Jörg Friedrich


Käme Demokratie ohne Pressefreiheit aus?

12. Januar 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Mein Artikel über die Pressefreiheit war initiiert durch eine Diskussion bei Miriam Meckel in der diese u.a. behauptete, dass Pressefreiheit die Voraussetzung von Demokratie sei, eine These, der ich widersprach, und zwar mit der Begründung, dass die Demokratie ja gerade meist nicht unter der Bedingung der Pressefreiheit errungen wird, sondern dass umgekehrt, wenn die Demokratie errungen ist, erst Pressefreiheit verfassungsmäßig verankert und später praktisch etabliert wird. Eine weitere Diskussionsteilnehmerin bezeichnete diesen Satz als „ungeschickt“ – was bei mir weiteres Nachdenken über die Verwendung des Wortes „Voraussetzung“ im politischen Kontext auslöste. Dieser Text sollte eigentlich – für Freunde philosophischer Spitzfindigkeiten – die Ergebnisse darstellen. Am Schluss ist er unerwartet politisch geworden.

 

Voraussetzungen, das sind im Allgemeinen und so auch im Politischen die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit ein Ereignis eintreten kann. A ist Voraussetzung von B bedeutet, A muss wahr sein, damit B wahr sein kann (oder wahr werden kann). Logisch ist somit alles klar und man kann – wie ich – schnell zu dem Ergebnis kommen, dass die Behauptung, Pressefreiheit sei die Voraussetzung von Demokratie, historisch in einer Unzahl von Fällen widerlegt ist. In den osteuropäischen Ländern gab es keine Pressefreiheit – trotzdem wurde die Demokratie erkämpft. Und als die Demokratie dann errichtet war, konnte auch die Pressefreiheit realisiert werden.

 

Nun kann man natürlich erwidern, dass im Praktisch-Politischen die Frage, ob etwas da ist oder abwesend ist, gar nicht so einfach und exakt zu entscheiden ist wie es für meinen logischen Schluss notwendig wäre (Miriam Meckel hat das nicht getan, ich führe dieses Argument hier sozusagen gegen mich selbst ins Feld). Selbst in der späten DDR gab es de facto bereits ein gewisses Maß an Pressefreiheit, sei es, weil die Regierung schon zu schwach war, die Verbreitung der Schriften des Neuen Forum zu verhindern, sei es, weil selbst die „offiziellen Organe“ sich mehr und mehr wagten, auch einmal kritisch über das wirkliche Leben zu schreiben. Ähnlich verhielt es sich auch in den anderen damals kommunistisch regierten Ländern.

 

In dieser Argumentation kann man fortfahren und darauf verweisen, dass eine erkämpfte Demokratie auch nicht vom ersten Tag an eine de facto funktionierende Demokratie ist. Durch die Etablierung der Pressefreiheit werden die noch schwachen Einrichtungen der Demokratie gestärkt (ich hatte das in meinem vorigen Artikel dargestellt) – so kann dann der Meckelsche Gedanke, dass die Demokratie die Pressefreiheit zur Voraussetzung habe, plausibel gemacht werden. Das impliziert aber die Bedingung, dass ohne Einrichtung einer Pressefreiheit Demokratie nicht möglich wäre. Nicht nur die Tatsache, dass ungezügelte Pressefreiheit auch eine Gefahr für die Demokratie ist, spricht dagegen, sondern auch die (wenn auch wenigen) Fälle in der Geschichte, in denen es zwar Demokratie, aber überhaupt keine Presse gab.

 

Welche Art von Demokratie ist es genau, die Pressefreiheit zur Voraussetzung hat? Oder – einmal andersherum gefragt – unter welchen Bedingungen könnte die Demokratie auf die ganze Presse (und deren Freiheit sowieso) verzichten? Auch hier können uns die Revolutionen in Osteuropa Hinweise geben: Solange die Bürger selbst politisch aktiv sind, solange ist freie Presse zwar schön, aber nicht zwingend. Solange jeder nach der Macht greifen und sie an jeden verlieren kann und solange jeder Bürger nach der Wahrheit sucht und sie aktiv verbreitet, braucht er keine gesonderte Presse. Der Bürger ist Kontrolleur und kontrollierter Mächtiger und er ist selbst die Presse. Wer jeden Abend zur Demo geht, und wer mit seinen Kollegen über nichts anderes spricht als die politischen Ereignisse, der haz gar keine Zeit, Zeitung zu lesen, und er braucht sie auch nicht (deshalb ist vernetzten politischen Bloggern die Freiheit der klassischen Medien auch recht gleichgültig).

