Winnenden: Amokläufer für die Presse?
Nach dem heutigen Amoklauf in Winnenden lassen die Vermutungen nicht lange auf sich warten, dass junge Menschen zum Amok-Laufen quasi ermuntert werden, weil Amokläufer und ihre Taten in den Medien so große Aufmerksamkeit erhalten.
Dieser Theorie liegt scheinbar eine Alltagserfahrung zu Grunde: Menschen wollen Aufmerksamkeit, jeder möchte einmal berühmt werden. Der (auf den ersten Blick logische) Schluss lautet: Durch Amokläufe erlangt man Aufmerksamkeit, also neigen Menschen zu Amokläufen.
Wenn man diesen Schluss liest, merkt man schon, dass irgendentwas daran nicht stimmen kann. Die Zahl der Amokläufe ist vergleichsweise gering und auch unter den Menschen mit erheblichem Bedürfnis an öffentlicher Wahrnehmung ist der Anteil derjenigen, die bewaffnet in Schulen eindringen und wahllos Menschen erschießen, zum Glück äußerst gering.
Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, für kurze Zeit einmal berühmt zu werden und in den Medien zu erscheinen, auch für Menschen, die frustriert sind und ihre Umwelt hassen, auch für solche, die keine besondere Gabe besitzen. Sie werden uns täglich im Fernsehen vorgeführt. Dei Masse macht von diesen Möglichkeiten keinen Gebrauch, weil die Neigung zur Berühmtheit gar nicht so hoch ist, wie uns die Selbstdarsteller der Nation (Wissenschaftler, Politiker, Blogger, Journalisten) weißmachen wollen.
Öffentliche Berichterstattung über Amokläufe können allenfalls ein Auslöser für eigenes apokalyptisches Handeln sein – sie sind niemals der Grund, und auch die Idee, Menschen in den Tod reißen zu wollen, muss schon da sein, bevor ein anderer Täter zum Vorbild genommen wird.
Der Unterschied zwischen Auslöser und Grund ist, dass der erste zufällig ist, wenn der Grund nur da ist, wird sich ein Auslöser schon finden. Mag sein, dass die Tat ohne Vorbild mehr oder weniger Opfer gefordert hätte, sie wäre geschehen, weil der Grund vorhanden war.
Berichterstattung über solche Katastrophen bringen andere Amokläufer zur Nachahmung, aber die Entschlossenheit muss woanders her kommen. Nachahmung ist aber für die gesellschaft eher eine Chance – denn bei gleichem Täterverhalten kann man nach Prävention und Schutz suchen, kann man über richtiges Verhalten in Wiederholungssituationen nachdenken. Öffentliche Information und Diskussion macht die Gesellschaft also eher stabiler als unsicherer.
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am 16. März 2009 um 14:45
Ich finde auch, dass sich ein Mensch auch anders abreagieren kann und auch sollte und die Theorie mit der Aufmerksamkeit ist zwar teilweiße logisch aber weitergedacht hat er ja nichts davon wenn er dann tod ist oder?
am 19. März 2009 um 11:54
„Nachahmung ist aber für die gesellschaft eher eine Chance – denn bei gleichem Täterverhalten kann man nach Prävention und Schutz suchen, kann man über richtiges Verhalten in Wiederholungssituationen nachdenken.“
Den Satz halte ich für grenzwertig – Nachahmung als Chance. Man braucht ja keine Nachahmer, um nach einer solchen Tat an schon an der einen Tat Lösungen zu suchen, um Folgetäten zu verhindern. Abgesehen davon: solche Taten laufen ja leider nicht immer gleich ab – deshalb muß man ja auch an der Ursache arbeiten und nicht an den Symptomen. Wenn ein Täter X seine Tat nicht im Internet ankündigt, dann kann sich Ursula von der Leyen ihren Internet-Notruf auch in die Haare schmieren.
am 19. März 2009 um 12:43
Roman, du hast Recht, der Satz ist missverständlich. Was ich sagen wollte ist: Wenn Täter einander nachahmen ist es besser, als wenn jeder seine Tat neu ausdenkt. In den Schulen gibt es heute z.B. überall Codewörter und Handlungsanweisungen für den Fall eines Amoklaufes: Damit verhindert man zwar keine Amokläufe, aber man kann die Folgen begrenzen.
am 19. März 2009 um 14:00
Verstehe! Aber das doktort mir alles zu sehr an dem Symptomen herum. Man muß es viel früher erkennen, wenn Jugendliche Probleme haben. Wenn man erst darüber nachdenkt, wie die Folgen zu begrenzen, dann ist das eindeutig der falsche Weg. Man wird solche Taten nie ganz ausschließen/verhindern können, aber man muß eben alles Mögliche tun, um schon die Tat zu verhindern, und nicht um die Folgen zu begrenzen.