Facebook, Twitter und die Katastrophen
Nachrichten und Fotos über Katastrophen und andere schwerwiegende Ereignisse, die in Sozialen Netzwerken wie Facebook, auf Twitter oder in Blogs veröffentlicht werden, sind oft aktueller als die Webseiten klassischer Medien, von offiziellen Verlautbarungen ganz zu schweigen. Kein Wunder: Wenn irgendwo auf der Welt etwas geschieht, ob ein Flugzeug im Hudson-River notlandet, ein Wald brennt oder ein Amokläufer unterwegs ist, müssen Journalisten erst anreisen, während Menschen mit Internet-Zugang via Mobiltelefon schon vor Ort sind, und immer häufiger ist jemand mit einem Facebook- oder Twitter-Account dabei.
Aber sind die Informationen, die auf diese Weise um die Welt geschickt werden, auch zuverlässig? Ist das Internet nicht vor allem eine riesige Gerüchteküche, vollgestopft mit unzuverlässigen Halbwahrheiten? Lea Winerman hat für nature (Band 457, 22. Januar 2009, Seite 376ff, online leider nicht verfügbar) ein Feature über Krisenkommunikation geschrieben. Was sie herausfand, ist erstaunlich.
Informationen, die in sozialen Netzwerken verteilt werden, sind sehr zuverlässig. Soziologen der University of Colorado fanden heraus, dass diese Informationen selbst-korrigierend sind. Taucht eine neue Tatsachenbehauptung auf, wird sie von den einzelnen Mitgliedern des sozialen Netzwerks auf Plausibilität und weitere Bestätigungen geprüft. Jedes Mitglied beurteilt die Zuverlässigkeit und Identität dessen, der die Nachricht bereitstellt und leitet selbst nur die Informationen weiter, die er für zuverlässig hält. Damit können sich nur solche Informationen weltweit verbreiten, die plausibel und gesichert sind.
Dieses Verhalten ist nicht erst mit dem Internet und den sozialen Netzwerken entstanden. Es basiert auf den ganz menschlichen Gewohnheiten, Informationen, die man von verschiedenen Quellen bestätigt bekommt, mehr zu vertrauen als zentral verteilten Nachrichten. Schon vor der Entstehung des Internet waren die Menschen in Informationsnetzen eingebunden. So berichten die Wissenschaftler des Desaster Research Center of the University of Delaware, dass es bei Evakuierungen aus Büros schwieriger ist, Menschen aus großen Büros zu evakuieren als aus kleinen: die Betroffenen versuchen sich, bei ihren Nachbarn und Bekannten erst zu versichern, ob die zentralen Informationen richtig sind.
Was jedoch bei herkömmlichen Nachrichtenwegen ein Nachteil ist, wird im Internet zum Vorteil, da die Absicherung der eintreffenden Informationen durch Nachforschung im Netzwerk und die Weitergabe der so gesicherten Informationen nur noch Sekunden dauert.
Informationsanreicherung und –verbreitung in Twitter oder Facebook funktioniert also zunehmend nach dem Wikipedia-Prinzip: jeder Aktive bringt seine Erfahrungen und Kenntnisse in den Prozess der Nachrichtenverbreitung ein. Genau genommen funktioniert das soziale Nachrichtennetz sogar noch besser als Wikipedia: falsche oder unbestätigte und unplausible Nachrichten laufen sich einfach tot, sie versanden, während bestätigte Meldungen verstärkt und immer schneller und weiter verbreitet werden.
Entscheidend für das Funktionieren dieses Nachrichtennetzes ist, dass in vielen seiner Knoten kompetente Menschen sitzen. Aber als Kompetenz genügt in diesem Falle der gesunde Menschenverstand, ein Quäntchen Verantwortungsbewusstsein und ein gewisses Maß Lebenserfahrung. Den Rest erledigt die Funktionsweise des Netzes.
Natürlich sind die so verbreiteten Informationen nicht frei von Fehlern. Aber die Dichte der Daten, die Schnelligkeit ihrer Verbreitung und ihre Detailtiefe sind nicht zu übertreffen. Deshalb, so meinen die Forscher verschiedener Institute, sollten staatliche Einrichtungen dieser neuen Form der Informationsbereitstellung nicht skeptisch gegenüberstehen (wie sie es heute meist tun) sondern die so gewonnenen Daten aufbereiten und – zum Beispiel im Falle von Waldbränden und Naturkatastrophen – für das eigene Krisenmanagement nutzen.
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am 10. Februar 2009 um 12:33
Das muss ich erst`mal verdauen.
Wie könnte ein Versuch, die Untersuchungsergebnisse zu falsifizieren aussehen? Bis jetzt gilt: „Die Botschaft hör ich wohl …“ Allerdings: Eine gewisse Plausibilität ist durchaus gegeben. Zwei Fragen:
1: Wie kommt es zu vielen populären Irrtümern, und wieso halten die sich so hartnäckig? Der gleiche Mechanismus? A fragt, B und C bestätigen weil gleiche, falsche Info von ihren Omas?
2: Wie ist das Phänomen einzuordnen: Ein Unfall, fünf Zeugen, sechs verschiedene Hergangsschilderungen?
Denk` hierzu auch `mal über den Haider-Unfall nach und über die vielen Unfallhergangstheorien, die sich dann entwickelten. Unter anderem wurden die auch durch viele (unscharfe) Amateurfotos und „Tatortschilderungen“ gespeißt.
