Die Bedeutung des Unsinnigen
Silvester haben wir wieder so viele sinnlose Dinge getan: Räume mit buntem Papier geschmückt, das wir am nächsten Tag in den Müll geschmissen haben, Luftballons aufgeblasen, herumgeworfen und platzen lassen, und um Mitternacht dann stinkende und krachende Böller in den Himmel gejagt. Alles sehr überflüssig, ein bisschen gefährlich und vor allem ökologisch bedenklich. Verschwendung, irrational, und unter Berücksichtigung von Hungersnöten und Kriegsflüchtlingen politisch hochgradig inkorrekt.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der es immer schwerer ist, solchen Sinnlosigkeiten einfach nachzugehen. Wer sich aus purem Genuss eine fette Gans gönnt, muss wenigstens ein schlechtes Gewissen haben (es sei denn, sie wurde in artgerechter Haltung mit Bio-Futter gemästet), wer an Extremsportarten Freude hat, wird skeptisch beäugt, und verdient kein Mitleid, wenn er sich verletzt, und wer zur freundlichen Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht um Feuer bittet oder solches anbietet, hat kaum noch Erfolg.
Wir sind so vernünftig geworden und werden immer vernünftiger. Wir schützen das Klima und die Gesundheit und entsagen allem, was sich nicht rational-ökonomisch begründen lässt. Wenn wir Silvesterböller zünden, dann nur, um in der heimischen Böllerindustrie Arbeitsplätze zu sichern.
Dabei geht uns Stück für Stück die Gemeinschaft verloren. Was haben wir noch gemeinsam, wenn nicht den Unsinn? Raketen zünden und uns über das leuchtende Farbenspiel am Nachthimmel freuen, das vereint die Bayerin mit dem Friesen und den Urgroßvater mit der Urenkelin. Es sichert unsere Identität, die Kontinuität der Generationen. Im Schein des Feuerwerks erkennen wir uns noch wieder, im Glimmen der Zigarette schon lange nicht mehr. Die Leute aus den 1960er-Jahre-Filmen sind uns fremd, weil sie ständig ungesunde Dinge tun, sie rauchen beim Reden, beim Denken, beim Flirten, wir haben nichts mehr mit ihnen gemein.
Ich trauere dem Zigarettenrauch nicht nach – ich bin auch ein Vernünftiger. Aber mir graut vor einer Welt, in der wir nur noch vernünftig sind und alles unterlassen, was sich nicht rational begründen lässt, in der Silvesterböller nur noch gezündet werden dürfen, wenn dabei keine Abgase freigesetzt werden und keine Nachteulen durch das Licht verschreckt werden.
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am 7. Januar 2009 um 13:25
Zwar halte ich es für eine etwas gewagte These, dass der Unsinn unsere Identität und die Kontinuität der Generationen sichere; gleichwohl spricht mir der Artikel aus dem Herzen,
Wo kann ich unterschreiben?
am 7. Januar 2009 um 14:05
Vielleicht ist es eine Frage des Maßes? Sich und anderen ein wenig Unvernunft zu gönnen ist langfristig bestimmt vernünftiger als jede Kleinigkeit mit Vernunft angehen zu wollen.
am 7. Januar 2009 um 14:59
Wenn der Unsinn verschwinden würde, würde das bedeuten, dass die Menschen sinnhafter handeln.
Dem ist aber nicht so, der Unsinn nimmt nur andere Formen an.
Unangenehmere Formen und dümmere Formen, es findet eine Umritualisierung der Gesellschaft statt, die mit dem Bevölkerungsschwund einhergeht, vielleicht für diesen ursächlich ist.
am 9. Januar 2009 um 09:37
Prinzipiell finde ich eigentlich, dass die Welt von eher zu wenig als von zu viel Verstand regiert wird. Silvester-Böller knallen ein mal im Jahr, deswegen sind sie akzeptiert. Wenn sie 365 Tage im Jahr verkauft würden, sähe das anders aus…