Popcorn und das Heilige Deutschland
Während Stauffenberg im Kugelhagel des Standgerichts zusammenbricht, stopft sich der Mann neben mir die letzten Popcornkrümel in den Mund. Die Geschichte war ja allgemein bekannt, und vielleicht nutzt ein geübter Kinogänger diese Tatsache, um Cola und Nachos so einzuteilen, dass beim Abspann gerade der letzte Schluck getrunken und der letzte Bissen verdrückt werden kann.
„Es lebe das Heilige Deutschland“ waren die letzten Worte des Hitler-Attentäters. Wenn sie heute, 65 Jahre später, im Kino verhallen, fragt man sich, ob diese Worte mit uns noch irgendetwas zu tun haben. Was bleibt, hier und jetzt, von einem Stauffenberg?
Das Heilige hat nichts mit Religion zu tun – auch wenn religiösen Menschen einiges heilig ist, was zu ihrem Glauben gehört. Das, was einem Mensche heilig ist, ist etwas, was er auf keinen Fall vermissen möchte. Das muss nicht Gott, das kann auch der Kaffee am Morgen oder die Zigarette danach sein. Heilig sind die Konstanten, die unser Leben stabilisieren, derer wir uns sicher sind oder sicher sein wollen. Für deren Bestehen wir einiges andere aufgeben, einige Kraft aufwenden würden.
Warum fällt es uns so schwer, das, was uns heilig ist, mit der Heimat, oder gar mit dem Land, deren Bürger wir sind, zu verbinden? Ist es nur die Geschichte? Wohl kaum. Der Popcorn-Esser im Kinosessel neben mir zeigt, Scham oder historische Schuldgefühle sind nicht der Grund, weshalb Deutschland seinen Bürgern selten heilig ist.
Vielmehr hat sich wohl die Kultur, die die Beziehung eines Bürgers zu seinem Staat definiert, grundlegend gewandelt. Den Staat, demgegenüber die Bürger auch eine Pflicht empfinden, weil er die Summe all dessen ist, was ihnen heilig ist, diesen Staat gibt es nicht mehr. Schon die Formulierung, in der ich von einer Beziehung zwischen Staat und Bürger spreche, ist verräterisch. Sie verweist auf zwei getrennte, unabhängige Subjekte, die irgendwie lose miteinander kommunizieren oder kooperieren.
Der Staat ist heute für seine Bürger vor allem ein großes Dienstleistungsunternehmen, deren Produktpaket – Schule, Straßen, Polizei – wir mit einem Pauschaltarif bezahlen. Wir sind immer unzufrieden, die Qualität der Leistung lässt zu wünschen übrig, im Übrigen sind sie auch überteuert.
Man könnte einwenden, dass Staat und Land nicht das Gleiche ist, das Land ist weit mehr als der Staat, ist auch Landschaft, ist auch Kultur. Nicht die staatlichen Institutionen sollten den Bürgern heilig sein, nicht die Bürokratie, sondern Land und Leute, Gebräuche, Traditionen.
Aber letztlich sind Kultur und Staat nicht unabhängig voneinander, sie sind nicht einzeln zu haben, beides trägt den gleichen Namen – Deutschland. Und jenem Popcorn-Esser wird wahrscheinlich weder deutscher Staat noch deutsche Traditionen und Kultur besonders wichtig, wichtig ist vielmehr, dass das Zeug in der Tüte knusprig und süß ist, und dass es bis zum Ende der Vorstellung reicht – das ist im heilig.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2009/01/26/poppkorn-und-das-heilige-deutschland/
am 26. Januar 2009 um 11:41
Um es mit den Worten von Volker Pispers zu sagen: „Ich habe schon genug zu tun mit meinem bißchen Mensch sein. Deutscher zu sein, dazu komm ich ganz, ganz selten.“
Viele im Ausland und manche im Inland bezeichnen eine solche Haltung als tiefgehend gestört, krankhaft, künstlich hervorgerufen durch eine historische Schande und die sonstigen üblichen Erklärmodelle.
Ich hingegen empfinde ein solch konstruiertes Nationalgefühl als etwas künstlich erfundenes, zumal ich aufgrund zahlreicher absurder Auswüchse des bundesrepublikanischen Föderalismus nicht das Gefühl habe, wirklich in *einem* Land zu leben.
