Jörg Friedrich


Auf dem Fjell

06. Januar 2009 Kategorie: Gesellschaft |

„Naturgewalten“ – das sind die ursprünglichen, nicht durch den Menschen eingedämmten Kräfte unserer Umwelt. Meist zerstören sie den „Tand von Menschenhand“ (Fontane) oder sie stören wenigstens empfindlich das filigrane Netz, das uns unser sehr künstliches Leben ermöglicht.

 

Oft, wenn wir von Natur sprechen, meinen wir allerdings genau diese von Menschen geschaffenen Konstruktionen, die uns zwar eine gewisse Ahnung von der ursprünglichen Wildnis geben, uns aber gleichzeitig davor bewahren, ganz ungeschützt den Widrigkeiten der Erde ausgesetzt zu sein. Natur ist das, was wir uns eingerichtet haben, um überhaupt leben zu können, die gezähmte Wildnis – nicht der Urwald, sondern der Park, nicht die Steppe, sondern das Feld.

 

Besonders schön kann man den Übergang zwischen Natur und Wildnis beim Ski-Langlauf auf dem norwegischen Fjell, dem kargen, fast leblosen Hochland in den norwegischen Bergen beobachten – gerade, weil der Schnee im Winter alle Wege und Brücken bedeckt.

 

Durch diese Wildnis ziehen die Norweger mit schwerem Gerät ihre Loipen, und mit farbigen Stecken markieren sie diese Wege, damit sich Sportler und Touristen nicht verirren. Diese Tätigkeit macht die Wildnis zur Natur, so wird sie für die meisten von uns überhaupt erst erlebbar. Die klirrende Kälte und der heftige Wind, der den frischen Schnee ins Gesicht und in die Loipen treibt, kosten Kraft genug.

 

Natürlich ist nicht jede Loipe im norwegischen Fjell optimal präpariert. Manchmal ist es nur eine Spur, manchmal nur ein paar Stecken. Und selbst wenn die Spuren alle verweht sind und kein Stock den Weg weist – es bleibt die Markierung auf der Loipenkarte, auf der wir mit Kompass oder GPS unsere Position und die richtige Richtung bestimmen.

 

Wenn man auch das nicht hätte, wenn man ohne Karte, ohne Kompass und ohne Wegmarkierung auf der eisigen Hochebene stünde, dann würde man der Wildnis tatsächlich begegnen. Aber bei dieser Begegnung hätte man dann wirklich alles Menschliche – das ja immer auch etwas sozial geprägtes ist – abgelegt. Als Mensch begegnet man immer einer menschlich gezähmten Natur, wirkliche Wildnis und Mensch sind einander fremd.


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