Du kennst sicher die Diskussion um die Zitierfähigkeit von Wikipedia. Für mich sind hier ausschlaggebend:
1. Fehlende Fixation (Inhalte veränderbar) –
Wie sagt der Volksmund: „Was Du schwarz auf weiß besitzt, das kannst Du getrost nach Hause tragen!“ Daher auch die Scheu vieler Menschen vor dem Schriftlichen. Frage zum Thema, Antwort: „Schwall, Schwall, Schwall!“ Zweite Frage: „Kann ich das schriftlich haben?“ Antwort: „Schwurbel, Schwurbel … Nö!“
- und 2. die mangelhafte Verantwortlichkeit (Adressierbarkeit des Autors) neben
3. der häufig fehlenden Expertise vieler Autoren.
Trotzdem: Interessante Info, Danke!
Beste Grüße
Vogel
PS.: Je länger ich drüber nachdenke: Hammer! Sollte eine Falsifizierung nicht möglich sein und weitere Untersuchungen die von Dir zitierten Ergebnisse bestätigen, wäre das, denkt man zu Ende, ein Todesurteil für die etablierten Medien!?
am 10. Februar 2009 um 12:36
Facebook, Twitter und andere Katastrophen…
…habe ich erst gelesen
Das Phänomen, dass verteilte Informationen zuverlässiger sein können als die von einem zentralen Quelle (selbst wenn es eine seriöse Quelle ist) , ist grossartig in dem Buch „Die Weisheit der Vielen“ beschrieben: Voraussetzung ist allerdings, dass die Quellen unabhängig voneinander sind (um gruppendynamische Effekte zu auszuschliessen) und es genügend verschiedene Quellen gibt (heterogen genug, um repräsentativ zu sein). Bei Naturkatastophen ist genau das gegeben: eine kritische Masse von unabhängien und verschiedenen Quellen, weil es sehr viele Betroffene gibt.
am 10. Februar 2009 um 12:44
Vogel, das Buch würde deine Fragen so beantworten:
1. Wie kommt es zu populären Irrtümern? Gruppendynamik, Leute erzählen sich gegenseitig irgendwelchen Unsinn, den sie einander glauben.
2. Verschiedene Perspektiven beim Unfall: die Irrtümer kürzen sich raus. Trau niemals einem Zeugen, aber wenn 2 sagen, der Wagen war grün, 2 sagen, er war blau, und einer sagt, er war weiss, gibt es eine grosse Wahrscheinlichkeit, das der Wagen dunkel ist. Beim Haider-Unfall gab es zuwenig Zeugen und zudem ein grosses Interesse, sich wichtig zu machen oder gar zu manipulieren (die Verschwörungstheoretiker).
3. Todesurteil für die Medien? Es gibt nur wenige Ereignisse, die wirklich von vielen Menschen unabhängig beobachtet werden können. Und nur da werden die Medien ausgestochen. Eine Gefahr kommt natürlich von Bloggern: denn eine Meinung zu äussern, das kann jeder. Und bei genügend Bloggern ist die aggregierte Meinung aussagekräftiger als ein Leitartikel in einer grossen Zeitung. Aber auch nicht alles lässt sich einfach aggregieren. Ich könnte mir vorstellen, dass es zunehmend die Rolle der etablierten Medien sein wird, diese Aggregation vorzunehmen (tun sie ja auch schon).
am 10. Februar 2009 um 15:27
@Fragezeichner: Die Argumentation der Forscher und auch das von ihnen untersuchte Phänomen ist ein anderes als das, was in dem Buch, das du zitierst, beschrieben wird. Denn hier geht es gerade um Kooperation, nicht um Unabhängigkeit der Individuen.
In sozialen Netzwerken sind die einzelnen nicht unabhängig, sie handeln (geben Informationen weiter) durch ihre Präferenzen gegenüber den anderen, mit denen sie vernetzt sind.
An eine „Weisheit der Vielen“ glaube ich so wenig wie an eine „Weisheit der Experten“. Jede Bundestagswahl und jeder Bürgerentscheid zeigt mir, dass „die Vielen“ nicht „weise“ sind.
am 10. Februar 2009 um 15:29
@Vogel: Medien können sich auch auf soziale Netzwerke stützen, dann sie können die Fakten, die diese bereitstellen, analysieren und beurteilen. So können sie einen echten Mehrwert bereitstellen.
am 10. Februar 2009 um 17:40
@Jörg
Kann ich begreifen (verstehen), das lässt mich für SPIEGEL und Co. hoffen. Mir scheint der neue Freitag schon so`n bisschen in die Richtung zu gehen. Mal sehen.
Trotzdem: Mit zu Ende denken meine ich natürlich die nächsten 20-35 Jahre. Trotz der Unruhe glaub` ich nich, dass es schneller geht. Zuerst wird der Markt der traditionellen Medien – mir geht`s v. a. um Zeitungen, ich halte am Liebsten `ne Zeitung in der Hand, `n Buch und kein „Iih-Buck“ – durch wegbrechende Werbeinnahmen gestresst, paralell nimmt nicht nur die quantitative sondern auch die qualitative Bedeutung (hoffentlich) des Internets zu. Unn dann iss se wegg, mei heiß geliebde Zeidung *schluchz*
Aber, wieder weitergedacht: Wir kommen (hoffentlich!!) wieder zur Meinungsvielfalt zurück, metaphorisch, zum Wetterauer Bote als unabhängiges Regionalmedium! Oder?
Beste Grüße
Vogel
am 28. Februar 2009 um 08:06
[…] Den ersten Nachweis erbrachte die Wikipedia: Im oben genannten Sinne ganz und gar ein Schwarm. Die Nachrichtenverbreitung in Twitter und anderen Netzen ist ein erneuter Nachweis der […]