Jörg Friedrich


Das Kinder-Rätsel

19. März 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Zu den größten Rätseln der modernen westlichen Gesellschaft gehört es, dass überhaupt noch Kinder geboren werden. Früher, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sprachen biologische, kulturelle und rationale Gründe für das Kinderkriegen. Heute, 100 Jahre später, ist davon quasi nichts mehr übrig geblieben.

Vor 100 Jahren hätten die Menschen ganz auf Sex verzichten müssen, um sicher vermeiden zu können, dass Kinder gezeugt werden. Das wusste die Natur jedoch zu verhindern. Heute gibt es eine ganze Vielzahl von Möglichkeiten, zu entscheiden, ob eine Frau sich dem Risiko, schwanger zu werden, überhaupt aussetzen möchte.

Aber vor 100 Jahren stellte sich auch niemand diese Frage. Es war ganz selbstverständlich, dass sich junge Männer und Frauen spätestens mit 20 Jahren zusammen taten, um eine Familie zu gründen. Es war keine Entscheidung nötig, kulturelle Prägung, Tradition, machte es zu einer nicht hinterfragten Selbstverständlichkeit.

Mit der weiten Verbreitung des Ideals der subjektiven Entscheidungsfreiheit kam auch die Frage nach der richtigen Wahl des Partners und nach dem richtigen Zeitpunkt der Elternschaft in die Verantwortung des Einzelnen. Mit der Möglichkeit, die Schwangerschaft zu vermeiden, ging die Notwendigkeit der bewussten Entscheidung für Partner und Kind einher.

Und damit trat die Rationalität, die Vernunft auf den Plan. Selbst wenn sie vor 100 Jahren schon eine Rolle gespielt hätte, sie hätte ganz selbstverständlich für den persönlichen Nachwuchs gesprochen. In der besten Zeit des Lebens, in der man stark genug ist, für zwei oder drei Familienmitglierde zu sorgen, trifft man Vorkehrungen, damit sich auch jemand um einen kümmert, wenn man alt und schwach ist.

Diese rationale Begründung gibt es zwar heute noch, aber nicht mehr individuell, sondern nur noch gesamtgesellschaftlich. Individuell spricht, zumal für den freien individualisierten Menschen, nichts mehr für eigenen Nachwuchs. Erst ist da die Ausbildung, dann die ersten Schritte im Beruf, dann hat man noch nicht den richtigen Partner und dann ist es zu spät. Zumal es zu keinem Zeitpunkt wirklich rationale Gründe dafür gibt, jetzt und hier ein Kind in die Welt zu setzen.

Nimmt man all das zusammen stellt sich wie gesagt die Frage, warum es überhaupt noch Kinder gibt, warum die Kreißsäle nicht längst geschlossen wurden.

Ich weiß es nicht, aber ich wüsste es gern, denn es macht ja Hoffnung. Irgendwo in meiner zwangsläufigen Argumentation muss ein Fehler sein. Den müsste man finden – dann könnte man den Grund, den es da noch gibt,stärken, damit es wieder mehr Kinder gibt.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2009/03/19/das-kinder-ratsel/

32 Kommentare to “ Das Kinder-Rätsel ”

  1. # 1 Antje schreibt:

    @Jörg
    Bin gerade etwas von der Werbung auf deiner Seite irritiert.
    http://www.tfp-deutschland.de/index.html
    Hat dein Familienartikel/Kinderartikel damit zu tun ?
    Würde mich freuen, wenn du dazu was sagen würdest.

  2. # 2 Antje schreibt:

    Ich meinte speziell diese Werbung:
    http://www.das-herz-jesu-apostolat.de/landing-pages/das-herz-jesu-apostolat-t-nc1811.html?gclid=CKWyje67spkCFQMEZgod0E9I5g

  3. # 3 Der Hoppibär schreibt:

    „Individuell spricht, zumal für den freien individualisierten Menschen, nichts mehr für eigenen Nachwuchs.“

    Starke Worte, nur ist diese Aussage – wie so viele Verallgemeinerungen – falsch. Ich gebe dem „Spassmenschen“ und „freien indivual. Menschen“ die Fragen mit:
    - Reichen nur Freunde?
    - Wie siehts wohl so im Alter aus?
    - Liegt vllt ein Handeln wider der Natur vor?
    - Bedeuten Kinder nicht Glück?

    Zudem überschreibt die gesamtgesellschaftliche Fragestellung die indiv., aber das ist dem geschätzten Autoren sicher klar.

    Übrigens spielen auch die kampagnenartigen Antipapstattacken hier mit hinein, die (berechtigten) Ängste Einzelner um sich und die Gesellschaft (wg. Geburtenrate 1,2) werden auf Sachen wie Atomangst oder den Klimawandel projiziert („projeziert“ müsste eigentlich auch gehen, LOL). Auch die Wirtschaftskrise ist eine Angstkrise.

    Ist halt ein Trauerspiel mit den Deutschen, da müssen m.E. erst einmal bestimmte Meinungsführerklassen auf natürlichem Wege dezimiert werden. In ein, zwei Generationen siehts dann wohl wieder besser aus.

  4. # 4 Jörg schreibt:

    @Antje: Die Werbung wird vom Werbungsprovider (Google) automatisch erzeugt – aufgrund des Vorkommens bestimmter Schlüsselwörter auf der Seite – hier also wahrscheinlich „Kinder“ „Kinderwunsch“ usw.

    @Hoppibär: Da dieser Artikel eher polemisch angelegt ist, würde ich die zitierte Aussage nicht als „falsch“ sondern als „zugespitzt“ bezeichnen. Im Übrigen hast du natürlich Recht. Ich hab ja selbst ein paar Kinder großgezogen.

