Urteil und Vorurteil
So wie mein Eingenommensein zu meinem Urteil gehört, so gehört mein Voreingenommensein zu meinem Vorurteil, und so wenig mich Voreingenommenheit zu einem Urteil führen kann, kann das Vorurteil vor meinem Eingenommensein bestehen.
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am 23. Dezember 2008 um 12:23
Jedes Urteil ist ein Vorurteil, da der Urteilende nicht alle Informationen zur Sache berücksichtigen kann und vereeinfachen muss. In der Praxis lebt der Mensch von seinen Vorurteilen, der eine besser, der andere schlechter (wenn er erfolgsmindernde Vorurteilskonzepte pflegt).
Die generelle Kritik an Vorurteilen, wie sie oft aus dem Sozio-Pädabereich hochkommt, ist nicht reflektiert, voller Ressentiments und vernachlässigt viele Aspekte, ist so zu sagen vorurteilsbeladen.
am 23. Dezember 2008 um 19:35
Ich würde sagen, so lange das Urteil, welches, wie bereits richtig angemerkt wurde, stets ein Vorurteil bleibt, nicht zum endgültigen Urteil erhoben wird, sondern stets Arbeitshypothese bleibt, gerät es nicht zum Nachteil, oder?
am 24. Dezember 2008 um 13:50
Für mich ist urteilen immer ein Prozess, eine Tätigkeit der Urteils-Bildung, in der Argumente und Präferenzen abgewogen werden, das Urteil ist immer das Ergebnis eines solchen Prozesses – wenn auch vielleicht ein vorläufiges. Das unterscheidet das urteil vom Vorurteil.
am 24. Dezember 2008 um 15:22
Das heisst Du beschliesst nach einer Phase der Abwägung, dass eine bestimmte Thesenmenge nun den Status „Urteil“ erhält.
Durch diese bewusste Entscheidung trennst Du „Vorurteil“ (bzw. Hypothese) und Urteil sauber.
Das wird so auch in den Bildungssystemen gelehrt, ist aber letztlich willkürlich.
Allerdings benötigt die Wissenschaft (und auch die Kundschaft ;–) feste Bezugspunkte, insofern ist dieses Verhalten manchmal zweckmässig. Sollte dieses Verhalten dagegen aus sozialen Gründen erfolgen, nunja, dann täte ich es jetzt mal überdenken – zusammen mit den Rentieren.
am 24. Dezember 2008 um 16:00
Mh doch, da stimme ich Friedrichs Jörg zu und daran ist nichts willkürlich, wie ich finde. Egal, welche Aussagekraft das Urteil nach wie vielen oder wenigen Untersuchungen und Betrachtungen auch hat – es unterscheidet sich vom Vorurteil dadurch, dass letzteres *gar* keine ernsthafte oder versuchweise unvoreingenommene Betrachtung zur Grundlage hat. Denn ein Vorurteil ist nach dieser Lesart kein ‚vorläufiges Urteil‘, sondern ein Urteil ‚vor dem Urteil‘, also eigentlich gar keins. Es ist das reflexhafte Bemühen, eine einfache Antwort auf eine anscheinend einfache Frage zu finden.
am 24. Dezember 2008 um 16:22
Wer bestimmt denn das Vorliegen eines „Vorurteils“? – Doch immer andere, gell?
Für Nicht-Dogmatiker ist die Unterscheidung zwischen „Vorurteil“ und Urteil – ausser im Bereich der Mathematik oder Philosophie, also dort wo eigene Welten geschaffen werden – unmöglich.
Ich rate an vom Konzept des „Vorurteils“ Abstand zu halten, dieses dient ganz primär sozialen Zwecken. Lasst uns einfach nur urteilen (im Bewußtsein des möglichen Fehlurteils).
am 24. Dezember 2008 um 16:54
Sicher muss man schauen, in welchem Kontext die begriffe verwendet werden, und in meinem kleinen text ging es ja auch ganz sicher nicht um erkenntnistheoretische sondern eher um soziale Phänomene, deshalb auch die Paarung mit dem (Vor)eingenommensein. @Silberlöffelmitmessinglegierung in deinem Appel zugunsten des Urteilens gebe ich dir völlig recht.
Es freut mich ja, dass mein kleines Wortspiel so anregend wirkt, aber um die verwendungen dieser Begriffe genau zu durchdenken, bräuchte ich einen längeren text und mehr Zeit.
am 24. Dezember 2008 um 18:33
Ist erkenntnistheoretisch betrachtet das Vorurteil nicht so etwas wie eine Annahme, welche es im Zuge genauerer Betrachtung als solche zu entlarven und zu prüfen gilt?
am 24. Dezember 2008 um 23:30
Es wäre das Urteil, das es dort zu bewerten [1] gilt. „Vorurteile“ benötigt man konzeptionell nicht in der Erkenntnistheorie, das ist „sozialer“ Humbug.
[1] „zu falsifizieren“
am 25. Dezember 2008 um 08:49
Um noch einen nachzulegen:
„Vorurteil“ ist neuerdings ein Kampfwort, das konzeptionell irgendwann in den letzten 40-50 Jahren im Sozio-Pädabereich entwickelt worden ist. Es geht nur darum Urteile anderer zu disqualifizieren, bspw. diejenigen des einfachen Bürgertums (des „Stammtisches“), das zwar zu urteilen fähig, aber sprachlich den Sozio-Pädagogen nicht gewachsen scheint.
