Jörg Friedrich


Grabstein-Gedanken

11. Januar 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Es gibt diese Gräber, die sehen schon von weitem aus wie ein Ehebett. Sie sind doppelt so breit wie ein normales Grab, und am Kopfende steht, wie ein Präsentierkissen, ein besonders breiter Grabsteine, auf dem oben in der Mitte ein Familenname steht. Oft steht dann rechts oder links darunter schon ein Vorname, sowie Geburts- und Todestag – die andere Seite ist noch frei.

Ein Familiengrab, besser gesagt, ein Eheleute-Grab. Auch so eine Einrichtung, die es vielleicht schon in 30 Jahren nicht mehr geben wird.

Vielleicht ist es beruhigend für den alten Menschen, der wöchentlich hierherkommt um das Grab wie einen Garten zu pflegen, zu wissen, dass sie beide irgendwann hier wieder zusammen liegen werden, so wie ein Leben lang. Wenn ich einen Grabstein sehe, auf dem als Geburtsjahr 1920 steht und als Todesjahr 2005, dann stelle ich mir einen gebrechlichen Gatten vor, der in einem alten Haus sitzt und nur noch ergeben die Zeit abwartet, die paar Monate oder wenigen Jahre, bis auch er in dieses Grab gelegt wird.

Aber es gibt auch andere Fälle. Dann steht da als Geburtsjahr 1940, und schon 1995 ist der Mann gestorben. Die Frau wird vielleicht Jahrgang 1945 sein, sie wird ihren Mann vielleicht um 30 oder 40 Jahre überleben. Wird sie keinen neuen Partner finden? Aber wo soll sie sich dann bestatten lassen? Andererseits: Wer hätte verstanden, wenn sie ihrem so früh verstorbenen Mann nur ein schmales Grab gegönnt hätte, von vornherein ohne Platz für einen zweiten Sarg?

Wir machen uns die Sache in Zukunft sicher leichter. Schmale kleine Urnen-Reihen, oder Streuwiesen, da brauchen wir über solche Probleme nicht mehr zu grübeln.


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