  5. # 5 Der Hoppibär schreibt:

    Schon klar. :)
    Ich denke mal, dass wir hier den Effekt beobachten, dass diejenigen, die nie richtige Familienmenschen waren und die eher zufällig bzw. „weils passiert ist“ Mütter, Väter und Familienangehörige wurden, aber dieses eigentlich „intellektuell“ nie wollten, jetzt [1] aus dem Lauf der Evolution ausscheiden. Das wäre dann nur ein vorübergehendes Phänomen und nicht wirklich besorgniserregend.
    Andere Erklärungen wie „Reaktion auf NS-Zeit“ oder „R. auf die Kolonialisierung“ oder „Krise der westlichen Systeme“ halte ich für durchaus naheliegend, aber falsch.

    [1] wg. der erst jetzt möglichen Prävention

  6. # 6 Claudia schreibt:

    „Aber vor 100 Jahren stellte sich auch niemand diese Frage. Es war ganz selbstverständlich, dass sich junge Männer und Frauen spätestens mit 20 Jahren zusammen taten, um eine Familie zu gründen. Es war keine Entscheidung nötig, kulturelle Prägung, Tradition, machte es zu einer nicht hinterfragten Selbstverständlichkeit.“

    Anhand solcher, schlichtweg falscher, Behauptungen, frage ich mich immer wieder, wozu eigentlich diese gedankenlose Plauderei namens Blog mit dem Anspruch auf journalistische Ernsthaftigkeit dienen soll. Ein bisschen Recherche über die Situation vor „100 Jahren“ hätte ergeben, dass es keineswegs üblich war, sich mit 20 Jahren zusammenzutun um eine Familie zu gründen. Das Alter ist viel zu früh gegriffen, meistens waren die Männer deutlich älter, für große Bevölkerungsteile war die Ehe und Familiengründung erst mit ökonomischer Absicherung möglich, etc. etc. Auch vor „100 Jahren“ gab es Kritik an den „Hagestolzen“, die keine Familie gründeten und damit angeblich die „ökonomische Basis“ der Gesellschaft untergruben. Ein bisschen Recherche hätte auch ergeben, dass vor „100 Jahren“ keineswegs Großfamilien mit unzähligen Kindern üblich waren. Eine genaue Differenzierung der „100 Jahre“ und der Umstände wäre nötig gewesen, um die Argumentationskette zu untermauern. Vielleicht wäre dann auch aufgefallen, dass die ständige Wiederkehr der gleichen Argumente auch in angeblich noch nicht so individualisierten und rationalisierten Gesellschaften bereits vorhanden war. Richtig schade ist dieses Vorgehen, wenn durch diese Unbedachtsamkeit die Relevanz des restlichen Artikels geschmälert wird – dessen Inhalt allerdings auch nicht neu ist.

  7. # 7 Der Hoppibär schreibt:

    @Claudia:
    Glaube auch nicht, dass „vor 100 Jahren“ der richtige Vergleichszeitpunkt ist. Allerdings scheint mir des Blogmasters Beobachtung nicht falsch, gabs damals nicht noch verabredete Ehen oder Ehen, die der Mann bestimmte, auch mit Barem? Die Nichtehe und das Flatterleben waren damals die absolute Ausnahme.
    Das ist in anderen Kulturkreisen noch heute so, was für die behauptete „Selbstverständlichkeit“ sprechen könnte und sollte; ansonsten bitte ich um ein wenig Contenance, merci beaucoup!

  8. # 8 Claudia schreibt:

    @Hoppibär:
    „Nimmt man all das zusammen stellt sich wie gesagt die Frage, warum es überhaupt noch Kinder gibt, warum die Kreißsäle nicht längst geschlossen wurden.“
    Eben diese Frage gab es vor gut 100 Jahren, vor gut 60 Jahren … darüber nachzudenken, was uns heute davon in und während diesem Nachdenken darüber davon untertscheidet, wäre ein möglicher Ansatz gewesen – eben vor dem Hintergrund, dass diese Fragen nicht neu sind. Verabredete Ehen oder familiäre Zustände überhaupt spielen dabei eine Rolle, fallen aber aufgrund ihrer notwendigen Differenzierung aus dem Rahmen eines Blogs.
    Meine Kritik galt dem undifferenziertem Herausgreifen von gegenwärtig populären Klischees, die bei näherer Betrachtung nicht so neu sind wie sie scheinen und deshalb sich weder dafür eigenen, etwas „Neues“ zu behaupten (ein Anspruch, der ja wohl besteht?) noch eine Argumentation darauf aufzubauen.
    Mit anderen Kulturkreisen und der „Selbstverständlichkeit“ wolltest Du sagen, wenn ich das richtig annehme, dass offensichtlich bestimmte „Kulturkreise“ – auch durch verabredete Ehen – eine höhere Geburtenrate produzieren. Da dies wohl für beispielsweise grob gesagt die arabischen Länder angenommen werden kann, müsste hier untersucht werden, inwieweit hier tatsächlich noch die Ehen arrangiert werden. Das scheint ein interessanter Anhaltspunkt zu sein – immer unter dem Vorbehalt des hinkenden Kultur- und Ländervergleichs. Gleichzeitig würde damit behauptet, dass „Nichtehe und Flatterleben“ weniger Kinder produzieren. Problematisch. Ein sehr weites Feld.
    Was genau bedeutet in diesem Zusammenhang „Contenance“?

  9. # 9 Der Hoppibär schreibt:

    @Claudia:
    Contenance bedeutet kühlen Kopf bewahren und Sacharbeit leisten. Jörgs Betrachtung ist doch aktuell, bei einer Geburtenrate von 1,2 darf sicherlich von einem Geburtendesaster gesprochen werden, das bspw. die Angst vor der Kernkraft, dem Klimawandel und der Wirtschaftskrise – um jetzt einfach mal ein paar deutsche Grundängste herauszugreifen – deutlich übertreffen sollte. Allein, die Eisbären berühren uns anscheinend mehr.
    Meine Theorie ist halt die biologisch-evolutionäre Anpassung vieler an die neuen (60 Jahre? ;–) Gegebenheiten bei der Familienplanung, Jörg versuchts an der Spaßgesellschaft festzumachen. Möglicherweise läufts auf dasselbe hinaus.
    Einige Sachen, die Du schreibst, verstehe ich nicht. Macht aber nix. :–)

