Jörg Friedrich


Ritalin und Adderall: Viagra fürs Gehirn

13. Dezember 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Vielleicht begann alles mit Viagra: Die Idee, die Leistungen ganz normaler gesunder Menschen durch Erzeugnisse der Pharma-Industrie zu steigern, begann beim Sex. Vorher war das Doping den Sportlern und Künstlern vorbehalten.

Nun wird eine weitere Seite des Menschlichen Leistungsspektrums in Angriff genommen: Wissenschaftler wollen, wie nature in seiner jüngsten Ausgabe berichtet, die Leistungsfähigkeit des Gehirns durch Einsatz von Erzeugnissen der pharmazeutischen Industrie voran bringen. „Cognitive Enhancement“ ist das Zauberwort.

medizin4

Die Idee ist naheliegend: warum sollte ein Mittel, was Menschen mit Aufmerksamkeits-Defiziten hilft, sich besser zu konzentrieren, nicht auch gesunden Menschen helfen, ihre Konzentrationsfähigkeiten noch weiter zu steigern. Wahrscheinlich ist die Erweiterung der Anwendungsfelder solcher Medikamente eine ganz natürliche Entwicklung, weil hier Angebot und Nachfrage nahezu ideal zusammenpassen. Auf der einen Seite die Pharma-Industrie, deren Markt für die einmal entwickelten Wirkstoffe natürlich enorm wächst, wenn zur Zielgruppe der Kranken auch noch die der Gesunden hinzukommt. Auf der anderen Seite die vielen Menschen die aus den unterschiedlichsten Gründen der Ansicht sind, dass die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns nicht ausreicht, dass sie mehr von sich verlangen sollten, als ihr Körper und ihr Geist normalerweise zu leisten im Stande ist.

Wenn man einwendet, dass mögliche Nebenwirkungen solcher Drogen genauso wenig klar sind wie ihre tatsächliche Wirksamkeit, dann lässt man sich schon auf die Argumentationsmuster der Befürworter des Gehirn-Dopings ein, dann diskutiert man schon über Kosten und Nutzen, Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken, d.h. man führt eine rein ökonomische Debatte. Die Frage, ob Gehirn-Doping und Sex-Doping so wie Sport-Doping ethisch verurteilt werden sollte, ob der Einsatz pharmazeutischer Mittel jenseits der streng medizinischen Indikation akzeptiert werden sollte, ist dann schon übersprungen, wird gar nicht mehr gestellt.

Die Frage, die zuerst beantwortet werden muss, ist, ob wir in einer Welt leben wollen, die sich ausschließlich an der Maximierung messbarer Leistungen orientiert. Natürlich brauchen wir Höchstleistungen, und vielleicht entwickelt ein Ritalin-gedopter Wissenschaftler gemeinsam mit einem Adderall-schluckenden Kollegen die Technologien, die uns doch noch vor der Klima-Katastrophe retten. Die Erfahrung lehrt uns jedoch, dass es eher umgekehrt ist: Leute, die zu geistigen Höchstflügen in der Lage sind, setzen ihre Fähigkeiten ja nicht ganz selbstverständlich für hehre Ziele ein – und selbst wenn, sind die letzten Konsequenzen solcher Geistesblitze oft genug katastrophal. Die Welt wird nicht zwangsläufig besser, freundlicher und lebenswerter durch die Fortschritte unserer Geistesriesen.

Sich gegen die gedopte Höchstleistungsgesellschaft zu wehren, ist also  legitim. Es kann nicht schaden, wenn wir am Boden bleiben und ein Feld bewirtschaften, das wir auch überblicken können.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/12/13/ritalin-und-adderall-viagra-fuers-gehirn/

5 Kommentare to “ Ritalin und Adderall: Viagra fürs Gehirn ”

  1. # 1 Silberlöffelmitmessinglegierung schreibt:

    Es soll schon „vor dem Sex“ leistungssteigernde Substanzen gegeben haben. Punktuell leisten die übrigens auch, was sie versprechen (nein, ich habs nicht ausprobiert, aber es stimmt dennoch ;–).
    Ansonsten, schon mal einen Kollegen gehabt, der ständig gereizt und immer auf 100 ist, nachts durcharbeitet und dann auch schon mal anruft?

  2. # 2 Vogel schreibt:

    Im Altersheim soll es Viagra serienmäßig geben: Morgens ’ne halbe – damit sich die Jungs nich auf die Füße pinkeln; und abends ’ne halbe – damit die Jungs nich aus dem Bett fallen :-)
    Vom Kalauer zum Thema:
    Wo fängt’s an? Wo hört’s auf? Natürlich besteht das Leben aus mehr als nur aus messbaren Leistungen (Ingenieure sagen gerne: „Wer viel mißt mißt viel Mist!“, ich glaub‘, dem iss nix hinzuzufügen) – und Mittelchen gegen und für alles gab’s schon immer. Meine Krücke: Alles was es in der Natur gibt – und natürlich gewonnen wird nicht synthetisiert – kann ich für mich persönlich akzeptieren, aber Chemie für‘n Kopp, dat kommt mir nich in‘n Kopp! Und: Es gibt mehr als nur Messbares (s.o.)!

    Allerbeste Grüße
    Vogel

  3. # 3 Friedrich schreibt:

    Wir „gönnen“ unseren Kindern doch volle eines Erwachsenen.

    Und wenn es nicht so klappt muß man halt nachhelfen ist doch „klar“.

    Ich sehe es speziell beim Bewegungsdrang, der offensichtlich bei Jungen doch ausgeprägter ist. Die wollen rumrennen und Blödsinn machen. Dann werde Sie in Schulen eingfeercht und gehalten wie vieh. Und zum Ruhigstellen gibt es dann „Medikamente“.

  4. # 4 Jörg schreibt:

    @vogel: Der maßstab „Natur ist erlaubt“ ist so allgemein auch nicht akzeptabel, vor allem, weil alles, was aus der natur gewonnen wird, eben doch auch immer verändert wird, und dann gibt es keine klare Grenze zwischen Natur und künstlich mehr.

    @friedrich: Ich glaube, die derzeitigen Schulen haben nicht zuwenig Spiel und Freizeit, sondern zu viel.

  5. # 5 Vogel schreibt:

    Es gibt kein Ja/Nein zum Thema in einem absoluten Sinn, eine Grauzone wird immer bleiben – ich habe deshalb eingeschränkt: 1) „Meine Krücke“ und 2) „nicht synthetisiert“. Natur ist erlaubt kann mE trotzdem ein recht enger Maßstab sein der auch den Vorteil hoher Akzeptanz besitzen könnte. Die Frage ist natürlich, wie weit werden Grenzen gezogen: Ist z. B. bei T kleiner 30°C „kaltgepresst und bei T größer 30°C „heißgepresst“ – um ‚mal Olivenöl für ein Naturprodukt als Beispiel zu nehmen? Und welches gilt als „unzulässig“ und aus welchen Gründen.

    Da muss man sich schon Zeit nehmen, überlegen und „verkaufen“ heißt: kommunizieren, erklären, rechtfertigen. Das geht nich so einfach wie „ausdenken, produzieren und überreden (Bedürfnisse schaffen!!!)“ wie’s – stark verkürzt – idR geschieht, gelle!

    Wird’s so klarer?

    Beste Grüße
    Vogel

    PS: Weihnachtsgrüße an Alle, Erfolg, nach eigener Definition, und Gesundheit!

Kommentieren

XHTML: Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>