Die Urteile des „Stammtischs“ werden also seit einigen Jahrzehnten wahlweise als „vorurteilsbeladen“, nicht oder wenig „reflektiert“, „klischeehaft“, „stereotypisch“ und „ressentimenthaft“ abgehandelt und aus der öffentlichen Diskussion (das gilt für die „Standardmedien“, JF gehört nicht dazu ;–) erfolgreich herausgehalten.
„Vorurteil“ ist ein Kampfwort und Unwort (und wäre von der für Unworte zuständigen Institution sicherlich schon vorgeschlagen worden, wenn diese nicht selbst eine sprachliche Kampforganisation aus dem Sozio-Pädabereich wäre), dennoch ist es interessant zu beobachten, wie es der deutschen Sprache und Gesellschaft Schadende in die „sprachliche Machtposition“ drängt, nach dem Motto, wenn wir schon nicht für Sacharbeit taugen, dann lass uns doch zumindest den anderen die Welt erklären.
Dennoch sollten wir diesen unerfreulichen Sachverhalt dahingehend prüfen, welche sozialen Zusammenhänge diesen ermöglicht haben; als Evolutionist versuche ich auch hier einen Sinn zu sehen, was mir allerdings ein wenig schwer fällt – vgl. auch die UN mit seinen „Menschrechtsorganisationen“, die geradezu magisch die verderbtesten Charaktere anzieht.
am 25. Dezember 2008 um 10:12
Ein Vorurteil würde ich dann als solches bezeichnen, wenn es von demjenigen, der ihm aufsitzt, lediglich mit „das ist einfach so“ begründet werden kann, bzw. in den meisten Fällen gar nicht besonders erwähnt sondern als grundlegender Fakt akzeptiert wird. Das ist dann ein Vorurteil, eine ungeprüfte Annahme, ob am Stammtisch oder im Seminar. Ob und inwieweit das Wort als Kampf- oder Überbegriff für irgendetwas benutzt wird, ändert nichts an der Existenz des Begriffes, wie ich finde.
am 25. Dezember 2008 um 10:17
„Das ist einfach so.“ greift auch bei einem, der behauptet, dass der Stein, den er in der Hand hält, fallen wird, wenn er die Hand öffnet. Diesem möglicherweise einfach strukturierten Menschen, der vielleicht einzig auf seine pers. Erfahrungen bei seiner Prognose verweisen wird, würde ich nicht an den Karren fahren wollen.
Unter einem Vorurteil verstand man ursprünglich ein Zwischenfazit, ein Urteil, das – wie auch Jörg beschreibt – noch keinen endgültigen Bestand hat. Mittlerweile ist das „Vorurteil“ aber zu einem sozialen Konzept zur Abwertung bestimmter Urteile weiterentwickelt worden.
Das ist also der Unterschied, ich komme demzufolge ohne dem Kampfwort „Vorurteil“ bestens aus, ich greife ganz ohne den beschriebenen sozialem Überbau Urteile an. Das wäre dann auch mein, ho ho ho, weihnachtlicher Rat hier an die werte Leserschaft (und den hochgeschätzten JF).
Nachtrag:
Und weil mich dieser Sachverhalt, auch weil er so schön exemplarisch ist (und ich zudem ein wenig geschwätzig bin), interessiert, werfe ich die Frage auf: Warum haben sich eigentlich bürgerliche Intellektuelle von den „Langhaarigen“ die Butter vom Brot nehmen lassen in der öffentlichen Diskussion? – Aus meiner Sicht liegt hier eine grundsätzliche Krise der bürgerlich/liberalen Elite vor. Zwar mag es sein, dass in den Siebzigern, als „diese“ Diskussionen begannen, eine pers. Bedrohungslage gegeben war, aber dennoch, es sind ja nicht nur die „Vorurteile“, es gibt massenhaft andere äusserst fragwürdige Konzepte aus dem Sozio-Pädabereich, die mittlerweile, LOL, allgemeiner Konsens zu sein scheinen.
am 25. Dezember 2008 um 11:57
Idealerweise sollte der Begriff „Vorurteil“ innerhalb einer Diskussion tatsächlich überflüssig sein, da selbst wenn mein Gesprächspartner eine nach meiner Sicht völlig unbegründete Äußerung macht, ich diese nicht als solche bezeichnen muss, um zu einem konstruktiven Austausch beizutragen. Ich stimme also zu, es ist verdeckte Polemik (welche jedoch in dieser Form durchaus nicht nur von Sozialpädagogen genüber Stammtischbrüdern angewandt wird, wie ich glaube. „Vorurteil“ mag dann das Wort der Wahl für die SozPäds sein, wenn Du recht hast, woanders heißt es „Milchmädchenrechnung“, „Naive Sicht“, „Elfenbeinturm-Perspektive“, usw.)
Zu einer Krise der Elite vermag ich wenig zu sagen, ebensowenig zur öffentlichen Diskussion, da mich in beidem eher selten bewege. Möchtest Du vielleicht ein paar dieser fragwürdigen Konzepte nennen?
am 25. Dezember 2008 um 14:03
„Vorurteil“ im alten Sinne ist ja OK, und Polemik sollte offener sein, korrekt. Auf einen Themenwechsel möchte ich verzichten, Jörg setzt diese schon recht gut, ich bin ja nur Beta-Tier hier, die kleine Ausweitung des Themas ist mir schon etwas peinlich. ;–)
Die von Dir genannten Schlagwörter sind in der Politik recht verbreitet.