Die geheime Botschaft von „Ich will Spaß!“
Im Colosseum-Theater in Essen wird seit wenigen Wochen das Neue-Deutsche-Welle-Musical „Ich will Spaß!“ aufgeführt und ich hatte am Wochenende bereits die Gelegenheit, mir die Show anzusehen. Das Bühnenbild ist faszinierend, die Musik- und Tanzbeiträge sind so professionell, wie es sich für ein Musical in Essen gehört und wer (wie ich) gern an die NDW-Zeit zurückdenkt, hat auch sein Vergnügen daran.
Die Geschichte aber, die zwischen den Tanz- und Gesangseinlagen erzählt wird, hat eine geheime Botschaft. Geheim ist sie deshalb, weil sie von der Show, von der bekannten, mitsingbaren Musik, von dynamischer Choreographie und von dem immer wieder überraschend sich wandelndem Bühnenbild überdeckt wird. Das macht diese Botschaft fast subversiv.
Die Musik der Neuen Deutschen Welle in der zweiten Hälfte der 1980er traf das Lebensgefühl derer, die Mitte und Ende der 1960er Jahre geboren waren, und „Ich will Spaß“ war ihre Hymne. Diese jungen Menschen (die wir waren) sehen wir auf der Bühne wieder – und ihre Eltern, die immer noch nicht erwachsen gewordenen 68er, die zwar nicht „Ich will Spaß“ skandieren, aber das „Ich“ schon ganz groß geschrieben haben, die die Konzentration auf das Selbst und auf das, was jeder selbst will und für sich für richtig hält, kultiviert und zum Lebensmotto gemacht haben.
Das Musical führt uns vor, wohin dieses Lebensmotto führt: Keiner fühlt sich für den (konkreten) anderen verantwortlich, weder die Alt-68er Mutter für die Probleme ihrer Tochter, noch die Mitglieder der jungen Spaß-Gemeinschaft füreinander. Wo die Elterngeneration auf Friedensdemos noch einer abstrakten Menschheit und einer ebenso abstrakten „Generation der Kinder und Enkel“ verpflichtet ist, verzichten ihre Kinder auf dieses Feigenblatt.
Dieses Leben führt geradewegs in die Katastrophe. Denn niemand will die anderen mit seinen wirklichen Problemen beim Spaßhaben stören, und die friedensbewegte Mutter, die für eine nebulöse Enkelgeneration auf die Straße geht, übersieht, dass das ganz konkrete Leben eines noch nicht geborenen Enkelkindes gerade auf dem Spiele steht.
Natürlich – dafür ist „Ich will Spaß!“ schließlich ein Musical – gibt es am Schluss ein Happy End. Aber das glückliche Ende ist nur zu haben, indem sich die beteiligten auf sehr konservative Werte wie Pflicht und Verantwortung füreinander besinnen, indem sie sich für Familie und geregelte tägliche Arbeit entscheiden. Und wenn man sich im Publikum umschaut, scheint die Mehrheit derer, die in den 1960er Jahren geboren sind und die sich heute eine Eintrittskarte für „Ich will Spaß!“ leisten können, irgendwann die gleiche Entscheidung getroffen zu haben. Spaß gibt’s auf Dauer nur als Zugabe zum pflichterfüllten und verantwortungsvollen Alltag.
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am 4. Februar 2009 um 14:52
„Ich will Spaß!“ im Sinne von „Ich will wenig bis keine Arbeit und viel Vergnügen!“ darf, wie ich finde, als kindliche oder wohlstandskranke Gesinnung betrachtet werden.
Wessen Werte jedoch über ein bloßes Aufbegehren gegen die Erwachsenen hinaus tatsächlich Selbsterkenntnis, -bestimmung und -verwirklichung beinhalten, dem sollte klar sein, dass dies nur im interessierten Austausch mit anderen möglich ist, denn unabhängig von einem möglichst vielfältigen Bild, welches man von „den Anderen“ besitzt, kann eine nähere Bestimmung des „Ich“ nicht erfolgen, noch hätte sie irgendeinen Gehalt. Wer sich von der Gesellschaft abschottet, ob innerlich oder äußerlich, muss sich schließlich keine Gedanken über seinen Platz in ihr machen.
Daraus folgt: Wer *ernsthaft* bemüht ist, sich selbst zu finden, sollte die Anderen suchen.
am 5. Februar 2009 um 08:09
„Ich will Spass!“ gibts halt als konstruktive und destruktive Variante, es sollte eigentlich Spass machen zu kooperieren und über sein Spass haben Werte zu schaffen.
Irgendwie fällt mir jetzt die aktuelle Antpapstkampagne ein, warum weiss ich allerdings auch nicht genau; ärgert mich halt. LOL
Beste Grüße!
am 9. Februar 2009 um 13:04
@ Jörg
Chapeau! Hoch lebe die Subversion und ihre Schwester Manipulation.
allein darüber könnte ich, aus ganz aktuellem Erleben, ein Buch schreiben!
@Alexander
!! Zwei (kleine) Aber: 1. die Unverantwortlichkeit und 2. „Die Botschaft hör ich wohl …“
Es bleibt dabei: !!
Grüße
Vogel