Deutschland ist also weder als Land noch als Staat ein Heiligtum für mich, es ist einfach das Land, in dem ich geboren bin und in dem ich bis heute ganz gut lebe.
am 26. Januar 2009 um 18:00
> Der Poppkorn-Esser im Kinosessel neben mir zeigt, Scham oder historische Schuldgefühle sind nicht der Grund, weshalb Deutschland seinen Bürgern selten heilig ist.
Yep, die Gustavheinemänner haben sich durchgesetzt. Dem ungünstigen Nationalismus der Jahre vor 1946 wird ein ungünstiger Internationalismus entgegengesetzt. Lustigerweise ist dieses Phänomen in der ganzen westlichen Welt zu beobachten, hat also nix mit dem 3.Reich zu tun.
BTW, heisst es jetzt wirklich schon „Poppkorn“?
am 26. Januar 2009 um 18:25
Was aber soll an einem Internationalismus ungünstig sein?
am 26. Januar 2009 um 18:40
Yo, danke, das wissen viele nicht [1], wir erläutern gerne.
Also: Wir haben so zu sagen einen Welt-Föderalismus mit verschiedenen Playern, was auch gut so ist.
Die europ. Internationalisten dagegen wollen vereinheitlichen, erst eine EU-Regierung, am besten aber eine Weltregierung. Und das ist nun einmal falsch, die Kompetitivität ginge verloren und Stagnation drohte.
Nationalstaaten sind wichtig, Patriotismus [2] ebenso.
Disclaimer: Diese Analyse erfolgte aus systemtheoretischen Erwägungen heraus, mir ist D auch s-egal, zu viele Gustavheinemänner, LOL.
[1] „wg. Bildungssystem“
[2] rrichtig verstandenerr Patrriotismus ;–)
am 27. Januar 2009 um 07:40
„Das ist nun einmal falsch“…aha. =) Wenn das nun mal so ist, okay.
am 27. Januar 2009 um 14:31
@Alexander: Weder das Mensch-Sein noch das Deutscher-Sein kannst du in dem Sinne wählen, dass es darauf ankäme, ob du dir dafür Zeit nimmst.man könnte zugespitzt aber wohl recht zutreffend sagen, dass der Herr Pispers genau in dem Momente sehr Deutscher ist, in dem er solche Sätze spricht. Es gehört wohl zu den charakteresierenden Merkmalen der Deutschen, eben dieses Deutscher-Sein für sich abzulehnen.
Wozu aber führt es, wenn man permanent behauptet, einer Zugehörigkeit, die man gar nicht wählen kann, entrinnen zu wollen, entronnen zu sein? Im eigenen Inneren zur Zerrissenheit, zur (vielleicht uneingestandenen) Heimatlosigkeit. Wer nicht heimatlos sein will, aber der natürlichen Heimat fremd gegenüber steht, schafft sich einen neuen abstrakten intellektuellen Begriff von Heimat, der aber nichts mit Tradition, mit Herkunft, mit Sprache zu tun haben kann, der letztlich eine leere Blase ist, die nicht hält und die nicht hält. Nach außen, gegenüber den anderen, führt es zur Unverbindlichkeit, zu Unsicherheit. Wie sollen Franzosen, die gern zur Großen Nation gehören, Amerikaner, die die Hand aufs Herz legen und alle anderen mit Leuten umgehen, die nicht mal das sein wollen, als das sie geboren sind – Deutsche?
Heimat ist das, worin die eigenen Wurzeln Halt haben. So ein Boden ist immer reginal, nie international. Wer dazu nicht steht, kan anderen auch kein Partner sein.
am 27. Januar 2009 um 17:20
Ich nehme an, was Herr Pispers meint, ist, dass er sehr selten dazu kommt, konkretes Denken und Tun damit begründen zu wollen, dass er ein Deutscher ist. Und ebenso geht es mir.
Ich lehne es weder ab, Deutscher zu sein (dann würde ich wohl konsequenterweise nicht mehr hier leben), noch bin ich stolz darauf.
