Jörg Friedrich


Der Blaue Fluss

25. Dezember 2008 Kategorie: Kultur |

Der Blaue Fluss entsprang irgendwo ganz oben in den kalten Bergen und kam als kristallklarer Strom in das Tal. Vor langer Zeit hatten die Indianer sich entlang des Flusses in fünf Dörfern angesiedelt. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Häuptling, aber sie lebten friedlich und glücklich in diesem Tal, welches das Grüne Tal genannt wurde, wegen der vielen Pflanzen und Bäume, die das ganze Jahr dort wuchsen. Sie fingen Lachse und bauten Mais an, und was in dem einen Dorf knapp war, gab es in dem anderen zur Genüge und durch gerechten Tausch gab es überall von allem genug.

Die Indianer am blauen Fluss wussten, dass weiter oben in den Bergen ein anderer Stamm seine Dörfer hatte. Aber nur selten ging einer von ihnen dort hinauf, und nur selten ließ sich jemand von dort bei ihnen sehen.

Eines Tages aber kamen auf einmal viele der Bergbewohner in das grüne Tal. Sie sahen blass, ängstlich und hungrig aus und sie berichteten, dass ein neuer, kriegerischer Häuptling die Macht in den Bergen an sich gerissen hatte. Der duldete keinen Wiederspruch, er zwang alle Frauen und Männer, nur für ihn zu arbeiten und ließ ihnen kaum das nötigste zu essen.

Die Indianer am Blauen Fluss hielten Rat. Sie trafen sich bei Starker Hirsch, dem Häuptling des größten Dorfs im Grünen Tal.
Starker Hirsch sagte: „Lasst uns mit unseren stärksten Kriegern hinauf ziehen in die Berge und gegen diesen unmenschlichen Häuptling kämpfen. Sonst werden immer mehr von dort zu uns kommen. Wir können sie gar nicht alle ernähren.“
Ruhiger Bär, der Häuptling des kleinsten Dorfes am Ende des Tales, aber antwortete: „Wir können nicht gegen jemanden in den Krieg ziehen, der uns gar nichts getan hat!“
Da gaben ihm die anderen Häuptlinge recht, nur Starker Hirsch schien unzufrieden zu sein.

Einige Zeit später verbreitete sich die Nachricht im Grünen Tal, dass der kriegerische Häuptling das Wasser des Blauen Flusses vergiften wollte. Niemand wusste, woher diese Nachricht kam, aber eine große Angst kam auf in den Zelten der Indianer. Wenn das Wasser vergiftet wäre, wovon sollten sie dann leben? Aber vielleicht war ja gar nichts wahres an der Geschichte?

Tage später fanden Kinder beim Spielen im Fluss einen toten Fisch. Das kam natürlich hin und wieder einmal vor, aber dieser sah ganz merkwürdig aus. Sein Bauch war ganz rot angelaufen, so etwas hatte noch nie jemand gesehen!

Die Angst wurde immer größer. Wieder kam der Rat der Häuptlinge zusammen. Großer Hirsch sagte: „Wir müssen endlich etwas unternehmen. Sonst werden wir alle sterben. Wir müssen in den Krieg ziehen!“

Da stand Tapferer Falke auf: „Solange wir nicht genau wissen, ob uns wirklich Gefahr droht, dürfen wir den Frieden nicht brechen…“

Starker Hirsch fiel ihm ins Wort: „Willst du warten, bis wir alle tot sind?“

„Nein,“ antwortete Tapferer Falke, „ich werde mit zwei meiner besten Männer in die Berge gehen und erkunden, was dort vor geht, und ob uns von dort Gefahr droht.“

„Wie willst du das herausfinden?“ fuhr Starker Hirsch ihn an. „Und wie lange wirst du dazu brauchen? Vielleicht ist dann schon alles zu spät?“

„Gib mir nur drei Tage Zeit, dann werden wir es wissen.“ antwortete Tapferer Falke.

Alle Häuptlinge waren dafür. Widerwillig stimmte auch Starker Hirsch zu.

Drei Tage vergingen. Starker Hirsch nutzte die Zeit, um seine Krieger auf den Kampf vorzubereiten. Am Abend des dritten Tages kehrte Tapferer Falke mit seinen Männern zurück. Sie sahen müde und traurig aus.

Wieder kamen die Häuptlinge zusammen. Tapferer Falke berichtete: „Wir haben nichts gefunden, aber wir konnten auch nicht alle Zelte und Höhlen durchsuchen. Es war sehr gefährlich. Aber die armen Menschen dort! Sie leben in großer Angst und in Armut. Es ist ein sehr trauriges Leben da oben in den Bergen!“

Ein großes Schweigen breitete sich aus. In dieses Schweigen hinein sagte Starker Hirsch: „Ich werde mit meinen Kriegern hinauf ziehen in die Berge. Wir werden den bösen Häuptling verjagen oder töten. Wer mutig ist, der folge mir!“

Er stand auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Am nächsten Morgen rief er seine Krieger zusammen. Sie zogen in die Berge.

Der Kampf dauerte sieben Tage und sieben Nächte. Manchmal schien sich das Wasser des Blauen Flusses rot zu färben von dem Blut, das in den Bergen vergossen wurde.

Dann kamen Starker Hirsch und seine Männer zurück. Nicht alle waren noch am Leben. Sie berichteten, dass der kriegerische Häuptling gefallen sei, und mit ihm viele seiner Krieger.

Die Angst im Grünen Tal war besiegt. Aber mit ihr war auch die Fröhlichkeit und das Lachen vom Blauen Fluss verschwunden. Und wenn Starker Hirsch sich fortan im Rat der Häuptlinge zeigte, umgab ihn etwas wie ein eisiger Wind, den er aus den Bergen mit ins Tal gebracht hatte.


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2 Kommentare to “ Der Blaue Fluss ”

  1. # 1 Alexander Erben schreibt:

    Sehr schön, selbst verfasst?

  2. # 2 jörg schreibt:

    danke. ja selbst geschrieben. ist aber schon lange her.

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