 1 creezy schreibt:

    Das Gegenstück zur raffenden Börse ist die digitale Boheme.

    Hätte mir gewünscht, Du hättest diesen Satz in dem Kontext näher ausgeführt.

  2. # 2 J.A. schreibt:

    Hallö Jörg,
    Gier ist für mich ein sehr komplexer Begriff und je nach Auslegung alles Andere als neutral. Allerdings ist das Wort „Gier“ an sich unscharf, weil es eine Tendenz und eine innere Haltung beschreibt, je nach Objekt der Betrachtung. Pflanzen gieren z.B. auch ständig nach Leben und nach der Sonne, sie können auf Grund ihrer Genetik nicht anders. Unkraut breitet sich aus und macht alle anderen Pflanzen kaputt, wenn der Mensch (oder der Zufall der Natur) nicht eingreift.

    Beim Gehirn des Menschen würde ich sagen, ist die Gier der Wunsch, immer mehr zu wollen- zu wachsen, zu wachsen ohne zu fragen, warum man eigentlich wachsen möchte. Wenn die Gier in Maßen vorkommt, ist es ein natürlicher und gesunder Vorgang, sich zu verbessern, vielleicht Ehrgeiz oder Fortschritt genannt. Wie beim Alkohol macht dann aber die Menge das Gift, kleine Dosen sind belebend und anregend, je mehr man aber davon trinkt, desto schlechter geht es einem.

    Sich mit den Fragen der Gier zu beschäftigen, ist auf jeden Fall eine sinnvolle Antwort auf die derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise, wie mir scheint.

    mfg, J.A.

  3. # 3 Der Hoppibär schreibt:

    Wenn man ein Kooperationsmodell zugrunde legt, das Win-Win Verhältnisse anerkennt, dann kann Gier nur diejenige Art der Kooperation sein, die den bei Kooperationen entstanden Mehrwert ungleich verteilt. Der Gierige übervorteilt den Partner. Das geht normalerweise nicht lange gut, es sei denn – das ist die bekannte Ausnahme –, einer der Partner ist wesentlich grösser und stärker als der andere.
    Da könnte man dann mit der Bezeichnung Gier kommen, bei der sog. „Managergier“, die jetzt im Kontext der durch die Bankenkrise (CRA etc.) entstandenen Wirtschaftskrise gerne genannt wird, glaube ich eher an eine politische Massnahme als an eine Beschreibung der Realität. [1]
    Gier ist erstgenannten Sinne ist übrigens nicht sehr natürlich.

    [1] Rückwirkende „kommunistische“ Steuersätze auf Bonuszahlungen oder gar Enteignungen sind ebenfalls Zeichen der Hilflosigkeit der Politik. Genauso wie die Freude darüber, dass jetzt mehr reguliert wird oder werden soll. Viel Spass dabei!

    Nachtrag: Der Kantsche Kategorische ist eigentlich ungeeignet. Das kann u.a. daran erkannt werden, dass sich niemand entsprechend verhält. Jedenfalls nicht immer. :–)

  4. # 4 Alexander Erben schreibt:

    Gier ist in der Tat lächerlich, wie ich finde. Sie ist immer dann im Spiel, wenn man mehr von einer Sache will als man tatsächlich davon verbrauchen kann.

    Glücklicherweise (und leider) gibt es Geld, ist als solches vielfältig einsetzbar, und an kein bestimmtes Gut gebunden. Man kann es also „immer gebrauchen“.

    So wünschen sich aber viele Menschen viel Geld, ohne zu wissen, was sie damit eigentlich anfangen wollten und was genau sich durch viel Geld in ihrem Leben ändern sollte.

  5. # 5 Jörg schreibt:

    @creezy: „Digitale Boheme“ – das ist für mich das Synonym für die Welt derer, die sich in ihren Internet-Projekten verwirklichen wollen,die wissen, dass sie dazu zwar auch irgendwie Geld brauchen, aber wenn irgendwie genug zusammenkommt,dass es zum Überleben und zum weiter-projekten reicht, zufrieden sind. Vielleicht gieren diese Menschen auch nach etwas, vielleicht nach Anerkennung, aber ich glaube selbst das ist nicht der Fall. Aber das wäre eine neue Geschichte.

  6. # 6 Tarvoc schreibt:

    Inwiefern und in welchem Sinne ist die „digitale Boheme“ das Gegenstück zur „Gier“? – Ich würde sagen in ähnlicher Weise, wie das „Proletariat“ das Gegenstück zur „Bourgeoisie“ ist.

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