Werden wir immer intelligenter?
In seinem Buch “Genetics and Education“ (London, 1972) schrieb A.R. Jensen, Intelligenz sei, per Definition, genau das, was Intelligenztests messen. James R. Flynn bemerkt in “What is Intelligence” (Cambridge, 2007) dazu völlig richtig, dass wir, wenn Jensen damit Recht hätte, niemals unsere Tests verbessern könnten: Jeder neue Test würde irgendetwas messen, nur nicht Intelligenz.
Flynn ist allerdings ebenfalls der Ansicht, dass Intelligenz etwas ist, was man durch Intelligenztests messen kann. Wenn dem so ist, dann stehen wir allerdings vor einem Paradoxon: Die IQ-Tests, die in den letzten rund 60 Jahren durchgeführt wurden, zeigen einen stetigen Anstieg in den Leistungen der getesteten Personen. Werden wir also immer intelligenter?
Wenn wir die mittleren Testergebnisse der Untersuchungen von 2002 mit einem IQ von 100 Punkten ansetzen, dann hatten unsere Großeltern einen IQ von rund 82 Punkten, und rund 20% unserer Großelterngeneration müsste aus heutiger Sicht als geistig behindert angesehen werden – jedem ist klar, dass das absurd ist (Flynn, 2007, Seite 19).
Das Paradoxon ist: Einerseits sehen wir Intelligenz als etwas an, was uns die Fähigkeit zum Lösen verschiedener Probleme gibt. Andererseits betrachten wir Intelligenz als etwas, was weitgehend alle Menschen gleichermaßen besitzen, Intelligenzkonzepte, die Unterschiede zwischen Generationen, Geschlechtern oder Rassen ergeben, sind mit unserem intuitiven Intelligenz-Begriff nicht vereinbar.
Die Fähigkeit zum Problemlösen kann man messen. Dazu ordnet man die Vielfalt der praktischen Probleme, deren Lösung Intelligenz erfordert, in bestimmte Klassen ein und entnimmt dann diesen Klassen bestimmte, leicht beschreibbare und reproduzierbare Beispiele. Zum Beispiel erfordert es sicher Intelligenz, Eine Ordnung zwischen Gegenständen, die vorgegeben werden, wiederzugeben. Ein Bespiel solcher Probleme ist es, Zahlen, die man in einer bestimmten Reihenfolge angesagt bekommt, in dieser Reihenfolge oder in der genau entgegengesetzten Reihenfolge zu wiederholen.
Jeder Intelligenztest besteht aus einer Sammlung solcher Problemklassen. Es zeigt sich, dass Menschen, die in einem dieser Problemfelder überdurchschnittliche Testergebnisse haben, oft auch in anderen Feldern besonders gut sind. Das weist darauf hin, dass man mit der Gesamtmenge der Testteile tatsächlich eine zugrunde liegende Größe – die Intelligenz – misst.
Die Generationsunterschiede sind allerdings bei den einzelnen Testteilen sehr unterschiedlich. In Vokabel- oder Arithmetik-Tests unterschieden wir uns z.B. kaum von unseren Vorfahren, beim Lösen formaler Aufgaben (z.B. dem Erkennen von Ähnlichkeiten zwischen Symbolen) sind die Unterschiede gravierend. Je komplexer die Testaufgaben sind, desto besser fallen heutige Tests gegenüber denen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts aus.
Betrachtet man diese Fakten gemeinsam, dann kommt man zu einem erstaunlichen Befund: Offenbar sind wir heute in dem, was man vor einem halben Jahrhundert für besonders intelligent hielt, weit besser als damals, während wir in den Basis-Fähigkeiten kaum Fortschritte gemacht haben.
Wie ist das zu deuten?
Intelligenztests wurden entwickelt, als die wissenschaftliche Rationalität vor dem Durchbruch stand. Genau die Fähigkeiten, welche die Wissenschaftler selbst auszeichneten, wurden für die Krone der Intelligenz gehalten: formale, abstrakte Probleme lösen zu können.