  10. # 10 Claudia schreibt:

    Wenn Sacharbeit bedeutet, falsche Vergleiche aufzustellen, wie Du in anderer Hinsicht auch bemerkt hast: „Starke Worte, nur ist diese Aussage – wie so viele Verallgemeinerungen – falsch“, dann finde ich es berechtigt anzumerken, dass die Themen etwas differenzierter angegangen werden sollten. Geschriebenes Wort bedeutet meines Erachtens noch nicht „Contenance“. Ich finde einfach, dass mit der journalistischen Sacharbeit in einem Blog etwas sensibler umgegangen werden sollte als beim Gespräch beispielsweise mit dem Nachbarn oder Kollegen. Dazu gehört wenigstens ein bisschen Recherche, um über Verallgemeinerungen und Klischees hinauszukommen. Ansonsten ist es nicht mehr als Plauderei und dass es aktuelle Plauderei ist, macht es auch nicht ernsthafter.

  11. # 11 Der Hoppibär schreibt:

    Ich erlaube mir die Anmerkung, liebe Claudia, dass Jörg Friedrich ganz sicher nicht zu denjenigen gehört, die das Medium Blog in Verruf bringen.
    Der Mann weiss, was er schreibt.
    Bei Deinen Kommentaren, so sehr ich sie auch schätze, stelle ich immer wieder bestimmte Redewendungen fest, die mir zu stark negativ konnotieren. Wir sind doch wirklich schon aus dieser Zeit heraus in der man sich „unzureichende Reflexion“, „Ressentiments“, „Klischees“ und „differenzierter angehen“ um die Ohren gehauen hat.
    Beschäftige Dich vielleicht einfach mal mit anderen Blogeinträgen des Meisters, die konvenieren ganz vermutlich besser. :–)

  12. # 12 Claudia schreibt:

    @Hoppibär
    „Starke Worte, nur ist diese Aussage – wie so viele Verallgemeinerungen – falsch“ – ich kann den Unterschied zwischen Verallgemeinerungen, Klischees, falsch und unzureichende Reflexion nicht so ganz erkennen.
    Scheint so, dass Du an mir etwas kritisierst, „lieber Hoppibär“, was Du Dir selbst herausnimmst.
    Keineswegs wollte ich den „Meister“ an sich kritisieren. Mir fiel nur auf, dass aufgrund dahingeschriebener, unbedachter (falscher) Annahmen Schlüsse gezogen wurden. Auch wenn diese Schlüsse plausibel sein könnten, ist es einfach schade, dass der gesamte Artikel durch die anfängliche Nachlässigkeit verliert. Dazu hätte ich mir einen sensibleren Umgang gewünscht.
    Warum Du trotz Deiner eigenen harschen Kritik am geschriebenen Wort des „Meisters“ das nicht nachvollziehen kannst und meinst, mir gute Ratschläge geben zu müssen, ist mir – ehrlich gesagt – ein Rätsel.
    !

  13. # 13 Jörg schreibt:

    Claudia, als ich gestern Mittag deinen ersten Kommentar las, fragte ich mich natürlich, warum mich deine Worte so ärgern. Ich habe mich deshalb entschieden, mich erst in einer ruhigen Minute an der Diskussion zu beteiligen.

    Du kommst mit einer Vorstellung hier her, wie ein Blog sein sollte und welchen Anspruch er haben sollte. Du findest hier dann etwas anderes, kommst dann aber leider nicht auf die Idee, deine Vorstellung zu revidieren, sondern beschwerst dich, dass ich mich mit meinem Blog nicht an Deine Vorstellungen halte.

    Nun hat dich hier erstens niemand hergezwungen und keiner verlangt von Dir, meine Texte zu lesen. Wenn du das Bedürfnis hast, mich grundsätzlich zu kritisieren in dem was ich hier tue, dann erwarte ich zunächst mal das gleiche von Dir, was du von mir verlangst: Recherche. In diesem Falle hätte das Rechercheergebnis genau einen Klick weit weg gelegen, es gibt hier nämlich einen Link, der heißt „Über dieses Blog“. Der erste Satz dort lautet:

    Die Texte in diesem Blog sind in erster Linie als Gedanken und Notizen „auf dem Weg“ zu lesen, sie stellen selten abgeschlossene oder relativ stabile Thesen dar.

    Ich verfolge also einfach ein ganz anderes Ziel mit meinem Blog als du es erwartest, und das hättest du wissen können, ja, ich erwarte, dass jemand, der mich so grundsätzlich kritisiert, da zuerst einmal schaut, wo er sich eigentlich befindet. Es gibt so viele unterschiedliche Blogs, Blogger und Blogziele, dein formulierter „Anspruch“ ist einer jener unzulässigen Verallgemeinerungen, gegen die du selbst dich so verwahrst.

    Nun aber zu deiner inhaltlichen Kritik, soweit sie überhaupt erkennbar ist. Vor ca. 100 Jahren waren die Unterschiede im Heiratsalter zwischen den einzelnen Bevölkerungsschichten noch sehr unterschiedlich. Ich will das hier nicht im Einzelnen ausführen, zumal ich nicht alle Literatur hier zu Hause habe. Der Großteil der Bevölkerung war Landbevölkerung oder Industriearbeiter, und die sorgten natürlich auch für den Großteil der Reproduktion. Rita Müller schreibt in ihrem Artikel „Heiratsalter und Ehehindernisse in Stuttgart-Feuerbach im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ (Historical Social Research, Vol. 28 — 2003 — No. 3, 92 – 109) von einem durchschnittlichen Heiratsalter in der Landbevölkerung Würtembergs Anfang des 20. Jahrhunderts für Frauen von ca. 25 Jahren, für Männer von 27 Jahren, wobei der Median jeweils 1-2 Jahre darunter liegt. Angesichts solcher Forschungen halte ich meinen Satz, dass junge Menschen sich vor 100 Jahren mit 20 Jahren zusammentaten um eine Familie zu gründen, für nicht so falsch. Kennst du Forschungen, die deutlich andere Ergebnisse haben?