Sicher bin ich mir bewusst, zu einem nicht unbeträchtlichen Teil durch mein Aufwachsen in dieser Kultur und in diesem Land geprägt zu sein, zum besseren wie zum üblen. Nur worin besteht der Sinn, dies besonders hervorzuheben? Das ist in meinen Augen etwa ähnlich sinnfrei wie seine Herkunft verleugnen zu wollen.
Und ich glaube, dass Nationalgefühl eine relativ moderne und reichlich abstrakte Erfindung ist. Zu seiner Familie, seiner Sippe, seinem Stamm, seinem Dorf kann man sich auf ‚natürliche‘ Weise verbunden fühlen. Die Verbundenheit zu einem ganzen Land und dessen Staat muss man seinen Bürgern schon mit reichlich Propaganda, Romantik und über mehrere Generationen hinweg einimpfen.
Ich persönlich empfehle daher eine gesunde Gelassenheit bezüglich der Heimat und dem einig Vaterland gegenüber.
am 27. Januar 2009 um 21:18
> Ich persönlich empfehle daher eine gesunde Gelassenheit bezüglich der Heimat und dem einig Vaterland gegenüber.
Ja, sischer. Nichts spricht aber gegen „aufgeklärten“ Patriotismus bzw. Nationalismus. Genausowenig wie etwas gegen „aufgeklärten“, also nicht romantierenden Internationalismus spricht.
Anders formuliert: Im oben genannten Sinne ist beides gut.
Es geht auch nicht um das „Nationalgefühl“, sondern um die Verbundenheit zur Gruppe, der man angehört. Du wirst diese Gruppenverbundenheit überall antreffen, im Arbeitsleben (Abteilung, Team) oder im Sport oder bei den Hobbyisten.
Das ist schon natürlich und sinnvoll.
Es wäre natürlich in der Tat gut, wenn sich die deutsche Geschichte in den letzten 100 Jahren positiver dargestellt hätte.
„Poppkorn“-Menschen wird es aber immer und überall geben, auch in Ländern, die eine ordentliche Historie aufzuweisen haben.
Nachtrag:
Jörg hat natürlich auch mit seiner psychologischen Betrachtung recht, Zerrissenheit und die Sehnsucht nach einer „Übergruppenzugehörigkeit“ wirkt auf jeden Fall negativ.
Du kannst Dich ja bspw. an der europäischen Aufklärung festhalten. Da haben auch Deutsche mitgewirkt. :–)
Pispers ist mit Vorsicht zu geniessen, ein schlauer und talentierter Mensch, aber manchmal sehr billig.
am 27. Januar 2009 um 21:49
Hm … Jörg, Du bereitest mir schon wieder Unbehagen … ich muss auf solche Themen wie Heimat und Religion (Du erinnerst Dich u. a. an Habermas/Ratzinger – apropos PapaRatzi: Hat der gerade wieder ein dickes Ei gelegt! Mannomann!) reagieren:
Ja, ja, man hört das immer wieder: 1. Man hat Glauben! (der erste Schritt ins Unglück), 2. Man hat Heimat! (der zweite Schritt), 3. Man ist zugehörig! (der dritte Schritt ins Verderben)
zu 1. hatte ich mich schon mehrfach geäußert. Für mich (!) gilt: Bah!
), nichts desto Trotz: Jedermann sollte wissen, dass wir alle aus dem Ostafrikanischen Graben gekrochen sind – also ist überall zwischen hier (!) und dort: Heimat!
zu 2. klar gibt’s Ecken, wo man wohlige Gefühle hat (ich bin relativ viel rumgekommen, da hab‘ ich viel zu fühlen
zu 3. das behaupten und behaupteten Viele: Wo gehör‘ ich denn nun hin? Tutsi?, Hutu?, Türke?, Arier?, Palestinänser? Herrenmensch?, Hottentotte?, Indianer?… Ich gehöre zur Spezies Mensch – Ende! Weiter komm‘ ich da nich!!
Warum komm‘ ich an dieser Stelle nich weiter? Bin ich zu blöde? Wahrscheinlich bin ich zuviel rumgekommen?! Wenn’s hoffentlich nur das ist.
Beste Grüße
Vogel
PS.: Zu Heimat fällt mir noch Heiner Müller ein (ihm zugeschrieben): „Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen.“ Seh‘ ich auch so!
