Jörg Friedrich


Greedy routing: Warum soziale Netze effizient sind

04. März 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Soziale Netzwerke sind nicht homogen, im Gegenteil, sie haben Ballungszentren und dünn besiedelte Teile. Viele Mitglieder eines solchen Netzes haben nur wenige Verbindungen zu anderen, einige wenige jedoch sind mit einer großen Zahl von Teilnehmern verbunden. Diese Eigenschaft teilen soziale Netze mit vielen Infrastrukturnetzen, wie dem globalen Flugliniennetz oder dem Internet.

In den Physical Review Letters (102, 058701, 06. Februar 2009) berichten Marián Boguñá und Dmitri Krioukov von ihren Untersuchungen über Kommunikationsprozesse in solchen Netzwerken. Sie zeigen, kurz gesagt, dass der Aufbau einer Kommunikation mit einem weit entfernten Partner in solchen Netzen äußerst effizient ist: Obwohl das einzelne Mitglied des Netzwerks die globale Struktur des ganzen Netzes nicht kennt, kommt die Kommunikation mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem kürzesten möglichen Weg und innerhalb kürzester Zeit zustande.

Die Autoren bezeichnen solche Netzwerke als „Ultra-Kleine Welten“. Das bedeutet nicht, dass die Zahl der Teilnehmer sehr klein wäre, es besagt nur, dass es einen sehr kurzen Weg zu jedem anderen Teilnehmer gibt. Das liegt an der besonderen Ballungsstruktur des Netzes. Die Frage ist nur, wie man diesen kurzen Weg findet, wenn man die Gesamtstruktur des Netzes nicht kennt.

Um zu verstehen, warum soziale Netzwerke im Finden dieses superkurzen Weges so gut sind, muss man sich vergegenwärtigen, wie ihre Ballungsstruktur zustande kommt. Dazu stellt man sich der Einfachheit halber die Teilnehmer des Netzes recht gleichmäßig über eine Fläche verteilt vor. Wenn ein neuer Teilnehmer sich in dieses Netz einbindet, wird er sich zunächst mit einigen Teilnehmern verbinden, die sich in seiner Nähe befinden. Außerdem wird er sich einige attraktive Mitglieder in der Ferne suchen, mit denen er sich gleichfalls verbindet. Diese Attraktivität haben jene entfernten Netzwerker dadurch, dass sie bereits mit vielen anderen im Netzwerk verbunden sind, sie haben dadurch eine hohe Präsenz auch für entfernte Teilnehmer, zudem sind sie meist auch besonders aktiv im Netzwerk.

In Infrastruktur-Netzwerken bezeichnet man solche attraktiven Knoten als Drehscheiben oder Hubs, in sozialen Netzen spricht man oft von Alpha-Bloggern oder Alpha-Twitterern. Ebenso, wie es globale Drehscheiben gibt, gibt es auch regionale und lokale Zentren. Sie spielen für das Funktionieren der effizienten Kommunikation eine wesentliche Rolle.

Wenn ein Teilnehmer eine Information für irgendeinen anderen Teilnehmer im Netz hat, mit dem er aber nicht direkt verbunden ist, dann wird er diese Information an einen seiner unmittelbaren Kontakte weitergeben, von dem er weiß, dass er dem Ziel vergleichsweise nahe ist. Nähe meint hier nicht die Länge des Kommunikationsweges im Netz, die der Sender ja nicht kennt, Nähe und Ferne ist ganz wörtlich im Sinne des Abstandes auf der Fläche, auf der sich das Netz verteilt, gemeint.

Nehmen wir an, ich habe eine Botschaft für die Kanzlerin, ich weiß, sie befindet sich im gleichen Netzwerk wie ich, aber ich bin mit ihr nicht direkt verbunden. Da ich aber weiß, dass sie in Berlin arbeitet, schaue ich in meine Kontaktliste und suche mir einen Kontakt, der sich auch in Berlin befindet, wenn es mehrere sind, nehme ich den mit den meisten Kontakten. Dem sende ich meine Nachricht. Dieser wird wahrscheinlich einen Kontakt im Kanzleramt haben, und der wiederum einen in der unmittelbaren Umgebung der Kanzlerin – und der ist im Netzwerk direkt mit der Regierungschefin verbunden, da diese sich ihre Kontakte ja nach dem gleichen Verfahren sucht, wie ich. Dieses Verfahren, eine Verbindung aufzubauen, bezeichnen Boguñá und Krioukov als „Greedy routing“ und sie zeigen, dass es bei idealer Vernetzung tatsächlich genauso schnell ist, als wenn jeder Teilnehmer die tatsächliche Struktur des Netzes kennen würde. Tatsächliche ungeplant gewachsene Netze wie das Internet, das Flugverkehrsnetz und vor allem soziale Netze wie Facebook und Twitter kommen diesem Ideal allerdings erstaunlich nah.

Natürlich gibt es auch Netzwerke, die sich nicht im geografischen Raum verteilen, sondern vielleicht im ökonomischen oder im politischen Raum. Nähe definiert sich dann als Branchen-Nähe oder politische Nähe. In sozialen Netzen überlagern sich die verschiedenen Dimensionen, aus denen sich die Nähe bestimmt. Jeder Teilnehmer hat aber eine Vorstellung von der Nähe und der Ferne anderer Teilnehmer – er bestimmt daraus ja seine eigenen Verbindungen im Netz, indem er sich relativ viele Partner „in unmittelbarer Nähe“ und weniger, aber attraktive Partner „in der Ferne“ sucht.


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Ein Kommentar to “ Greedy routing: Warum soziale Netze effizient sind ”

  1. # 1 Der Hoppibär schreibt:

    Ich habe eine Botschaft an die Kanzlerin: Sie sind unwählbar geworden!

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