  14. # 14 Der Hoppibär schreibt:

    Das Heiratsalter für Männer war vor hundert Jahren teilweise recht hoch (natürlich nicht vgl. mit heute), Lehrer heirateten bspw. recht spät, wenn meine Kenntnisse stimmen, da keine Kohle da war. Die Frühehe gabs aber sicherlich, die Ehe selbst wurde als etwas sehr Natürliches und Erstrebenswertes empfunden, auch als religiöse und patriotische Pflicht. Die Gesellschaft hatte wohl auch ein Auge drauf. ;–)
    Wäre überrascht, wenn hier begründet widersprochen werden könnte.
    Bis ca. 1965 hat sich dbzgl. nicht viel geändert.

    Nachtrag @Claudia:
    Aggressives Herangehen und das Adressieren von Problemen ist natürlich immer sehr gut, ich selbst kommentiere gerne in für mich neuen Webbiotopen dementsprechend markant. Das hat den Vorteil, dass versteckte Mangel-, Minder-, Minus- und Fehlleistungen auf Autorenseite schnell erkannt werden können, was Zeit spart. Hier ist aber alles OK. Soweit ich weiss.

  15. # 15 Claudia schreibt:

    @Jörg
    :-) . Die Tatsache, dass Dich Worte ärgern sowie der letzte Absatz, in dem Du entgegen Deiner „Gedanken und Notizen auf dem Weg zu lesen“ versuchst, dem Anspruch gerecht zu werden, Deine Eingangsthese des Artikels, auf der alles Weitere aufbaut, zu belegen, widerspricht doch genau der Tatsache, dass Du angeblich ein anderes Ziel mit Deinem Blog verfolgst? Du scheinst eben doch einen kaum zu bestreitenden hohen (wissenschaftlichen) Anspruch zu haben, insofern greift die Kritik mit der Recherche über Dein Blog ins Leere. Schlimm finde ich daran nicht, dass Du Dir einen hohen Anspruch setzt und selbstverständlich versuchst, diesem gerecht zu werden (was Dir in den meisten Fällen auch gelingt). Schlimm daran ist nur, dass, wenn dieser inhaltlich kritisiert wird, plötzlich nicht mehr zu existieren scheint, nach dem Motto, wenn ich etwas Unfundiertes schreibe, dann war das ja gewollt, da dieses Blog ja gar nicht die Absicht hat, etc. etc. (s. Dein Link) und außerdem zwingt mich ja niemand es zu lesen und zu kommentieren. Dies ist ein Knock-Out-Argument, das sofort schreibtot macht und das ich mir auch langsam wünsche: Hätte ich doch nicht kommentiert. Die Methode, der Kritik nach mehr fundierter Recherche bzw. einem sensibleren Umgang mit Behauptungen selbst eine Kritik der Recherche entgegenzusetzen, die jedoch unberechtigt ist (s.o), finde ich persönlich generell eher destruktiv.
    Ohne jetzt weiter ins Detail gehen zu wollen, ist mir speziell an diesem Artikel aufgefallen, dass er in sich nicht stimmig ist, und ich habe versucht zu fassen, was mich daran störte. Ich glaube nicht, dass es Sinn und Zweck einer solchen „Diskussion“ ist, dass alle Kommentierenden glücklich vereint sich ständig zustimmen. Gerade der Kommentarteil lebt von der Pluralität der Meinungen und es scheint ein Privileg zu sein, diese klar äußern zu dürfen.

  16. # 16 Jörg schreibt:

    Es gab keine inhaltliche Kritik in deinem Kommentar, es gab eine bis jetzt unbelegte Behauptung von Dir hinsichtlich des Alters, in dem die Menschen vor hundert Jahren geheratet haben und im übrigen gab es Vermutungen und Spekulationen über meine angeblich journalistischen (jetzt: wissenschaftlichen) Ansprüche. Auf dieser Ebene möchte ich hier aber nicht diskutieren, weil es völlig egal ist, welche Ansprüche ich habe. Hier stehen Texte von mir, die stehen zur Diskussion, nicht meine Person und meine Ziele. Punkt.

    Es ist im Zusmmenhang mit meiner Argumentation recht egal, in welchem Alter Lehrer geheiratet haben, weil die nie die Mehrheit der Bevölkerung gestellt haben. Ich kann gern weitere Belege dafür bringen, dass das Heiratsalter sowohl der Männer als auch der Frauen vor hundert Jahren sehr deutlich unter dem heutigen lag, falls daran wirklich jemand zweifelt. Ich habe nämlich recherchiert und ich denke, die angegebene Quelle ist ein Zeichen dafür.

    Wer hier halbgare, unbelegte Behauptungen aufstellt und damit vom Kern meines Textes ablenkt, ist doch wohl offensichtlich. Ich möchte, dass hier inhaltlich diskutiert wird, alles andere ist für mich Zeitverschwendung. Inhaltlich heißt hier: Nach Wegfall aller traditionellen und religiösen Verpflichtungen zur Elternschaft, nach Wegfall der Notwendigkeit eigenen Nachwuchs zu haben, um das Leben im Alter zu sichern, nach Entstehen der Möglichkeit schließlich, das Wenn und Ob der Schwangerschaft frei und selbstständig zu entscheiden, scheint es keine Gründe für Nachwuchs mehr zu geben, die von der Gesellschaft selbst hervorgebracht und stabilisiert werden. Das hat nichts mit Spaßgesellschaft zu tun. Diese Gesellschaft hat keine Mechanismen mehr, aus denen heraus sie sich reproduzieren kann. Was folgt daraus? Das ist die Frage, die hier zur Diskussion steht.

    Da das hier kein Schwatzklub ist, werde ich diesen Ordner schließen falls noch irgendwer zu einem anderen Thema als zu dem angegebenen etwas äußert. Ich habe keine Zeit und keine Lust mir von Menschen, die ich nicht kenne, Spekulationen über meine Ziele und Ansprüche zuzumuten. Das ist Missbrauch von Gastfreundschaft.

