Wieder lesen
„Jedes Mal, wenn wir ein Buch lesen,“ schrieb Jorge Luis Borges in seinem Essay, „hat sich das Buch verändert, das Beziehungsgefüge der Wörter ist ein anderes… Wenn wir ein altes Buch lesen, so ist es, als läsen wir die gesamte Zeit, die seit dem Tag seiner Niederschrift verstrichen ist.“
Es ist ein paar Wochen her, dass ein Satz, eine kurze Frage, eine Erinnerung in mir weckte, fast verschüttet schon, eine Erinnerung, nach deren Herkunft man erst suchen muss, deren Quelle sich erst allmählich zu erkennen gibt. Jemand sagte „Verstehst du das, Robert?“ und da weder ich noch irgendein Anwesender auf diesen Namen hörte, wurde der Satz zur Formel, die auf etwas entfernt Vertrautes verwies.
Der Satz findet sich in einem Roman, dessen Titel und Autor ein merkwürdiges Schicksal mit anderen Werken und Künstlern teilt, welches nur in diesem Lande mit seiner merkwürdigen jüngeren Geschichte möglich ist. Fällt der Name in einer größeren Runde von Freunden und Bekannten, lächeln sich die einen wissend, ein wenig verschwörerisch, ein wenig verlegen, zu, während die anderen nur verständnislos die Schultern heben können, sie haben ihn nie gehört. Wir haben das akzeptieren gelernt, auf unseren Lehrplänen standen sehr verschiedene Werke, und so werden wir noch lange leicht erkennen können, wo einer sein Abitur gemacht hat, ob in einem Gymnasium oder in einer Erweiterten Oberschule.
„Die Aula“ heißt das Buch, von dem hier die Rede ist, und sein Autor Hermann Kant. Von dem Buch wusste ich, als ich diese Frage an den Helden jemanden sagen hörte, noch einiges, aber nichts zusammenhängendes. Das Buch war, und darin stimmten seine Gegner mit seinen Liebhabern überein, amüsant zu lesen. Es ist zwar ein Roman, aber er besteht aus einer Vielzahl kleiner Geschichten, die aneinander gereiht sind wie Perlen an zwei Fäden, von denen der eine die Vergangenheit des Romans bildet, das sind die Jahre 1949 – 1952 und der andere seine Gegenwart, ein halbes Jahr des Jahres 1961. In der Gegenwart soll Robert Iswall eine Rede halten über die Vergangenheit, in der Vergangenheit hat er in einer Einrichtung, die eigens für seinesgleichen an verschiedenen Universitäten der DDR geschaffen worden war, sein Abitur gemacht. „Seinesgleichen“, das waren junge Arbeiter und Bauern, weshalb die Einrichtung Arbeiter-und-Bauern-Fakultät genannt wurde.
Heute sind beide tiefste Vergangenheit, die Vergangenheit des Buches ebenso wie seine Gegenwart. Gibt es einen Grund, ein solches Buch heute zur Hand zu nehmen, abgesehen natürlich von dem sicherlich von vielen nachvollziehbaren persönlichen Wunsch, Erinnerungslücken zu schließen, Geschichten, die man nur noch bruchstückhaft in Erinnerung hatte, wieder in Gänze zu erleben?
Genau dieser Wunsch war es der mich auf die Suche nach der „Aula“ trieb. Wer hatte die Frage gestellt, das war doch dieser Förster. Aber der hatte doch jenen anderen, diesen Organisator, gefragt, und der hieß doch anders? Wie hieß denn der? Sein Spitzname war schnell wieder parat: „Quasi“! Aber der hieß nicht Robert, Robert war der, der die Rede halten sollte, und Quasi war der, der dann in den Westen gegangen war…
Das Internet, mein treuer Auskunftsdienst, gab mir unerwartet viel Auskunft, brachte Namen und Handlung des Buches.
Aber damit waren keine Fragen beantwortet, nur neue aufgeworfen. Und vor allem die: „Warum war dieser Quasi in den Westen gegangen?“ Ich wusste noch, dass das Buch keine Antwort gab, jedenfalls keine eindeutige, oder dass es jedem Leser seine eigene Antwort ermöglichte.
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Hermann Kant sicherlich ein außerordentlich linientreuer sozialistischer Autor war und soweit ich seine neueren Äußerungen kenne, ist er bis heute wenigstens noch immer ein sozialistischer Autor. Für einen solchen Autor gab es sicherlich nur zwei Möglichkeiten, entweder hat Quasi Riek die Sache verraten, und dies auf eine besonders abstoßende, niederträchtige Weise, „ohne Grund“ und ohne, dass sein Verhalten bis dahin irgend einen Hinweis gegeben hätte, oder er ist eben für die Sache in jenes gegnerische Land geschickt worden, in welcher Mission auch immer.
Ich hätte Kant gern gebeten, uns doch heute zu sagen, was seiner Meinung nach zutrifft, aber ich nehme an, dass er es uns, wie schon in jener Vergangenheit, nicht sagen möchte. Es ist eine Stärke dieses Buches, dass es auf amüsante Weise Geschichten erzählt, die voller unbeantworteter Fragen sind. Die Antworten sind für jeden Leser wohl andere, und, aber das erfuhr ich erst jetzt, auch für den gleichen Leser zu verschiedenen Zeiten. Aber das ist ja das gleiche: ich bin nicht mehr der, der ich damals war, entscheidende Brüche liegen dazwischen.
