Jörg Friedrich


Nicht umsehen

28. Dezember 2008 Kategorie: Kultur, Privates |

Du musst nur immer weiter geradeaus laufen ohne dich umzusehen, dann wirst du irgendwann einen Punkt erreichen, von dem aus es kein Zurück gibt. Ulrike hatte den Satz im Traum gehört, in einem Traum in dem sie aus dem Haus getreten war, sich auf der Straße nach links gewendet hatte, sie war ganz gemächlich gegangen, geschlendert fast, die Häuser blieben hinter ihr zurück, die Straße wurde zu einer Allee, alte freundliche Bäume zu beiden Seiten, dann zur Landstraße, später zu einem Feldweg, der sich auf einer unendlichen Wiese verlor. Überall war nichts als das Grün in allen Variationen zwischen gelb und blau, darüber der Himmel wie ein Dom, in dessen Mitte sie stand.

Sie hatte sich ausgestreckt auf dieser grenzenlosen Ebene, hatte die Wärme des Bodens aufgenommen.

Dann war sie aufgewacht.

Sie ging, wie jeden Morgen, in die Küche, kochte Kaffee, und als, wie jeden Morgen, der Duft des ersten Toasts sich mit dem des Kaffees mischte, kam, wie jeden Morgen, Heiko die Treppe hinunter, frisch rasiert, im sportlichen Anzug, sein dynamisches Lächeln bereits in den Augen, auf den Lippen.

Sie setzten sich und fragten sich die üblichen Dinge. Ulrike kam der Traum wieder in den Sinn, deutlich hörte sie diesen Satz noch einmal, aber sie sagte nichts.

Heiko blätterte bereits in der Zeitung, der großformatigen mit dem vierzigseitigen Wirtschafts- und Finanzteil, und auch Ulrike schlug die „Neustädter Nachrichten“ auf. Die unscheinbare Anzeige stand auf einer der hinteren Seiten:

„Kleine Galerie mit zwei zusätzlichen Zimmern, Küche und Bad, auch als Atelier-Wohnung nutzbar, ab sofort zu vermieten. 300 m zum Meer, im Ortszentrum. Tel: …“

Wieder war da dieser Satz aus ihrem Traum. Ihr war fast, als ob auch er in der Anzeige zu lesen war.

Pünktlich verließ Heiko das Haus. Sagte noch, dass es spät werden würde. Ein flüchtiger Kuss auf die Wange, dann war er fort.

Alles war wie immer.

Ulrike kehrte zum Frühstückstisch zurück und suchte die kleine Anzeige noch einmal heraus. Wieder und wieder las sie diese wenigen Worte, wieder und wieder hörte sie: „Du musst nur immer weiter geradeaus laufen…“

Sie sah von der Zeitung auf. Sah ihre Bilder an den Wänden, kleine Skizzen aus vorsichtigen Bleistiftstrichen, leuchtende Aquarelle und kräftige Landschaften in Öl. Als Kind schon hatte sie mit dem Zeichnen begonnen und immer wieder neues ausprobiert. Ihr Studium hatte sie als Portrait-Zeichnerin am Hafen finanziert.

Dann hatte sie Heiko kennen gelernt, war zu ihm in die Provinz gezogen, sie hatten geheiratet und Sara war geboren worden. Ulrike hatte nicht aufgehört zu zeichnen und zu malen, sie hatte im Laufe der Jahre das Haus mit ihren Träumen gefüllt.

Sara hatte oft gefragt, warum sie nicht versuchte, ihre Bilder zu verkaufen. Und auch Heiko hatte, wenn er dabei war, mit aufmunterndem Lächeln genickt. Sie hat es ihnen nicht gesagt. Wer hätte es verstanden. Sie hätte erzählen müssen von den Abenden, wenn Heikos Geschäftsfreunde zu Besuch waren. Wie sie die Bilder bewundernd betrachteten. Es war einer der ersten dieser Abende, er lag schon zwanzig Jahre zurück, als ein freundlicher Herr sich zu ihr beugte und lächelnd sagte

„Ein schönes Hobby haben sie da.“

Wie oft hatte sie seit dem diesen Satz gehört. Allmählich hatte Ulrike gelernt, zu lächeln, „Danke“ zu sagen, noch ein paar belanglose Fragen zu beantworten, den plötzlichen Schmerz, der über die Jahre nicht kleiner wurde, zu ignorieren.