PSS.: Hab‘ g‘rad noch‘mal hochgescrollt: 2009, Deine #4 iss (für mich) irgendwie Banane, aber auch irgendwie Klasse!
am 27. Januar 2009 um 22:20
@ Jörg #6
Wie mit Menschen, Mitbewohnern, Artgenossen – oder wie sonst??
Da hast Du aber auch zwei Schätzchen in einem Satz zusammen gebunden: Die „Grand Nation“* und den „World Finest (Redieast??) Leader“** Eben! kann ich da nur sagen!
(*nix gegen französiche Literatur, Musik, Land und Küche, **nix gegen amerikanische Musik (Ives, Bloch, Barber, Hendrix, Miles Davis, John Coltrane u. a.), Literatur (!) und Küche (Steaks, Steaks, Steaks))
D‘accord!
Boden? Wieso Boden? Das Bild im Satz zuvor reicht völlig!
Soso, heimatlose Gesellen … wer einmal aus dem Blechnapf fraß … wer Rothändle raucht …
Grüße
Vogel
am 27. Januar 2009 um 22:36
@vogel:
> „Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen.“ Seh‘ ich auch so!
Reib Dich mal nicht am Heimatsbegriff oder am „Boden“ auf, das sind nur Worte.
Dein Defizit scheint mir übrigens grundsätzlich im Verkennen des Glaubenscharakters in Bezug auf jegliche Überzeugung zu liegen.
Irgendwann muss man springen und A und B zusammenzählen, natürlich im Bewusstsein des möglichen Irrtums.
Anders geht das nicht.
am 27. Januar 2009 um 23:10
@2009
Das mit dem Boden: Metaphorisch scheint mir Jörg’s Boden nich zu sein (s. vorher gehender Satz – deshalb hab‘ ich’s auch auseinander geklaubt).
Das mit der Glauberei: D‘accord, iss unscharf – gemeint ist Religion(en)! Da Glauben aber allgemein (schon wieder unscharf?? – Sch… Definitionen, hoch lebe das Missverständnis B-) ) gleich Religion benutzt wird (v. a. in dem Zusammenhang, in dem wir hier diskutiert haben) iss es doch wieder scharf genug, oder nich?
Das mit dem Springen und der Überzeugung: Ich habe Überzeugungen! Beispiele: *Musik ist die größte Erfindung, die auf diesem Planeten gemacht wurde; der Mensch ist ein durchschnittlich einssiebzig hoch gestapelter Zellhaufen; das Leben ist trotz Allem schön – aber auch Ansichtssache; Kant iss Klasse (den kategorischen Imperativ hat er aber abgeschrieben – wenn gleich, mE, besonders schön und eindringlich formuliert); … mehr davon?
Beste Grüße
Vogel
*Höre den ganzen Abend Musik von Erwin Schulhoff, auch so ein großartiger Mensch, dem andere Menschen die einen Glauben hatten (hier eine „Quasireligion“), eine Zugehörigkeit, eine Heimat (Boden) … Beschäftige Dich ´mal mit Dimitri Schostakovich (nich nur hören, auch lesen über ihn, versuchen zu verstehen – 28.01.36 (nicht nur, aber der Einschnitt in seinem Leben – jährt sich morgen zum 73ten Mal, ich werd‘ morgen ´nen Schosti-Gedenktag machen!!), Lady Mac Beth von Mnzenks –> brachte mich zu Nikolai Leskow –> der Gaukler Pampalon (beides sehr lesenswert, die Lady und der Gaukler, Reklamheftchen für dreifuffzisch oder so –> und dann fang‘ ich an Kreise zu ziehen (Gogol kaufen und in’nen Bücherschrank [Erinnerungen an die Schulzeit –> Der Revisor], Dostojewski raus und endlich ´mal wieder gelesen … und dann gugg‘ ich mich um, und mich trifft der Schlag! Hier hör‘ ich einfach auf, sonst schwall‘ ich dem armen Jörg seinen Blog zu!
am 28. Januar 2009 um 03:05
Der dezent gesetzte Tiefpunkt im Kommentarbereich hat noch keinem Inhaltsangebot geschadet.
