Jörg Friedrich


Kant und die Erhabenheit

23. Februar 2009 Kategorie: Philosophie |

Kant war in seiner „Kritik der Urteilskraft“ der Meinung, die Erhabenheit der Natur, die wir empfinden, rührt von einem Wechselspiel zwischen einem Grund, sich zu fürchten, und der gleichzeitig gefühlten Sicherheit gegenüber dem, was wir erhaben nennen, her. Schroffe Gebirgsketten z.B. empfinden wir als erhaben weil wir wissen, dass wir ihrer Gewalt unterlegen sind, aber das nur, wenn wir uns gleichzeitig in einem sicheren Abstand von ihnen wissen. Wären wir den Naturbedingungen unmittelbar ausgesetzt, könnten wir die Erhabenheit kaum empfinden.

Nun war Kant ein Mensch, der Königsberg nie verlassen hat und im Träume wohl nicht auf die Idee gekommen wäre, auf Bergeshöhen zu klettern um zu prüfen, ob sich dort, auf dem Gipfel, nicht doch ein Gefühl von Erhabenheit einstellen würde. Überhaupt ist ja das Besteigen hoher Berge in menschenfeindlichen Gegenden eine ziemlich neue Erfindung, erst vor rund 150 Jahren fand man Gefallen daran. Seitdem weiß man, dass dieses merkwürdige Gefühl, dieses Erschaudern vor dem Anblick der gewaltigen Natur, die man in diesem Moment erhaben nennt, auch im Moment der Gefahr möglich ist.

Sicherlich, in dem Moment, wenn man sich quält, ein Hindernis zu überwinden, während des mühsamen Aufstieges – da denkt keiner an die Erhabenheit der Gegend. Aber wenn man dann oben steht, und über das weite Gebirge schaut, da packt es die meisten, da spürt man, wie grandios das alles ist, was einen da umgibt.

Kants Vermutung war, dass sich das Gefühl der Erhabenheit einstellt nach dem Prinzip: „Ich müsste mich zwar fürchten wenn ich dem, was ich da sehe, schutzlos ausgeliefert wäre, aber ich muss es nicht, weil ich mich selbst zu schützen weiß.“ Es ist also eine Art überwundene Unterlegenheit, die im gewissen Sinne zur Überlegenheit umschlägt, die uns das Gefühl gibt, etwas ist erhaben. Wenn das, was zu fürchten wäre, kontrollierbar ist, dann ist es erhaben.

Irgendwie klingt das etwas verdreht, auch wenn damit, mit einer kleinen Umdeutung des Begriffs „beherrschen“, auch das Gefühl des Gipfelstürmers erklärt werden könnte. Er beherrscht die Gegend zwar nicht, doch er bezwingt sie.

Aber warum es so kompliziert machen? Das, was allen erhabenen Dingen gemeinsam ist, ist, dass sie nicht vom Menschen gemacht sind. Ein Wasserfall kann erhaben sein – eine Wasserkraftwerks-Kaskade ist es nie. Und die Landschaft, durch die ich fahre während ich dies schreibe, ist vielleicht schön (wenigstens im Sommer) aber nicht erhaben – sie ist von Menschen gestaltet.

Erhaben nennen wir, wovon wir mit Sicherheit sagen, dass es nicht vom Menschen gemacht ist, dass es nie von einem Menschen gemacht werden kann. Ein Sonnenuntergang am Meer ist niemals gefährlich – aber erhaben ist er wohl.

Deshalb geht uns auch der Sinn fürs Erhabene mehr und mehr verloren, und wir müssen schon in die Berge fahren, um es zu finden.


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3 Kommentare to “ Kant und die Erhabenheit ”

  1. # 1 Silberlöffelmitmessinglegierung schreibt:

    Bspw. Pyramiden oder unser Zivilisationssystem als Ganzes sind auch erhaben (vs. schön), das „Erschaudern“ scheint eher eine westliche Angewohnheit zu sein.

  2. # 2 antaeus schreibt:

    Hallo Herr Friedrich

    Dieser Sinn ist uns wohl längst schon verloren gegangen.

    Möglich dass man Oswald Spenglers diesbezügliche Intentionen verwirft, aber eine seiner m.E. brillanten Äusserungen zum „Betrachtungs-Konzept“ Kants kann ich mir nicht verkneifen wiederzugeben: „… Goethe und Kant: die reine Physiognomie der Welt, erschaut von der Seele eines ewigen Kindes, und die reine Systematik, erkannt vom Verstand eines ewigen Greises.“ (Der Untergang des Abendlandes).

    Herzliche Grüsse
    Antaeus

  3. # 3 Vogel schreibt:

    @Jörg

    Erhaben nennen wir, wovon wir mit Sicherheit sagen, dass es nicht vom Menschen gemacht ist, dass es nie von einem Menschen gemacht werden kann. Ein Sonnenuntergang am Meer ist niemals gefährlich – aber erhaben ist er wohl.

    Was soll man dazu sagen? Ich könnte nur fragen: Wo schreibst Du solche Sätze ab? ;-) Einfach Klasse!

    @ Silberlöffelmitmessinglegierung
    Einspruch! (s. o.)

    Beste Grüße
    Vogel

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