Heute hat die wissenschaftliche Rationalität sich in allen Lebensbereichen festgesetzt, weniger in ihrer universitären und institutionalisierten Form, als in ihren ganz alltäglichen Auswirkungen der Ingenieurkunst und der Technik: Wir bedienen Geräte, deren genaue Funktion uns unbekannt ist und deren richtige Benutzung wir durch Analogieschlüsse und Probieren erlernen. Wir müssen uns in einer Welt von Symbolen und Zeichen zurechtfinden.
Mit anderen Worten: Die Intelligenzkomponenten, die man früher für die Krone hielt, sind zum Alltag geworden. Mit Sicherheit haben wir andere Befähigungen, zu denen wir unsere Intelligenz ebenso brauchen könnten, gleichzeitig verloren – aber diese wurden nie gemessen, da das Messen selbst ja ein Teil des Siegeszuges der wissenschaftlichen Rationalität ist.
Wir sind also nicht intelligenter geworden, wir erfüllen inzwischen nur die Norm, die mit der Erfindung der Intelligenztests in die Welt kam. Um welchen Preis – das ist nicht messbar, weil für das, was wir verloren haben, kein Test existiert.
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http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2009/03/06/werden-wir-immer-intelligenter/



am 6. März 2009 um 09:39
Besser kann man es nicht ausdrücken…
Übrigens scheint der durchschnittliche IQ seit einigen Jahren wieder leicht zu sinken. Auf die Schnelle habe ich diese Quelle gefunden, ging aber auch durch bekannte Medien: http://web.utanet.at/stanglyc/psychoblogger/2006/03/in-den-westlichen-industrielndern.html
am 6. März 2009 um 12:27
Eine sehr interessante Feststellung, der ich nur zustimmen kann!!
Was mir noch aufgefallen ist, ist das Intelligenz in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit Wissen verwechselt ist. Intelligenz würde ich als die Fähigkeit definieren, in Problemsituationen mehr oder weniger instiktiv bzw. durch logisches Denken und Handeln schneller zu einer optimalen Problemlösung zu kommen.
Wenn jetzt zum Beispiel in einem „Intelligenztest“ gefragt wird, wie die Hauptstadt von einem Land ist, dann zeugt die Beantwortung dieser Frage für mich nicht von Intelligenz, sondern von (Allgemein)wissen. Solches kann man sich ziemlich unabhängig von Intelligenz aneignen. Auch wenn da ebenfalls Grenzen gesetzt sind, so muß man das doch trennen, wie ich finde. Es gibt sicherlich Menschen mit relativ niedrigem Intelligenzquotienten, die sich trotzdem viel Wissen aneignen können.
Stimmst du mir zu Jörg, oder bin ich da auf dem Holzweg?
am 6. März 2009 um 13:40
Ich glaube ja schon, dass wir intelligenter geworden sind, die Medien, wie sie seit 1945 bereit standen und das (zumindest mir seit ca. 1982 zugreifbare) Internet werden hier eine Rolle spielen.
BTW, die Resultate der IQ-Tests sind seit einiger Zeit in Europa wieder rückläufig, über die Gründe dafür soll hier nicht spekuliert werden, LOL.
Ich selbst werde jeden Tag ein wenig schlauer, mag natürlich sein, dass da bald eine Grenze kommt. Wird diese erreicht, werde ichs aber wohl nicht merken.
Nachtrag:
Weil oben noch über die Nichtexistenz der Verständigkeit philosophiert wurde: Ja, IQ-Tests messen das, was sie messen und das muss nichts mit Verständigkeit zu tun haben. Derartige Tests können nur Eignungsprüfungen sein, man testet den Kandidaten auf etwas. Dieses etwas nennt man dann Intelligenz.
Verständigkeit ist einerseits die Befähigung zur Erkenntnis, bspw. per Analyse, und anderseits natürlich die Fähigkeit zur Anforderungsbearbeitung.