Regionale Verbundenheit (so kann „Boden“ umgangen werden :–) ist schon ganz OK, so wie jede Art der Verbundenheit mit seiner (letztlich frei gewählten Umgebung) OK ist.
BTW, Musik ist ein sozialer Prozess, arbeite in diese Richtung mal weiter…
:–)
am 28. Januar 2009 um 10:21
@2009
Sehr korrekt – aber nicht ausschließlich, nicht unbedingt. Literatur ist es auch. Zwei farbige Flecken auf meiner „Landkarte“!
Grüße
Vogel
PS.: Heute iss tatsächlich Schosti-Gedenken, jetzt läuft gerade die 2. Jazz-Suite. Auf den Walzer 2 tanzen Don Vito Corleone (Marlon Brando) und Frau (?) sehr schön …
am 29. Januar 2009 um 13:36
Weil ihr gerade über Musik und Literatur schreibt – beides sind ja ganz wesentliche Bestandteile einer Kultur, zu der wir jeder gehören. Und diese kulturellen Aspekte sind ganz wesentlich national geprägt. Bei der Literatur ist das ganz offensichtlich. Einem Deutsch-Muttersprachler ist deutsche Literatur nun einmal ganz unmittelbar zugänglich, nicht nur, dass er sie „versteht“, sie spricht ihn auch auf vielen weiteren Ebenen ganz unmittelbar an, sie rührt, sie ergreift, sie packt, ganz anders als fremdsprachige Werke, auch wenn man eine Fremdsprache halbwegs gelernt hat. Ich muss hier wohl nicht ausführen, woran das liegt. Mit der Musik ist das ebenso.
Das zeigt doch, dass Identifikation für jeden vor allem einen nationalen Bezug hat. Man kann sich auch mit seinem Fußballverein und seinem Dorf identifizieren – klar. Aber unglaublich viele unhintergehbare Identifikationen liegen bei der Zugehörigkeit zum deutschen Volk.
Selbst, dass man sich mit einem Verein identifiziert, hat ja die Existenz von Vereinen zur Voraussetzung, und dass man ein Dorf seine Heimat nennt, setzt voraus, dass man einen Begriff von einem Dorf hat – und diese Institutionen sind wieder sehr national geprägt.
am 29. Januar 2009 um 18:36
Jörg, Deutsche Literatur ist auch Schweizer oder Österreichische Literatur. Und Nationalcharakter von Musik?
Ich glaube, dass die Nation als wichtiger Bezugspunkt immer weiter an Bedeutung verliert. Sie wird zerrieben zwischen regionaler Identifikation und globaler, aber vertikal-orientieter Identifikation (z.B. Interessensgruppen). Nationen haben ihre Rolle zur Befriedung und Einigung von Teilen Europas vor allem im 19. Jahrhundert erfüllt und im 20. JH in den Nationenkriegen dann auch schon wieder verspielt. Die Nation ist vielfach ein künstliches, mit Macht erstelltes Konstrukt.
Auch in Frankreich ist übrigens nicht alles Gold, was glänzt: auf lokalen Druck werden mittlerweile wieder regionalen Sprachen (z.B. in der Bretagne, in der Provence, auch in Nizza) in den Schulen unterrichtet und Strassennamen in den regionalen Sprachen angezeigt.
am 29. Januar 2009 um 21:07
@Jörg #15
(einer meiner Lieblingsschriftsteller) … es muss nich immer Schubert oder Bruckner sein … die (meine) Musik ist (80% Klassik) international – auch gerne japanisch, chinesisch, finnisch (war die Tage im Fernsehen: Kantele, die finnische Zither, man war das gut!), … dto. die (meine) Literatur – die ganze Famlie liest, liest, liest …
lass‘ uns nicht verzetteln, das könnte ich endlos fortspinnen. Feststeht: Es muss nich immer Hesse sein
Deshalb hat mir für Heimat ja auch gereicht: „Heimat ist das, worin die eigenen Wurzeln Halt haben.“
Deine #15 iss ja nich falsch, sie repräsentiert die allgemeine Meinung zum Thema (hoffentlich hat das nich weh getan
– ich will sicher nich ironisieren) – mich spricht das aber sehr wenig an. Mein Vater kommt aus dem Osten, mein erster „Ami“-Freund war ein Neger (wir waren beide 12), mein Adoptivkind – wir haben 4 Kinder, 3 eigene, eines haben wir dazu genommen – ist nicht deutsch, … mein Fußballverein steht auf Platz 1-16 (2 Vereine mag ich nich besonders) … bei mir iss „nix“ normal, un dess iss ach gud so, gelle!