So blieb mir nur, das Buch noch einmal aufzuschlagen. Zufällig führte mich mein Weg in eine Stadt in jenem Teil des Landes, in welchem man Bücher von Kant in der Buchhandlung noch im Regal zu stehen hat. Ich erwarb die aktuelle Taschenbuchausgabe (die einzige, die im Moment überhaupt zu haben ist), auch wenn die Einbandgestaltung mir einige Rätsel aufgab (und bis heute aufgibt, aber es ist nicht das einzige Rätsel, was geblieben ist).
Ich las von der ersten Seite an mit freudigem Erinnern. Jede Zeile war, als ob nur ein Staub von einem Bild geblasen wurde, und alles stand wieder vor mir, so wie ich es als Schüler vor mir gesehen hatte. Aber ich möchte hier nicht von sentimentalen Erinnerungen berichten, die selbst wenn sie schön und angenehm sind, sicherlich nicht von größerem Interesse sind.
Wovon ich berichten will ist die zunächst ungläubig, dann staunend, zuletzt begeistert wahrgenommene Tatsache, dass dieses Buch immer noch eine faszinierende Glaubwürdigkeit besitzt. Wie ist das möglich?
Man muss sich verdeutlichen, dass die Geschichten Episoden eines Aufbruchs sind, die Menschen sind begeistert von einer Idee, von einem Glauben, von einer Sache. Diese Sache hieß Sozialismus.
Als wir dieses Buch das erste mal lasen, war es für uns ein Beweis, dass diese Sache gut sein musste. Weil sie guten Menschen eine Chance auf Bildung gab, auf Karriere, weil die gute Sache von guten Menschen gemacht wurde. Sicher, da waren auch andere, Bürokraten, Dogmatiker. Aber das waren immer die wenigen, gegen die die guten sich durchsetzten und so die Sache voranbrachten.
Heute ist das Buch für mich der Beleg, dass diese Sache Sozialismus von Anfang an falsch war. Diese Sache stellt einer höher als seine Liebe. Dieser Sache opfern sie Freundschaften, sie opfern ihr oft ihre Mitmenschlichkeit.
„Die Aula“ ist voll von Geschichten, die mir heute nur eines zeigen: Es gibt keine Rechtfertigung für eine Sache, die sich selbst höher stellt als den einzelnen Menschen. Und diese Sache hatte nie die Wahrheit auf ihrer Seite, auch das kann man sehr deutlich in diesem Buch nachlesen, immer nur die Ideologie, die Losung, die Phrase.
Aber warum habe ich das damals nicht bemerkt, nicht gelesen, vor mehr als 20 Jahren, als ich diese Seiten das erste Mal mit Begeisterung las?
Auch darauf kann das Nachdenken über die Helden der Aula vielleicht eine Antwort geben. Wenn wir einer Sache nachhängen, mit Begeisterung, mit Enthusiasmus, kann es leicht geschehen, dass uns Fakten nicht mehr interessieren, oder dass wir sie nicht mehr glauben, dass wir sie für manipuliert halten. Und wir halten es für heldenhaft, kein Mitleid zu zeigen, da es doch um etwas Höheres geht.
Dann beginnen wir, die Menschen nicht mehr beim Wort zu nehmen, wenn uns das Wort nicht in den Kram passt. Dann sagen wir „Ja, dies und das hat er gesagt, aber was hat er gemeint?“ Oder wenn es uns gerade in den Kram passt, ihn misszuverstehen.
Ich gehöre zu den Menschen, die das Glück hatten, einen Bruch durchleben zu müssen, der alles bis dahin für richtig angenommene sehr gründlich in Frage gestellt hat. Es hat eine Weile gedauert, in dieser anderen Welt wirklich angekommen zu sein. In dieser Zeit habe ich gelernt, ideologische Phrasen zu erkennen, Sätze, die so gesprochen werden, dass sie keinen Widerspruch, keine Diskussion zulassen wollen. Das es gefährlich ist für die Demokratie und die Menschlichkeit, wenn wir jemanden verteufeln, weil er eine Frage ausspricht, an die keiner rühren wollte.
Das sind Momente, in denen mich meine Freunde, die ich in diesen Jahren neu gewonnen habe, verständnislos ansehen. Wenn ich sage, dies habe ich schon einmal erlebt. Jenes sei wie in damals im Sozialismus. Weil man dieses Land mit jenem nicht vergleichen könne.
Es ist ein großes Verdienst von Hermann Kant, dies muss einmal über diesen Autor gesagt werden, für den das Attribut „umstritten“ sicherlich nicht ausreichend ist, in diesem Buch, sicher auch in anderen, wahre und wichtige Geschichten auf amüsante Weise erzählt zu haben. Ich wünschte, dass es noch viele Leser findet.
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am 18. Dezember 2008 um 14:10
Ja, so kanns gehen, für mich war die „Aula“ eine der bittereren Strafen des Deutschunterrichts.
am 18. Dezember 2008 um 15:14
Danke für den wahren Text, Jörg!
(Obwohl ich das Buch selbst nicht des Nocheinmal-Lesens wert finde.)