Stephen Wolfram und ich
Als ich den Namen Stephen Wolfram zum ersten Mal hörte, war ich 24jähriger Meteorologie-Student und auf der Suche nach einem spannenden Thema für meine Diplomarbeit. Ich fand es in Wolframs spannender Idee, komplexe Phänomene der Realität mit einfachsten mathematischen Modellen zu beschreiben. Ein paar Jahre zuvor, 1984, hatte Wolfram in der Zeitschrift „Physica D“ seinen Aufsatz „Universality and Complexity in Cellular Automata“ veröffentlicht. In meiner Diplomarbeit griff ich den Ansatz auf, um die Entstehung regelmäßiger und komplexer konvektiver Wolkenstrukturen als kooperatives Phänomen von „Luftblasen“ zu beschreiben.
Die Computerkapazitäten, die Wolfram vor 20 Jahren zur Verfügung standen, dürften um einiges größer gewesen sein als das, was einem Studenten der Ost-Berliner Humboldt-Universität zugestanden wurde. So verbrachte ich zu jener Zeit viele Nächte in unserem schönen Institut am Müggelsee – und verlor über die Ereignisse des Jahres 1989 bald das Interesse an der mathematischen Modellierung von kooperativen Wolken.
Vor ein paar Wochen aber kamen mir die Zellulären Automaten wieder in den Sinn, als ich auf die Möglichkeit angesprochen wurde, mit diesen Modellen, Autobahn-Staus, die ohne äußeren Grund entstehen, zu erklären. Ich recherchierte ein wenig im Internet und bemerkte, dass (welche Überraschung) noch mehr Wissenschaftler, die sich in den letzten zwei Jahrzehnten mit komplexen Phänomenen beschäftigten, auf die Idee gekommen waren, Wolframs Modellierungsidee zu verwenden. Ich schrieb ein kleines VisualBasic-Programm in EXCEL, um mir die Staus aus dem Nichts ansehen zu können. Wer mag, darf sich das Ding herunterladen.
(Kurze Erklärung: Die roten Bereiche sind die Staus, hier stehen die Autos. Man kann die Abhängigkeit der Stauhäufigkeit von der Verkehrsdichte und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Autofahrer ohne Grund die Geschwindigkeit reduziert, als „bummelt“ prüfen. Man sieht sehr schön dass sich die Staus entgegen der Fahrtrichtung bewegen)
Stephen Wolfram hat seine Ideen weiterentwickelt, und er wird die Welt im Mai mit einer neuen Suchmaschine beglücken, die ganz anders funktionieren soll als Google. Sie liefert zu einer Frage keine Liste von Dokumenten, sondern die Antwort. Vielleicht ist das die zweite Revolution, die er auslöst: Betraf die erste nur eine kleine Forschergemeinschaft, so betrifft diese vielleicht alle Internet-Nutzer.Man darf gespannt sein.
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am 10. März 2009 um 15:06
> und verlor über die Ereignisse des Jahres 1989 bald das Interesse an der mathematischen Modellierung von kooperativen Wolken
Hey, cool, willkommen! Schön geschrieben. Ich war eigentlich sicher: Westphale (oder Oldenburger).
> Sie [RR: die Suchmaschine] liefert zu einer Frage keine Liste von Dokumenten, sondern die Antwort.
Hört, hört! Da heisst es Daumen drücken.