  17. # 17 Jörg schreibt:

    Markus Reitzig ist in seiner Dissertation „Berlin-Wedding in der Zeit der Hochindustrialisierung (1885-1914)“, in der er aus Kirchebüchern das Heiratsalter der Frauen und Männer in Berlin ermittelt hat, übrigens fast exakt auf die gleichen Zahlen gekommen wie Rita Müller für Würtemberg: 24 Jahr für Frauen und 26 Jahre für Männer. Wie Gesagt: Arithmetischer Durchschnitt, der Median (den Reitzig nicht ermittelt hat) dürfte auch in Berlin deutlich niedriger gewesen sein. Reitzig hat in dieser statistik auch die Wieder-Heiraten berücksichtigt, was den Durchschnitt natürlich auch nach oben bringt. Die Erst-Heirat lag also im Schnitt deutlich unter 24 Jahren.

  18. # 18 Claudia schreibt:

    @Jörg
    Konzentrieren wir uns auf das Wesentliche: „Nach Wegfall aller traditionellen und religiösen Verpflichtungen zur Elternschaft, nach Wegfall der Notwendigkeit eigenen Nachwuchs zu haben, um das Leben im Alter zu sichern, nach Entstehen der Möglichkeit schließlich, das Wenn und Ob der Schwangerschaft frei und selbstständig zu entscheiden, scheint es keine Gründe für Nachwuchs mehr zu geben, die von der Gesellschaft selbst hervorgebracht und stabilisiert werden. Das hat nichts mit Spaßgesellschaft zu tun.“
    Vor 100 Jahren war vor allem aus Frauensicht die späte Heirat von Junggesellen inakzeptabel. Die Ehe werde dann zum Hospital degradiert, die meist viel jüngere Ehefrau zur Pflegerin und Haushälterin. Kritisiert wurden auch die eigentümlichen Ehrbegriffe, die es einem bürgerlichen Mann erst erlaubten zu heiraten, wenn er finanziell in der Lage war, standesgemäß zu leben und vor allem zu repräsentieren. Dieser soziale Druck (bestimmt nicht nur auf Lehrer!) mache es fast verständlich, wenn ein junger Mann davor zurückschrecke, sich ihm auszusetzen (Lily Braun, Die Frauenfrage, ihre gesellschaftliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite, Leipzig 1901 – 100 Jahre).
    Heute oder vor 100 Jahren? Der Appell an die soziale Verantwortung hatte jedoch auch einen politischen Hintergrund. Mit dem nicht belegbaren Hinweis, dass insbesondere in den höheren Schichten die Zahl der Unverheirateten zunehme (Schrader, Der Mann als Hagestolz, Berlin 1895), und in der Folge die Zahl der Geburten in diesen Kreisen rückläufig sei, wurde prophezeit, dass eine schnelle Proletarisierung der Gesellschaft dadurch erzeugt wird, indem es die nationale Nachwuchserzeugung mehr und mehr in die unteren Volksschichten hinabgleiten lässt.

    Geändert scheint sich in 100 Jahren lediglich zu haben, dass jetzt die „Akademikerinnen“ und nicht mehr die „Hagestolze“ für den vermeintlich „fehlenden Mechanismus sich zu reproduzieren“ verantwortlich gemacht werden. Ich denke nicht, dass das Durchschnittsheiratsalter eine Rolle spielt, schon allein deswegen nicht, weil heute ein weitaus größere Zahl an Menschen Kinder hat und nicht verheiratet oder alleine ist. Die Koppelung von Heiratsalter an Kinder ist demzufolge im Vergleich zu Heute eine überflüssige Diskussion (wenn auch sehr schön belegt :-) . Interessant an dieser Diskussion ist auf alle Fälle, dass in immer wiederkehrenden Abständen der „Reproduktionsmangel“ beschworen wird und das eben schon vor 100 Jahren – damit scheint der Unterschied von vor zu 100 Jahren trotz sexueller Befreiung und Wegfallen von traditionellen religiösen Vorstellungen nicht besonders groß, da es wohl auch vor 100 Jahren schon Diskussionen um die fehlenden Reproduktionsmechanismen gab (und nicht nur vor 100 Jahren, wenn ich mich recht erinnere, kommt das immer einmal wieder zur Sprache – zuletzt in diesem Blog :-)

  19. # 19 Der Hoppibär schreibt:

    @Jörg:
    Ich fühle mich jetzt mittlerweile auch ein wenig angesprochen, sowas
    „Da das hier kein Schwatzklub ist, werde ich diesen Ordner schließen falls noch irgendwer zu einem anderen Thema als zu dem angegebenen etwas äußert. “ solltest Du Dir sparen. Wer Inhalte im Web anbietet, sollte hart im Nehmen sein.
    Die „Spassgesellschaft“ hast Du mal an anderer Stelle ins Spiel gebracht, ich habe hier eine inhaltliche Überschneidung gesehen.
    LOL, wusste gar nicht, dass Du so dünnhäutig bist.
    @Claudia:
    Dazu noch „Interessant an dieser Diskussion ist auf alle Fälle, dass in immer wiederkehrenden Abständen der „Reproduktionsmangel“ beschworen wird und das eben schon vor 100 Jahren – damit scheint der Unterschied von vor zu 100 Jahren trotz sexueller Befreiung und Wegfallen von traditionellen religiösen Vorstellungen nicht besonders groß…“:
    Der Unterschied ist _besonders_groß_, verdammt ;–), damals gabs bspw. eine Geburtenrate, die deutlich über 2 lag, heute liegt die bei ca. 1,2.
    Da hat Jörg doch einfach Recht im Grundsatz. Es liegt ein ganz neues Problem vor, über die Ursachen kann man diskutieren, ich denke Jörg liegt richtig.