Und heute war da diese Anzeige, und der Satz in ihrem Kopf. Ulrike griff zum Telefonhörer. Wählte die Nummer. Endloses Warten. Dann eine barsche Männerstimme:

„Ja bitte?“

„Guten Tag, mein Name ist Ulrike Hansen. Ich lese gerade ihre Anzeige. Ich möchte die Galerie mit Wohnung gerne mieten.“

„Aber sie kennen das Objekt doch gar nicht. Wollen Sie nicht erst mal herkommen und es sich ansehen?“

Ulrike log: „Ich kenne die Galerie. Ich war im vergangenen Sommer dort. Es ist sehr schön.“

„Hm. Ab wann wollen sie denn einziehen?“

Ulrike zögerte nicht. „Ab heute. Ich bin um 18:00 Uhr bei ihnen.“ Sie versuchte, ein Lächeln in ihre Stimme zu bekommen, das Zittern zu unterdrücken: „Verstehen Sie, ich möchte jeden Tag der verbleibenden Saison nutzen…“

Schweigen. „Hm“. Schweigen. „Also gut. Um 18:00 Uhr sind Sie hier? Ja, das passt mir ganz gut. Wir treffen uns direkt an der Galerie. Sie kennen ja den Weg.“

„Bis heute Abend.“

Das hatte sie heute schon einmal gesagt.

Der Mann hatte aufgelegt. Sekunden saß Ulrike regungslos. Jetzt nur nicht umsehen. Aufstehen. Alle Bilder von den Wänden nehmen, die schönsten Skizzen aus den Schränken suchen. Die Pinsel reinigen, die Staffelei zusammenklappen.

Was brauchte sie noch? Einen Schlafsack, und eine Luftmatratze. Etwas Geschirr, einen Koffer voll Wäsche. Zum Glück war es Juni. Sie hatte ja nur den Kleinwagen. Sie packte wie damals, als sie nach dem Abitur mit den Freundinnen auf den Campingplatz fuhr.

Sie schleppte alles in die Garage, dorthin, wo nachts Heikos Wagen stand. Nur nicht umsehen. Die Bilder erst einmal an die Wand lehnen. Die Autoschlüssel holen.

Der Kofferraum war viel zu klein. Aber Ulrike konnte grade auf die größeren Bilder nicht verzichten. Sie waren ihr Startkapital. Sie wusste, dass man die Rückbank ausbauen konnte. Sie suchte sich Werkzeug zusammen, löste alle Schrauben, die sie finden konnte und zog und schob mit aller Kraft an den Polstern. Nach einer Stunde war es geschafft, wie, das wusste sie nicht.

Ulrike stapelte die bloßen Bilder in den Kofferraum, schütze sie mit Zeitungen und alten Decken. Dann das übrige Gepäck.

Sie ging ins Haus zurück. Suchte ein Blatt, einen Stift. Setzte sich an den Tisch, auf dem noch immer das Geschirr vom Frühstück stand. Da klingelte das Telefon.

Sara!

„Hallo Mama, was machst du gerade. Du, ich wollte am Wochenende kommen. Ist euch das recht? Ich freu mich schon, Mama.“

Ulrike sagte einmal „Ach“ einmal „Ja“ und einmal „Schön“. Nur nicht umsehen. „Bis dann“ sagen, auflegen. Den Stift nehmen. „Lieber Heiko“ schreiben.

Was noch? Nicht lange überlegen. „Machs’s gut. Ulrike“

Sie legte alle Kreditkarten dazu, die Scheckkarte auch. Ein paar hundert Euro hatte sie dabei. Das musste reichen.

In’s Auto steigen, den Nachbarn zuwinken. Nicht umsehen. Aus der Stadt hinaus, auf die Autobahn, nach Norden, zum Meer.

Stunden später hatte sie ihr Ziel erreicht. Sie hatte den skeptischen Blicken des Vermieters standgehalten, hatte ihm die Kaution und die erste Mietzahlung für das Monatsende versprochen. Hatte ihm ihr schönstes Bild als „Anzahlung“ verkaufen können.

Nun liegt sie auf den harten Dielen ihrer Galerie, und sie spürt, wie die Wärme sie allmählich erreicht.


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