Jörg Friedrich


Wozu noch Pressefreiheit?

10. Januar 2009 Kategorie: Gesellschaft |

Es gibt Werte und grundsätzliche Ideale, deren Wichtigkeit für die zivile Gesellschaft uns so selbstverständlich geworden ist, dass kaum jemand sie – wenn auch nur in Ausnahmesituationen – infrage zu stellen wagt. „Pressefreiheit“ gehört dazu. Mit dem Vorwurf der Einschränkung der Pressefreiheit kann man jeden zum Antidemokraten, zum Feind des Rechtsstaats erklären. Gegenwärtig erleben wir das gerade wiedereinmal anlässlich des Krieges zwischen Israel und der Hamas.

Aber kein Wert kann so heilig sein, dass man ihn nicht einmal kritisch beleuchten dürfte, und wenn die Slogans, die ein Ideal beteuern, zu abstrakten Losungen verkommen, dann muss man einmal die Frage stellen, welchem heren Ziel man da konkret huldigt. 

Pressefreiheit als Recht von Journalisten, ungestört und unzensiert zu recherchieren und zu berichten, ist zunächst eine Funktion innerhalb einer Gesellschaft (eines Landes mit einem verfassungsmäßig organisierten politischen Systems). Sie ist notwendig, weil sich in einem solchen Gefüge die Mächtigen immer von denen, die sie regieren, abschotten wollen, weil sie „ihr eigenes Süppchen“ kochen wollen, weil sie glauben, dass man dem Volk besser nicht alles erzählt. Das Gegenmittel gegen dieses Gift ist die Pressefreiheit – sie ist die Droge, die die Demokratie in Bewegung hält und die Medizin, die man Diktaturen verordnet, damit sie von ihren Tyrannen genesen.

Die Voraussetzung für das Gelingen dieser Therapie ist, dass die Presse selbst nicht nur unabhängig, sondern auch interessenlos ist – dass sie keine weiteren Interessen als das Ermitteln und Verbreiten der Wahrheit hat. Das ist natürlich eine Illusion, darum gibt es auch nicht eine einzige Presse, das Heilmittel, um im Bild der Medizin zu bleiben, besteht nicht aus einem einzigen Wirkstoff, es ist ein recht merkwürdiger Coctail aus verschiedenen Zutaten, die sich in ihrer Wirkung gegenseitig aufheben oder verstärken oder zu ganz neuen Krankheiten führen. Das klingt zwar ungesund, ist es aber nicht: Die Wahrheit kommt zwar selten ans Licht, aber die Lüge hat auch keine Chance. Der Patient „demokratische Gesellschaft“ ist zwar nie ganz gesund, aber richtig schlimm erkranken wird er auch nicht.

Das läuft so, solange sich die Gesellschaft sozusagen im „Normalzustand“ befindet, die Mächtigen organisieren ihre Macht und das Volk will wissen, ob sie das halbwegs vernünftig machen um entscheiden zu können, ob es den gleichen Leuten bei der nächsten Wahl erneut eine Chance geben oder ob es sich neue Machthaber suchen sollte.

Für eine Gesellschaft im Kriegszustand sieht die Sache jedoch anders aus. Erstens braucht das Volk hier keine Presse, keine Medienberichte, der Krieg macht die Auswirkung der Politik der Mächtigen offenbar. Das eigene Leiden wird ganz unmittelbar erfahren, dass der Menschen auf der Gegenseite ist, solange Krieg ist, zweitrangig.

Man kann einwenden, dass die Mächtigen aber versuchen werden, die Kriegsschuld von sich zu weisen und der gegenseite die verantwortung für das Leiden zuzuweisen. Das ist richtig. Aber um dagegen anzuschreiben, muss der Journalist nicht vom Schlachtfeld, sondern von den Machtzentralen berichten, muss er nicht in Häuserruinen, sondern in Kriegsministerien recherchieren.

Das ist die Pressefreiheit, die wir auch in Kriegszeiten einklagen müssen. Es geht nicht darum, die mitleiderregensten Bilder und brutalsten Videosequenzen zu berichten. Gerade im Krieg wären nicht die schnellen Schock-Fotos, sondern die Hintergrund-Recherchen wichtig.

Wenn wir in unseren Fernsehsesseln aber gerade auf freier Berichterstattung vom Schlachtfeld bestehen müssen wir uns fragen, ob es uns wirklich um Pressefreiheit oder nicht vielmehr um den besseren Action-Film, um Reality-TV und einen Real-Verschnitt von „Under Fire“ und „Platoon“ geht. Wir wissen doch, dass man im Krieg alle Bilder bekommen kann um jede Schuldzuweisung zu beweisen. Wozu wollen wir sie dann noch sehen?

Im Krieg kann Pressefreiheit auch Gefahr bedeuten: Für die Journalisten selbst, für die Soldaten, denen die Fotografen im Weg herumstehen, für Zivilisten. Über Kriegsberichterstattung erhält der Gegner militätrisch relevante Informationen. Deshalb ist die Einschränkung der Pressefreiheit auf dem Schlachtfeld sinnvoll gerade wenn einer Partei das Leben unbeteiligter Menschen nicht völlig egal ist. Sollen die Journalisten die Hintergründe, Interessensgeflechte und Verantwortlichkeiten recherchieren, damit bringen sie keinen in Gefahr und damit helfen sie, wirklich Licht ins Dunkel der großen Konflikte zu bringen. Das ist zwar weniger spektakulär, bringt keinen Preis für das „Foto des Jahres“ aber es wäre wichtig.


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2 Kommentare to “ Wozu noch Pressefreiheit? ”

  1. # 1 2009 schreibt:

    Es scheint darum zu gehen, dass Israel keine „ausländische Reporter“ in den Gaza lässt. Nichts spräche dagegen dieses zu erlauben, es wäre dann aber zu erwarten, dass es zu unbotmässigen Berichten kommt. Jede Schule, die die Hamas für den Raketenabschuss nutzt, wäre eine Schlagzeile in den Westmedien, _wenn_ Israel zurück schiesst (was es tut).
    Ich merke gerne noch an, dass eingebettete Journalisten in arabischen Ländern fast ausschliesslich gegen Israel schreiben, ganz vermutlich weil „es besser ist“, sprich gesünder.
    Das Problem ist die Lage im Westen.

  2. # 2 Jörg Friedrich | Käme Demokratie ohne Pressefreiheit aus? schreibt:

    […] Artikel über die Pressefreiheit war initiiert durch eine Diskussion bei Miriam Meckel in der diese u.a. […]

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