    Ergänzend:
    http://www.forum-demographie.de/uploads/tx_jpdownloads/frau_kind.pdf
    D.h. bis ca. 1970 wurde das Bestandserhaltungsniveau nur durch Krisen und Kriege unterschritten, seit 1970 permanent. Die leichte Steigerung der Geburtenrate in D seit 1995 dürfte auf die Immigration bestimmter Bev.gruppen zurückzuführen sein. Das Niveau ist aber deutlich erkennbar nicht bestandserhaltend, im Klartext: noch drei Generationen und die Bev.zahl drittelt sich, vgl. auch:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Zusammengefasste_Fruchtbarkeitsziffer

  20. # 20 Claudia schreibt:

    @Hoppibär
    Vielen Dank für die erste Bemerkung. Wenn Kommentare und Kritik erwünscht sind, gibt man die Möglichkeit zu kommentieren. Ansonsten sollte man es lassen.
    Zum Zweiten: Ich glaube nicht, dass an der Geburtenrate von 1,2 etwas zu rütteln ist, das lässt sich sicher ermitteln (wobei ich nur ganz kurz auf die nicht unerhebliche Überbevölkerung hinweisen möchte, aber das ist hier ja nicht Thema – obwohl im Artikel keine geographische Begrenzung vorgenommen wird). Da die Diskussion jedoch immer wiederkehrt und auch schon vor 100 Jahren da war, besteht die Sensibilität über das (vermeintliche) Problem nicht erst seit heute und somit sind meines Erachtens die im Artikel gezogenen Schlüsse auch falsch (wie sie es übrigens vor 100 Jahren auch waren).

  21. # 21 Jörg schreibt:

    Noch einmal zu dieser unseligen Meta-Diskussion: Ja, ich bin dünnhäutig, und nein, ich muss nicht hart im Nehmen sein, jedenfalls nicht, wenn jemand sich in Vermutungen über meine Person ergeht statt den Text zu kritisieren. Ich bin inzwischen seit fast 10 Jahren in Internet-Diskussionen unterwegs und ich weiß, dass solche Bemerkungen wie „gedankenlose Plauderei“ usw. jede konstruktive Diskussion kaputt machen. Dieser Ordner ist wieder einmal ein Beweis dafür. Ich werde aber mit meiner konsequenten Reaktion dafür sorgen dass das die Ausnahme bleibt.

    Während man sich als Leser ein recht genaues Bild von mir als Betreiger dieses Blogs machen kann, habe ich es mit anonymen „Hoppibären“ und „Claudias“ zu tun, wobei ich auch bei „Claudia“ nicht weiß, ob sie im wahren Leben Claudia Schiffer oder Max Müller heißt. Ihr habt es mit einem Menschen zu tun, ich mit Avataren – das ist etwas, was man Informations-Asymetrie nennen kann. Wenn so eine anonyme Person in ihrem aller ersten Kommentar meint, mich vor allem darüber belehren zu müssen, wie ich meine angeblichen Ziele besser erreiche, reagiere ich alergisch – aus schlechter Erfahrung. Wenn diese Person bis zu ihrem letzten Kommentar nicht zugibt, das ihr Vorwurf,ich hätte nicht recherchiert, schlichtweg Unsinn ist und wenn sie ganz am Schluss noch schreibt, mein Artikel enthalte keine „geografische Eingrenzung“ – wo doch der Text mit den Worten „Zu den größten Rätseln der modernen westlichen Gesellschaft gehört es…“ beginnt, dann frage ich mich, was ich mit Kommentaren anfangen soll, die offenbar auf meine Person und nicht auf den Text zielen.

    Zum Thema: Die von mir zitierten Arbeiten (und es gibt eine große Zahl weiterer soziologie-historischer Untersuchungen dieser Art) zeigen, dass im statistischen Mittel die Menschen vor 100 Jahren mit knapp über 20 Jahren geheiratet haben. Interessant sind hier nicht die Schichten, aus denen sich auch die Frauenbewegung rekrutierte, interessant ist nicht, dass es auch Ausnahmen gab, entscheidend ist, dass es einen Normalfall gab und diesen gibt es heute nicht mehr. Ich spreche hier von keiner intellektuellen Elite, nicht vom Bürgertum und nicht vom Adel, und ich spreche auch nirgends von einem „Akademikerinnen-Problem“ in der Gegenwart.

    Das, was die Lily Braun beschrieb, war kein Phänomen der Masse, sondern ihrer Schicht, ebenso wie das Phänomen der „Hagestolze“. Wenn damals darüber gesprochen wurde, dass es ein „Reproduktionsproblem“ gab, dann betraf das eben diese Schichten – nicht die Gesellschaft als Ganze.

  22. # 22 Der Hoppibär schreibt:

    > Ich bin inzwischen seit fast 10 Jahren in Internet-Diskussionen unterwegs und ich weiß, dass solche Bemerkungen wie „gedankenlose Plauderei“ usw. jede konstruktive Diskussion kaputt machen.

    Aber erst dann, wenn diese weit mehr Beachtung finden als sie es verdient haben.

    > Ich werde aber mit meiner konsequenten Reaktion dafür sorgen dass das die Ausnahme bleibt.

    Moderation ist im Web nur begrenzt erfolgreich, sie ist Inhaltsangeboten eher abträglich. Überlegenswert wäre es Feedback nur per E-Mail zuzulassen. Das ist bei bestimmten Themata leider erforderlich (geworden).

    Ich gebe Dir gerne noch einmal grundsätzlich in der Sache recht, also, weiterhin viel Erfolg und auch Spass bei Deinem vorzüglichen Blog. Danke für die schönen Texte.
    Gute Nacht!
    Der Hoppibär

  23. # 23 Tanja schreibt:

    @all – Falls noch gestattet und erlaubt, hier einige Gedanken zum Thema:

    Warum hängt sich die Diskussion nur so am Heiratsalter auf? Zu keiner Zeit war es notwendig verheiratet zu sein, um Kinder zu kriegen. Da aber für das Durchführen gewisser Handlungen von zwei Menschen eine Urkunde da sein musste, würde dies ja eher dafür sprechen, dass die Kinder später kamen – nämlich erst dann, wenn man verheiratet war. Wenn man tatsächlich das Durchschnittsheiratsalter vergleicht, würde ich Claudia zustimmen wollen, dass der Vergleich hinkt, da man heute noch wesentlich weniger verheiratet ist, um Kinder zu bekommen. Wenn man nur das Durchschnittsheiratsalter der damaligen und heutigen Gesellschaft nimmt, erhält man keine fruchtbaren Zahlen. Das ändert nichts an der Tatsache des Geburtenrückgangs, allerdings lässt sich diese nicht am Durchschnittsheiratsalter festmachen.

