Soziale Netze: Schwarm oder Kollektiv?
Im Zusammenhang mit Netzwerken wie Twitter oder den Autoren der Wikipedia wird oft und gern von Schwarm-Intelligenz gesprochen. Mancher hält Schwarm-Intelligenz für die ideale Form der Kooperation, andere lehnen die Anwendung der Vorstellung von einem Schwarm auf menschliche Kooplerationsprozesse rundweg ab, sie sprechen lieber von kollektiver Intelligenz.
Die Unterscheidung zwischen Kollektiv und Schwarm scheint sinnvoll zu sein. Damit haben wir drei Begriffe, die einigermaßen klar sein müssen, damit man sich der Frage der „Intelligenz der Vielen“ überhaupt sinnvoll nähern kann: Intelligenz, Schwarm und Kollektiv.
Für Intelligenz möchte ich einen relativ schwachen Begriff verwenden. Intelligent ist jedes Verhalten, das zur Zielerreichung von Individuen dient und nicht trivial aus den Umweltbedingungen folgt. Dieser Intelligenz-Begriff ist natürlich nicht sehr scharf, aber für den Moment mag er genügen.
Ziele haben natürlich immer nur die Einzelnen, und auch das Handeln zur Zielerreichung kommt letztlich immer den Einzelnen zu. Wenn der Einzelne seine Ziele nicht ohne das Handeln vieler anderer Individuen erreichen kann, kommt die Gruppen-Intelligenz ins Spiel: Es lässt sich etwas als Verhalten der Gruppe identifizieren, das aus den Zielen und dem Verhalten der Einzelnen folgt, dieses aber nicht-trivial abbildet und wiederum die Intentionen und das Verhalten der Mitglieder der Gruppe beeinflusst.
Wenn Individuen in Gruppen agieren, gibt es drei Möglichkeiten, dieses Verhalten als Gruppenverhalten zu organisieren:
- vorab definierte und allseits akzeptierte Verfahren der Generierung von Gruppenentscheidungen aus den Einzelentscheidungen der Mitglieder. Dazu gehören z.B. die Abstimmungsverfahren in der Demokratie. Das hat nichts mit Schwarm-Verhalten zu tun: Die Bienen kennen kein Verfahren, nach dem z.B. per Abstimmung entschieden würde, wann der Schwarm sich erhebt.
- Ein einfaches Regelwerk, nach dem der Einzelne aus dem für ihn direkt wahrnehmbaren Verhalten der anderen selbst über sein eigenes Verhalten entscheidet. Das ist der Schwarm. Wenn drei Bienen neben Maja auffliegen, fliegt sie auch los: Der Schwarm erhebt sich.
- Gemeinsame Entscheidungsfindung im Diskurs. Es gibt zwar auch für den Diskurs Reeln, die vorab festgelegt sind, aber diese definieren nicht, wie aus den Einzelentscheidungen die Gesamtentscheidung folgt, sondern sie bestimmen, wie die Einzelentscheidungen überhaupt zu stande kommen. Das ist das Kollektiv.
Man sieht: Nicht immer handeln Menschen als Kollektiv -und das wäre auch fatal. Kollektiv-Entscheidungen sind oft ineffizient und lang-andauernd -trotzdem sind sie zudem oft auch noch sub-optimal.
Der Alternative der allgemen akzeptierten Verfahren fehlt jedoch oft die Akzeptanz durch die Individuen. Ob demokratisch oder totalitär, letztlich muss sich der einzelne der nach dem Verfahren getroffenen Entscheidung beugen.
Anders beim Schwarm: Hier entscheidet jedes Individuum selbst, ohne Diskussion aber auch ohne eine Autorität und ein Verfahren akzeptieren zu müssen.
Man hat lange geglaubt, dass solche Gruppen schnell in Anarchie auseinanderfallen müssten und dass sie nie zu intelligentem Gruppenverhalten finden könnten. Aber das ist falsch, wie jede Zugvogel-Formation zeigt.
Und inzwischen zeigen auch die sozialen Netze, dass dem nicht so ist. Den ersten Nachweis erbrachte die Wikipedia: Im oben genannten Sinne ganz und gar ein Schwarm. Die Nachrichtenverbreitung in Twitter und anderen Netzen ist ein erneuter Nachweis der Schwarmintelligenz.
Schwärme haben gegenüber Kollektiven den Vorteil der Effizienz, gegenüber Verfahrensdefinierten Gruppen den der individuellen Akzeptierbarkeit. Damit haben sie vielleicht eine große Bedeutung für das zukünftige menschliche Zusammenleben.
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am 28. Februar 2009 um 18:11
Kompliment! Ein in sich stimmiger Versuch, die unterschiedlichen Begrifflichkeiten zu sortieren. Und eine interessante Denkanregung!
Lieben Gruß
Michael Liebert
am 1. März 2009 um 03:49
Den Schwarm verstehe ich, mit Kollektiv ist wohl sowas gemeint wie Konrad Lorenz Gruppenverständnis, also Gruppen, die zusammenhalten und Sammelinteressen verfolgen, antiindividualistisch so zu sagen?!
Natürlich gibt es diese Kollektive nicht in der Natur, kein Mensch oder Tier handelt nach dem Kantschen Kategorischen Imperativ.
Fragen wir zu diesem Thema mal Terry Pratchett:
„Die Intelligenz des Wesens namens »Menschenmenge« ist nicht höher als die Quadratwurzel der Anzahl aller Personen.“
Wer seine Bücher kennt ahnt zumindest was er meint.