 

Eine Gesellschaft aber, die das Politische an eine kleine Gruppe von streitenden Macht-Interessierten delegiert hat, und in der für die Mehrheit die politische Aktion beim Lesen der Schlagzeilen ihrer Lokalzeitung endet, braucht die Pressefreiheit , um überhaupt halbwegs demokratisch zu bleiben. Wo immer weniger Bürger Lust haben, selbst politisch zu arbeiten, oder auch nur an die Regierenden öffentlich kritische Fragen zu stellen, wo das ganze Staats-Bürger-Sein sich auf den zwei oder dreimal jährlich notwendigen Gang zur Wahlurne reduziert, da braucht die Demokratie tatsächlich die Pressefreiheit. Nicht die Demokratie schlechthin, sondern unsere degenerierte Form der delegierenden Fernsesessel-Demokratie.

 

Diese Form – das ist offensichtlich – ist gleichzeitig Demokratie in ihrer am meisten gefährdeten Form. Denn keine noch so freie Presse liefert uns die Wahrheit – und wenn die Presse die Politik in unserem Auftrag kontrolliert, wer kontrolliert dann die Presse? Freie Presse – das kann auch Kasperle-Theater sein. Wenn der Bürger sich auf einen Nachrichten-Konsumierenden und Wahlkreuz-Abliefernden Privatier reduziert, ist Demokratie nur noch eine leere Hülle, ein Tarnanzug für eine Oligarchie – mit oder ohne Pressefreiheit.

 

Brecht abwandeln kann man sagen:
Unglücklich das Land, das keine Pressefreiheit hat?

Nein, Unglücklich das Land, das Pressefreiheit nötig hat.


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5 Kommentare to “ Käme Demokratie ohne Pressefreiheit aus? ”

  1. # 1 2009 schreibt:

    Ich verstehe Deine Denkweisen in diesem Punkt leider nicht.
    Mein Satz wäre hier:
    „Pressefreiheit ist Voraussetzung für die Demokratie [1], so wie wir sie kennen.“
    Selbstverständlich gibt es Demokratie auch in Systemen, die nicht wie unser System von Freiheit, Marktwirtschaft und Demokratie geprägt ist (Henkel spricht hier recht schön von einem Dreieck).
    Pressefreiheit ist aber immer Freiheit der Meinungsäusserung und damit Freiheit.
    „Nein, Unglücklich das Land, das Pressefreiheit nötig hat.“ empfinde ich leider als Tiefpunkt. (Was ja nicht schlimm ist, ich setze auch gerne welche. ;–)

    [1] also von mir aus auch: „für den Betrieb der D.“ oder „für den Erhalt der D.“

  2. # 2 2009 schreibt:

    Steht das „freiwillig an die Regeln des Pressecodex halten“ hier irgendwie in einem Zusammenhang? Bedauerst Du, dass bestimmte Meinungen geäussert werden können, die verachtenswert scheinen? Oder legst Du viel Wert auf „Qualität“, also das Sprachliche betreffend?

  3. # 3 2009 schreibt:

    Hab jetzt doch noch die Kommentare gescannt (normalerweise meide cih solche Bereiche eher ;–) und folgendes gefunden:
    „pressefreiheit ist voraussetzung für demokratie (deshalb gehört sie zu den unabdingbaren grund- und menschenrechten) und ohne jounalisten gibt es sie nicht. wer in sondersituationen, z.B. einem krieg, die pressefreiheit aussetzt, glaubt ausnahmen von der demokratie machen zu können. das geht aber nicht. demokratie heißt, sich immer zu demokratischen grundwerten zu bekennen und sie auch in schwierigen situationen durchzusetzen. davon ausnahmen zuzulassen heißt, keine demokratie zu wollen.“ (M.Meckel)
    Ja, das ist Quatsch und Dogmatismus, die Dame versteht den Gaza-Krieg nicht bzw. Krieg allgemein. mir gefällt auch nicht, dass alles kleingeschrieben ist, lol.
    Aber die presserechtlichen Ausnahmen im Kriegs- oder Krisenfall lassen sich doch nicht dahingehend verallgemeinern, dass die Demokratie („wie wir sie kennen“) keine Pressefreiheit braucht.
    Ich verstehe Meckels Vortrag als einen dieser Deligitimierungsversuche, die jetzt in Mode sind.

    Nachtrag:
    Ohne jetzt eine vermutlich überflüssige Israeldiskussion zu beginnen, nur zur Kenntnisnahme:
    http://berlin.mfa.gov.il/mfm/Data/61499.pdf
    S.37ff

  4. # 4 Jörg schreibt:

    Meine These, kuzr gesagt, ist die: Parlamentarische Demokratie braucht tatsächlich Pressefreiheit, und zwar vor allem, weil die Mächtigen eine Tendenz zur Abgrenzung vom Volk haben, die dem immer unpolitischeren Volk zum anderen ganz angenehm ist. Mit der Pressefreiheit wird das Volk zur Beteiligung an der Demokratie gezwungen. Dass das notwendig ist, bezeichne ich (in Anlehnung an das Brecht-Wort) als Unglück.

  5. # 5 2009 schreibt:

    Yo, war mir zu dialektisch, danke für die Zusammenfassung.

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