    Mit westlicher moderner Gesellschaft kann doch kaum eine geographische Eingrenzung gemeint sein? Dieser Ausdruck wird verwendet, um z.B. das Reproduktionsverhalten oder Konsumverhalten westlicher Gesellschaften zu erklären. Die genannte Geburtenrate von 1,2 mag vielleicht noch Spanien entsprechen, aber doch kaum den skandinavischen Ländern?

    Ich gehe deshalb davon aus, dass die bundesrepublikanische Gesellschaft gemeint ist und halte die Gegenüberstellung mit der Gesellschaft des Deutschen Reiches für unglücklich für die Argumentationsführung, weil für diese Gesellschaft (zumindest in den Städten) sich doch auch die getätigte Analyse anwenden ließe. Auf dem Weg in die Moderne waren die traditionellen Gesellschaften gerade in Auflösung begriffen und die religiösen Werte griffen in dieser Hinsicht auch nicht mehr. Vergleiche dieser Art sind schwierig, weil sie ausufern und im Detail stecken bleiben.

    Vor diesem Hintergrund ist der Begriff „kulturelle Prägung“ schwer zu verstehen. Ist die ostpreußische Bäuerin gemeint, die Enthaltsamkeit lebt, um nicht weitere drei Totgeburten zu erleben oder die städtische Arbeiterfrau, die bei der Engelmacherin die x-te Abtreibung hinter sich hat? Was ist mit kultureller Prägung für die Zeit von vor 100 Jahren gemeint? Was waren damals kulturelle Gründe zum Kinderkriegen im Gegensatz zu heute? Gibt es überhaupt bzw. gab es überhaupt „kulturelle“ Gründe um Kinder zu bekommen?

    Ist das Problem heute nicht ein ganz anderes, nämlich nicht die geringe Anzahl der Geburten, sondern die lange Lebensdauer der Menschen, die eine große Anzahl an älteren Menschen einer geringeren Anzahl an jüngeren Menschen gegenüberstellt?

    Interessant finde ich auch die biologischen Gründe – gibt es tatsächlich biologische Gründe, ein Kind zu bekommen? Welche könnten dies sein? Als Frau in Verbindung mit der neuesten Forschung kann ich nur sagen: biologisch gab und wird es nie Gründe geben, ein Kind zu bekommen. Die Belastungen der Schwangerschaft auf den weiblichen Körper sind dermaßen hoch, dass jeder sichselbsterhaltende Organismus total fehlprogrammiert sein müsste, um dies freiwillig auf sich zu nehmen und sich selbst und sein Wohlergeben dabei zu riskieren. Falls mit biologisch die Verhütungsgeschichte angesprochen wird, dass früher zwangsläufig nach 9 Monaten eine Geburt erfolgte, halte ich dies für problematisch, darauf eine Argumentation aufzubauen, da dies wirklich sehr im Detail angesehen werden müsste. Falls mit biologischen Gründen der „Drang“ zum Kinderkriegen gemeint ist (im weitesten biologischen und psychologischen Sinne), dann möchte ich einmal behaupten, dass es diesen zu keiner Zeit gegeben hat. Vielleicht haben früher gesellschaftliche Zwänge eine größere Rolle gespielt, dass Frauen sich bemüßigt gefühlt haben (soll es heute auch noch geben) den „Beruf“ der Mutter zu ergreifen. Vermutlich hatten sie auch oftmals keine Wahl. Diese Vermutung meinerseits möchte ich aber gerne zeitlich deutlich vor den genannten Zeitraum von vor 100 Jahren schieben, da die Umwälzungen auf dem Weg in die Moderne einfach zu extrem waren, um dieses Bild durchgängig zu behaupten.

    Ich glaube nicht, dass die zitierten Quellen nur für einen Ausschnitt der Bevölkerung gesprochen haben – sie haben sicherlich die gesamte Gesellschaft gemeint, wie auch Herr Friedrich in seinem Artikel. Und genau dort liegt offensichtlich auch die Problematik: Derartige Analysen, die bestimmte Verhaltensweisen unterstellen, sind schwierig auf sämtliche Bevölkerungsschichten – und gruppierungen zu beziehen.

    Wie auch von irgend jemand in diesem langen Kommentar angedeutet, halte ich zwei Dinge an dieser Diskussion für sehr spannend: einmal die Tatsache, dass die Thematik immer wieder auftaucht, nach Gründen gesucht wird, Teile der Gesellschaft, der Lebensart, des vermeintlichen Fortschritts (Individualismus und Rationalismus) angeprangert werden, um dann wieder zu verschwinden. Froh stimmt mich daran, dass auch vor 100 Jahren bereits der Niedergang der Deutschen beunkt wurde. Die Steigerung der Reproduktion galt damals nicht den Rentnern sondern dem Nachschub an Soldaten. Mal sehen, was diesmal daraus wird, die Zeit wird es zeigen. Und zum zweiten gefallen mir teilweise die Reaktionen hier gar nicht. Ich hoffe, dass ich mit den neuen Gedanken zur Diskussion beigetragen habe und meine Gedanken nicht nur danach bemessen werden, ob sie sich angemessen auf den Ursprungsbeitrag beziehen oder nicht.