Bspw. im IT-Bereich gibt es ganz unterschiedliche Intelligenzen, in aller Regel ist ein guter IT-Mensch aber in der Lage jedes nicht hochspezialisierte beliebige Problem in endlicher Zeit zu lösen, LOL.
„Endliche Zeit“ klingt hier sicherlich nicht beruhigend, deutet aber auf vglw. hohe Befähigung hin.
am 7. März 2009 um 18:13
@romanmoeller: In Intelligenztests werden verschiedene Fähigkeiten gemessen, das, was du unter „Wissen“ zusammenfasst, gehört dazu. Dort wird zum Beispiel das verfügbare Vokabular gemessen. Das faszinierende ist, dass einerseits diese verschiedenen Fähigkeiten beim einzenen Menschen sehr stark miteinander verbunden sind, wer umfangreiches Vokabular hat, kann im allegemeinen auch sehr gut formale und logische Aufgaben lösen. Andererseits aber entwickeln sich diese Fähigkeiten über diejahrzehnte unterschiedlich: Während wi heute formal-logische Aufgaben weit besser lösen können als unsere Vorfahren, hat sich der Umfang unseres verfügbaren Vokabulars kaum verändert.
Der Intelligenzzuwachs, von dem auch „Der Hoppibär“ spricht, wäre eben ehre ein Wissenszuwachs, aber in dem sind die Veränderungen gar nicht so stark. Das ist das faszinierende (aber letztlich eben auch erklärbar)
am 7. März 2009 um 18:49
Mich würde mal interessieren wie die Menschen vor 10.000 Jahren so waren. Ich vermute ähnliche Anlagen wie bei den heutigen Menschen; wenn ich mir aber die Zustände von damals vorstelle, dann bin ich heilfroh jetzt im Jahr 2009 zu leben.
am 8. März 2009 um 16:50
@Jörg: Also ist es doch so, dass das „erlente Wissen“ in der wissenschaftlichen Defintion ein Teil des Gesamtbegriffes „Intelligenz“ ist?? Wenn du schreibst, das sich die Fähigkeiten über die Jahrzehnte unterschiedlich entwickeln, dann sagst du damit ja eigentlich, das man das von der Intelligenz in meinem Sinne (also von Intuition, Logikverständnis etc.) doch trennen muß.
@Hoppibär: Die Anlagen sind warscheinlich ähnlich wie heute. Zumindest genetisch dürften 10.000 Jahre nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Aber der Fortschritt war eben noch nicht so weit. Das was wir heute als selbstverständlich kennen, baut ja sehr stark auf Entwicklungen, Entdeckungen und Erfindungen auf, die ja damals erst gemacht wurden.
am 8. März 2009 um 17:55
@romanmoeller:
Das denke ich auch. Die Anlagen müssten vergleichbar gewesen sein, aber die Intelligenz seinerzeit wurde wohl eher in Aberglauben und ungünstige soziale Strukturen investiert. Bei diesen Intelligenztests ist mir zumindest ziemlich unklar was gemessen wird [1], eigentlich müsste die Befähigung zur Befähigung gemessen werden. :–)
Aber eine wunderbare Zeit, in der wir leben, Wirtschafts- und Bayernkrise hin oder her.
[1] ausser eben kulturelle Befähigung, wie Jörg erläutert hat – bin hier aber unsicher, bin ja selbst kein IQ-Forscher
am 5. April 2009 um 03:33
Hallo,
wie von dir vorgeschlagen habe ich diesen Artikel gelesen, aber finde keine direkte Antwort auf meine Frage. Hängt Intelligenz evt. mit der Ernährung zusammen bzw. mit den Entwicklungen der kulturellen Umgebung. Alles in Bezug auf den Zweifel das Intelligenz rassisch abhängig sein könne.
Es stimmt allerdings das zwischen unseren Intelligenztests und dem worauf wir in der Schule vorbereitet werden eine wechselseitige Beziehung besteht.