Vater stirbt
Die Stille stand da wie eine Wand, als Ulrike das Elternhaus betrat. Welch eine Kraft kostete es, durch die Diele zu gehen, die Tür zu dem Zimmer zu öffnen, in dem das Bett stand, hinzusehen, ein Wort zu sagen, zu lächeln, mit den Fingern über die harte Stirn zu streichen, die weiße Hand zu nehmen.
Mutter saß links, daneben stand der Stuhl für Ulrike bereit. Wie oft hatten sie so gesessen in den letzten Monaten? Im Frühjahr hatten sie noch gesprochen, über die Arbeit, über das Wetter, über den Garten. Vater hatte zugehört, manchmal gelächelt. Seit dem Sommer hatte er nur noch an die Decke gestarrt, Ulrike hatte fast immer schweigend neben der Mutter gesessen.
Wie heute. Es war ein langes Warten. Sie lauschten auf Vaters Atmen, dass immer schwächer, zögernder, leiser wurde.
Dies würde also das letzte Mal sein, dass sie diesen Ort besuchte. Mutter würde sie zu sich nehmen. So würde Ulrike die zwei Jahre vielleicht vergessen können. Diese Zeit, in der ihr Vater mehr und mehr verschwunden war. Ulrike hatte das Gefühl als sei er verdunstet, ausgetrocknet. Wie ein Fluss im trockenen Sommer, wenn mit dem Wasser auch die Erinnerung schwindet an das Tosen der Wellen, an das Gefühl der feuchten Luft auf der Haut, an die Spiegelungen der Ufer.
Ulrike zuckte zusammen. Vater hatte etwas gesagt. Hatte sie geträumt? Aber auch Mutter war aufgeschreckt.
„Ihr müsst den Christstollen backen.“ Sie beugten sich zu ihm. „Ja, es ist Zeit.“ flüsterte er. „Er muss wenigstens eine Woche liegen, sonst schmeckt er nicht. Und am ersten Advent braucht ihr ihn. Ihr werdet doch viel Besuch haben.“
„Hol Papier“ flüsterte Vater. Ulrike gehorchte. Seine Stimme war kaum zu hören, sie las von seinen Lippen all die Zutaten ab, sie folgte seinen Augen, spürte die Bewegungen seiner Hände. Ulrike sah ihren Vater ein letztes Mal beim Backen der Christstollen zu, sie beobachtete jeden Schritt, und jedes Wort, jeden Wink schrieb sie auf.
„Geht, geht“ sagte der Vater, leise aber entschieden. „Ihr habt noch nichts eingekauft.“ Dann schloss er die Augen. Sie hörten seinen leisen Atem, er schlief.
„Komm“ Ulrike stand auf, „Er hat recht.“ Schnell zog sie die Jacke über und verließ das Haus. Plötzlich war heute noch viel zu erledigen.
Der Christstollen. Keiner konnte ihn backen wie der Vater. Die ganze Familie hatte Jahr für Jahr Bestellungen aufgegeben. Sechzehn Stück, jeder war zwei Kilo schwer, hatte er in manchen Jahren gebacken. An Berge von Mehltüten erinnerte sich Ulrike, Schüsseln voller Rosinen, Milch, Hefe, Mandeln. Und der Geruch, der durchs Haus ging schon wenn der Teig zum Gehen an den Ofen gestellt wurde. In der Kinderbadewanne, sie war gerade groß genug!
Wie stolz war Ulrike gewesen, als sie das erste Mal dabei sein durfte. Die wichtigen Dinge hatte der Vater natürlich immer selbst gemacht. Und das allerwichtigste war das Hefestück. Zwar durfte Ulrike hin und wieder die Mulde in das Mehl drücken, selbst die Hefe dort hinein zu bröckeln war ihr in späteren Jahren erlaubt.
Aber die richtige Menge Milch und Zucker hinzuzugeben, und dann das ganze so zu mischen, dass die Hefe „wütend wird“ wie der Vater es nannte, dabei vorsichtig immer etwas mehr Mehl vom Rand der Mulde in die Masse einzuarbeiten, das war ihr nie vergönnt. Diesen entscheidenden Schritt, der über das Gelingen des ganzen Vorhabens entschied, hatte sich der Vater nie nehmen lassen.
Mutter scheuerte die alte Badewanne aus, als Ulrike mit den Einkäufen zurückkehrte. Alle Schüsseln hatte sie auf dem großen Küchentisch bereit gestellt. Ulrike nahm sich die größte und begann, die kleinen Tüten mit Rosinen darin zu entleeren, um sie später mit Rum zu vermischen.
Sie hielt inne. Dann grub sie die Hände tief in die trockenen Früchte. Vor wie vielen Jahren hatte sie das zum letzten Mal getan. Sie ließ die Beeren durch ihre Hände regnen, die letzten aber, die auf ihrer Handfläche liegen blieben, steckte sie schnell in den Mund. Vorsichtig sah Ulrike sich um. Vater hatte es nicht gesehen.
Am nächsten Tag stand Ulrike schon früh wieder am Küchentisch. Nun musste das Hefestück gelingen. Es war doch das wichtigste. Sie drückte eine große Mulde in das Mehl, verteilte darin die Hefe in kleinen Stücken. Auch den Zucker gab sie noch mit sicherer Hand hinein. Jetzt musste die Milch dazu. Hatte sie die richtige Temperatur? Handwarm musste sie sein. Und dann gleichmäßig rühren, dass sich nicht zu viel und nicht zu weinig Mehl vom Rand löste.
Ulrike zögerte. Da stand plötzlich der Vater hinter ihr. Er nahm ihre Hand, die den Löffel hielt, und führte sie.
„Etwas Milch“ flüsterte er. „Ganz wenig“. Ulrike spürte die Finger des Vaters auf ihrer Hand und sie sah, wie die Hefe begann, Blasen zu schlagen. „Mehl.“ sagte Vater. Der Teig wurde fester.
„So ist es gut“ Vater hielt Ulrikes Hand für eine Sekunde fest. Dann war sie wieder allein.
Stunden später erfüllte der Duft des Hefeteigs endlich wieder das alte Haus. Ulrike sah nach dem Vater. Er lag genau so, wie am Abend zuvor, hatte die Augen geschlossen, doch er lächelte. Als Ulrike mit dem ersten fertigen Christstollen an das Bett trat, war das Atmen des Vaters verstummt.
Es war der erste Advent, als Ulrike den Stollen anschnitt. Die ganze Familie hatte sich in dem alten Haus versammelt. Jeder lobte Vaters Stollen. Tage zuvor hatte jemand auf dem Friedhof von einem lieben Verstorbenen gesprochen. Doch konnte einer, fragte Ulrike sich, konnte denn einer tot sein, der solche Christstollen buk?
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am 28. Dezember 2008 um 01:18
Danke, das du uns das zum Lesen weitergegeben hast.
am 10. Januar 2009 um 11:04
sehr traurig
danke für den artikel
keep up the good work