  24. # 24 Jörg schreibt:

    Tanja, vielen Dank für deine außführliche Kritik, auf die ich jetzt gar nicht angemessen und ausführlich genug antworten kann. Nur ein paar Anmerkungen:

    Du hast recht,die Diskussion kreiste viel zu sehr um das Heiratsalter. Allerdings haben Heiratsalter und das Nachwuchs-Zeugen schon miteinander zu tun, auch heute werden die meisten Kinder in Ehen geboren, dass viele dann bei nur einem Elternteil aufwachsen, hängt mit den hohen Scheidungsraten zusammen. Die meisten Kinder wachsen allerdings immer noch in Familien auf, siehe hierzu z.B. das umfangreiche Material das das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zur Verfügung stellt.

    Stichwort „geografische Eingrenzung“: Das Problem der geringen Geburtenraten ist eins der modernen westlichen Welt, auch wenn es sich in manchen Ländern nicht ganz so dramatisch zeigt wie in anderen. Sicherlich kann man von den Ausnahmen lernen, aber auch in den skandinavischen Ländern geht ja der Trend leider in die gleiche Richtung wie bei uns.

    Falls die Diskussion wieder verschwindet, ohne dass das Problem gelöst ist, würde mich das keineswegs froh machen. Deshalb habe ich hier auch niemanden angeprangert, weder Bevölkerungsgruppen noch Lebensstile. Ich habe nur deutlich gemacht, dass diese Gesellschaft aus sich heraus scheinbar über keine sich selbst stabilisierenden Mechanismen verfügt.

    Dass es „keine biologischen Gründe gibt“ Kinder zu bekommen, halte ich für nicht plausibel. Eine Fehlprogrammierung wäre es doch eher, wenn die Natur fast allen Arten von Lebewesen einen weiblichen bzw.männlichen Geschlechtsapparat angelegt hat und das ganz ohne biologische Gründe. Ich bin keine Frau aber ich weiß von vielen Müttern, dass es möglich ist, eine Schwangerschaft zu überleben.

  25. # 25 Der Hoppibär schreibt:

    @Tanja:
    > Ist das Problem heute nicht ein ganz anderes, nämlich nicht die geringe Anzahl der Geburten, sondern die lange Lebensdauer der Menschen, die eine große Anzahl an älteren Menschen einer geringeren Anzahl an jüngeren Menschen gegenüberstellt?

    Wenn Du so etwas schreibst, dann wirst Du auch nicht verstehen können, wenn „Teile der Gesellschaft“ als ursächlich identifiziert werden. Beispielsweise die Kinderlosen, LOL.
    Nein, sorry, Du liegst falsch.
    Danke aber für Deinen ausgleichenden Beitrag. Claudia sei an dieser Stelle ebenfalls gedankt für ihre Hinweise, so konnte mein Bild (durchschnittliches Heiratsalter vor 100 Jahren: 19-20, 5 Kinder) angepasst werden; es gab in der Tat bereits viele Jahre vor der Aktion „Ein Kind für den Führer“ Diskussionen bzgl. der Geburtenrate. Und dabei gab es damals die „Pille“ nicht.

  26. # 26 Vogel schreibt:

    @Jörg
    „Si tacuisses, philosophus mansisses“ – oder: Was von Anfang an ersichtlich war!

    Beste Grüße
    Vogel

  27. # 27 Alfred Przybilla schreibt:

    Der wahre Grund ist doch der, dass zur heutigen Zeit doch fast keine Ehe mehr als 10 Jahre hält. Und der Leittragende ist bei einer Ehe mit Kindern zu 96% der Fälle IMMER der Mann der dann Unterhalt und Alimente zahlen darf. Ich kenne genug Personen wo die Ehe nicht gehalten hat und man als Mann sich fast nichts mehr leisten kann aufgrund finanzieller Situation.

  28. # 28 Regina Ferramenti schreibt:

    Meine berufliche Karriere ist mir wichtiger als Kinder zu haben. Wenn ich mich finanziell abgesichert habe werde ich auf jedenfall welche haben, aber jetzt noch nicht.

  29. # 29 Vogel schreibt:

    Nich zu fassen, was man alles so in die Tastatur würgen kann (#27 und 28). Z. Info: Seit 69 zusammen, seit 72 vh., 4 Ki (alle mit qual. Berufsausbildung), immer noch glücklich – es kommt halt darauf an, was beide daraus machen, gelle?
    Was Ihr so schreibt: Das iss tlw. falsch und das eine hat nix mit dem annern zu tun. Die Sichtweisen erzeugen aber die Probleme, die beschrieben/postuliert werden: Selbsterfüllende Prophezeiungen durch falsche/überspannte Erwartungen/Zielsetzungen!

  30. # 30 Werner schreibt:

    @#29
    Du bist doch eine ganz andere Generation! Diese kannst du mit der heutigen überhaupt nicht vergleichen, außerdem schau dir doch mal die statistiken an. Über 50% der Ehen halten NICHT. Natürlich kommt es drauf an was man draus macht, aber wenn die Frau dich nur noch betrügt und belügt was willst du dann noch draus machen? Dann kannst du gar nichts mehr draus machen und dass der Mann Unterhalt, Kindergeld u.s.w. zahlen muß ist auch in den meisten fällen so.

  31. # 31 Mike schreibt:

    Hier ist einzig und allein die Politik schuld. Es ist doch klar dass die Geburtenrate der deutschen in den Keller geht da die Politik total Kinderfeindlich ist. Für einen Kitaplatz muß man sich schon 20 Jahre vorher anmelden, die kosten für Kinderkleidung und alles was damit zusammen hängt sind völlig überteuert, wenn man das Geld nicht hat dann überlegt man es sich zweimal…

  32. # 32 Reiner schreibt:

    Das die Scheidungsrate so hoch ist das stimmt schon, das wäre jetzt aber nicht meine grösste Sorge. Dieser Staat ist total Kinderfeindlich was Nahrung und Kleidung betrifft. Ich verdiene gar nicht soviel als dass ich für eine vernünftige Nahrung, Kleidung, Schule u.s.w. aufkommen kann.
    Ich finde das ist reine Abzocke, hier muß etwas getan werden.

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