Beste Grüße
Vogel
am 30. Januar 2009 um 12:30
@fz:
> Die Nation ist vielfach ein künstliches, mit Macht erstelltes Konstrukt.
Die Nationalstaaten, die aus den Stadtstaaten entstanden sind, sind die Voraussetzung für die Zivilisation. Die „Macht“, also die soziale Struktur, hat sich hier ordentlich abbilden lassen.
Vermutlich geht Dein Vortrag Richtung Internationalismus (oder Anarchie), selbstverständlich hat sich die Welt durch die so genannte Globalisierung verändert, am wichtigsten hier die Errungenschaft Internet, allerdings muss die Macht auch weiterhin abgebildet werden.
Und zwar möglichst sinnvoll und so, dass die Kompetitivität nicht verloren geht. Wir erinnern uns daran, dass politische Systeme und Vorstellungen in Form von Nationen miteinander konkurrieren.
Jörg hat das „Gefühl“ in dieses Thema hinein gebracht, also die Riten und Mythen und Rituale, das ganze Brimborium, das den Laden zusammenhält, und der Natur des Menschen entspricht und einen Rahmen bildet für die Kooperationverhältnisse. Dieses Gefühl ist wichtig, hat allerdings in der Vergangenheit so manche Schandtat evoziert, hier sollte man vorsichtig sein.
Der Deutsche scheint mir nur sehr bedingt patriotismustauglich und sollte möglicherweise wirklich – wie Joschka Fischer in „Risiko Deutschland“ [1]anregte – in seiner Umgebung aufgelöst werden, LOL.
[1] ein wundervolles Buch, das seinerzeit als eine Fähigkeitsbescheinigung und Bewerbung für die Aussenpolitik verstanden worden ist (die logische Konsequenz war dann der BAM-Job)
am 30. Januar 2009 um 13:47
Ich muss Euch Kommentatoren einmal danken für Eure anregenden und konstruktiven Beiträge. Ich werde zu diesem Thema einen neuen Artikel schreiben, es ist sehr komplex.
Ich hoffe, Ihr bleibt mir treu und macht euch weiterhin die Mühe, meinen Gedanken zu folgen.
am 30. Januar 2009 um 14:25
Nein, ein Blick in die Geschichte zeiht, dass es menschliche Zivilisationen schon lange vor der Idee der Nation gab, die ja eine sehr neue Idee ist und dem 18./19. Jahrhundert entstammt. Ebenso hat die willkürliche Einteilung Afrikas in „Nationen“ mehr Schaden als Nutzen angerichtet.
Mach dir mal keine Sorgen, dass die Macht nicht abgebildet wird. Die Machtzentren verschieben sich von den europäischen Nationalstaaten hin zu einer europäischen Regierung (eine bereits erkennbare Entwicklung) und zu den Regionen (meine Beobachtung, lässt sich aber drüber streiten).
am 30. Januar 2009 um 14:59
@fz:
Die Stadtstaaten sind Voraussetzung für die Zivilisation, da war eine kleine Ungenauigkeit. Allerdings waren viele frühe Staaten Nationalstaaten. Aber das ist nicht das Thema sein, es geht um Staaten, nicht oder nur am Rande um deren Zusammensetzung.
„Nationalstaaten“ als „neue Idee“? Naja…
Ansonsten, den Punkt bei Dir getroffen, gelle: ein überzeugter Internationalist.
Hoffen wir mal, dass das zumindest mit der EU so halbwegs klappt, zurzeit siehts ja ziemlich mau aus.
am 30. Januar 2009 um 16:00
@2009: da ich nicht weiss, was du unter „Internationalist“ verstehst, kann ich auch nicht so recht beurteilen, ob ich einer bin, das Wort gefällt mir aber überhaupt gar nicht.
Da ich als Deutscher in Frankreich wohne, begrüsse ich natürlich jede Art von Dialog unterschiedlicher Kulturen. Ich glaube, dass alles Gute aus dem kleinen entsteht, von unten ausgeht, dem regionalen, dem lokalen, aus der Vielfalt, der Verschiedenheit. Deswegen sehe ich auch viele Aspekte einer europäischen Zentralregierung sehr skeptisch.
So, nun darfst du dir eine Schublade für mich aussuchen und einen Namen draufschreiben (vorzugsweise ohne -ist am Ende).
am 30. Januar 2009 um 18:44
@Jörg #19
1. Bitteschön, gern geschehen, macht doch Freude, oder?
2. Hast Du Dich schon bei Dir bedankt? Du schlägst sehr schöne Flanken!
3. Ja, dess Lebe iss ganz schee kombliziert, gelle!
4. „Hoffnung ist der Kutscher der Armut!“ – Du allein hast es in der Hand!
Beste Grüße
Vogel
am 31. Januar 2009 um 01:16
Jörg soll hier nicht vorgegriffen werden, aber ein paar Hinweise:
1.) Niemand diskutiert hier denjenigen Nationalstaat, der durch ein „Wir gegen die anderen.“ gekennzeichnet ist und der in der Tat eine „moderne Errungenschaft“ ist. Hauptsächlich um Massenkriege führen zu können.
Es kann nur um Patriotismus, bspw. wie in Amerika gehen.
2.) Zum Nationalismus und Internationalismus zwei Geschichten:
Es gibt im Arbeitsleben Abteilungen, die sich abschotten, die eine total verengte Sicht auf die Dinge haben und kaum konsensfähig sind, sondern autisch.
Dann gibt es „Macher“, die Abteilungen leiten und ihren Mitarbeitern Leistungen abnötigen, die nicht etwa vergütet werden, sondern die ihre Motivation ausschliesslich aus dem grossen Ganzen beziehen. (Den Bonus bekommt dann im Erfolgsfall der Abteilungsleiter. Oft scheitert dieser aber.)
Im Sport habe ich folgendes erlebt: Ich spiele (vergütet) für ein Team und dieses gerät in Abstiegsgefahr, abends singen die Jungs „Wir sind die Eiermänner.“. Die Jungs identifizieren sich nicht mit dem Club.
Dann gibt es noch den Vereinsmeier, der sozial völlig in seinem Club aufgeht, der dann aber mit einem wichtigen Sponsor kollidiert und (nach 20 Jahren ehrenamtlichen Engagements) ausgewechselt wird, ausgewechselt werden muss.
3.) In D wird diese Diskussion nicht vernünftig geführt, hier liegt ein (jahrzehntelanges) Versagen der bürgerlich-liberalen Kräfte vor, die sich von den „Langhaarigen“ die Butter vom Brot nehmen liessen und lassen.
@fz: Dann machst Du ja alles richtig.
am 31. Januar 2009 um 16:07
*lol* einfach nur so … „Jörg soll hier nicht vorgegriffen werden … – abber isch greiff‘ hald ema vor!“ *lol*
Allerbeste Grüße
Vogel
am 31. Januar 2009 um 18:13
LOL, ja, war nicht ganz ernst gemeint. (Letztlich schreibt Jörg dann meist doch, was ich denke, alte Münsteraner bzw. Münsterländer halten wohl irgendwie zusammen. ;–)
am 1. Februar 2009 um 11:47
@Jörg, 2009
lasse merr’s für jetzt, okei? Hab‘ letzten September in Danzig ’ne Urlaubsbekanntschaft gemacht, aus Osnabrück. Wenn ich den `mal besuche, mach‘ ich `n Stopp im Münsterland! Iss dess ach okei?
Beste Grüße
Vogel
am 1. Februar 2009 um 14:23
@Vogel:
Mit „alter Münsteraner“ war Ex-Münsteraner gemeint und zwar schon seit fast zwei Jahrzehnten. Zudem schreibt Jörg natürlich völlig unabhängig von mir, „meist, was ich denke“. ;–)
Wer aber mal in der Ecke Prag/Brünn/Wien vorbeischaut…