Jörg Friedrich


Es gibt keinen Trend

10. Dezember 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Warum nur wollen alle Menschen in die Zukunft schauen, woher kommt dieser Hang, Behauptungen über die Trends der Zukunft aufstellen zu wollen? Gerade am Jahresende schießen die Prognosen für das nächste Jahr wieder einmal wie Pilze aus dem matschigen Boden der Gegenwart. Sogar die Avantgarde des Web 2.0 macht – ganz im Stile der alten Republik, Podiumsdiskussionen über die Trends des nächsten Jahres, auch wenn das Ergebnis dann die hellseherische Prognose ist, dass es im nächsten Jahr keine neuen Trends gibt – eine Behauptung, die genauso lächerlich ist wie die Prognose, dass im nächsten Jahr alles anders sein wird als im vergangenen.

Manche reden sogar von Megatrends, die sie beobachten und vorhersehen können. Woher kommt der Trend zum Trend? Verstehen kann man es ja: Es wäre doch zu schön, wenn man bei all den Veränderungen der letzten Jahre wenigstens wüsste, wo der Zug, in dem man sitzt, hinfährt, und ob das Gefährt dabei in die Brüche geht oder noch ein paar Jahre durchhält. Aber die Erfahrung sagt uns: Wir wissen nichts über die Zukunft, überhaupt nichts. Jedenfalls nichts, was wir wirklich wissen wollen. Allenfalls die Mondaufgangszeiten am 23.12.2009 sind gewiss, und die Tatsache, dass in 200 Jahren keiner von uns mehr leben wird, scheint auch eine ziemlich sichere, wenn auch uninteressante Prognose.

Wir glauben, wir müssten uns auf die Zukunft vorbereiten, und dazu, so glauben wir weiter, müssten wir diese Zukunft kennen. Aber das ist Unsinn. Es würde völlig reichen, wenn wir die Vergangenheit kennen würden – und wenn wir sie verstehen würden. Stellen wir uns einmal vor, wir wüssten, welche Fehler wir in diesem Jahr gemacht haben und warum uns in den letzten Monaten auch dies und das gelungen ist. Würde das nicht völlig genügen, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein? Das meiste passiert uns zweimal, und jeder hat eine zweite Chance. Um uns auf die Zukunft vorzubereiten, sollten wir versuchen, die Vergangenheit zu kennen und zu verstehen. Das ist schon genug, vielleicht schon zu viel. Die Zukunft überrascht uns sowieso.


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7 Kommentare to “ Es gibt keinen Trend ”

  1. # 1 Silberlöffelmitmessinglegierung schreibt:

    So begründet man den Konservativismus. :–)
    Progressive dagegen kennen die Zukunft (und artikulieren sich dementsprechend):
    http://eureferendum.blogspot.com/2008/12/which-ones-democrat.html
    „My view is based on scientific views and majority approval of the EP and I know you disagree with me. You can believe what you want, I don’t believe, I know that global warming is a reality.“
    Cohn-Bendit zu Vaclav Klaus, genial auf den Punkt gebracht, vgl. auch Marcellus Wallace in Pulp Fiction: „Wir wollen nicht glauben, wir wollen wissen.“

  2. # 2 Jörg schreibt:

    Hallo SilberlöffelchenmitMessinglegierung ich muss deinen Namen leider kürzen da er mir auf der linken Seite das Design der Webseite zerstört. Woran man mal wieder sieht, dass die Konsequenzen von leichtfertigen Entscheidungen die Zukunft auf unvorhergesehene Weise beeinflussen können. Ein gewisser Konservatismus, zB hinsichtlich der Beibehaltung einmal gewählter Namen, kann da nicht schaden. :-)

  3. # 3 Silberlöffelmitmessinglegierung schreibt:

    Sorry, ich bin kreativ (und auf der Suche nach einem Namen für 2009), BG!

  4. # 4 Fragezeichner schreibt:

    Als ich diesen Beitrag las, wollte ich sofort zustimmen. Aber nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen habe, hab ich doch wieder ein Haar in der Suppe gefunden. Man sollte natürlich versuchen, die Vergangenheit zu verstehen und aus seinen Fehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen. Andererseits ist das Leben so komplex, dass letztlich doch jede Situation ein wenig anders ist, ohne dass der Unterschied erkennbar ist. Zudem trübt die emotionale Wahrnehmung und natürliche menschliche Verdrängungs- und Vergessensmechanismen den Blick in die Vergangenheit noch stärker als den in die Gegenwart. Insofern kann ein Spekulieren auf Entwicklungen, ein genaues Wahrnehmen von Entwicklungen, ein Hören auf die eigene innere Stimme eine erfolgreichere Strategie für die Zukunft sein als eine möglicherweise notgedrungen unvollständige Analyse der Vergangenheit.

  5. # 5 Lisa schreibt:

    Wie passt da die Geschichte von der Weihnachtsgans rein, die am Tag vor ihrer Schlachtung am sichersten war, morgen wieder gefüttert zu werden?
    Am Tag ihrer Schlachtung brachen all ihre Prognosen ein. Insofern: Vergangenheit nach offensichtlichen Fehleinschätzungen zu durchleuchten, ist nicht schlecht. Das gibt einem vielleicht Werkzeuge für die Zufunft. Aber mehr eben auch nicht.

  6. # 6 Vogel schreibt:

    @AglöffelmitCuZn ;-) #1
    Danke für das Link, richtig spannend (für mich) und (auch für mich) ein schönes Beispiel, wie natürlich auch die „hohe Herren“ ticken: Wie Menschen!! Ausschließlich emotional – von verstehen (wollen und können), überlegen (dto.) und Empathie keine Rede! Tja, Menschen sind halt doch nur ein durchschnittlich einssiebzig hoch gestapelter Zellhaufen. Im Rahmen der internationalen Krise werden wir noch manches bestaunen können.

    Grüße
    Vogel

    PS.: Nicht vergessen: Politiker, Experten, Andersdenkende sind auch nur Menschen – aus unserer Mitte!

  7. # 7 Silberlöffelmitmessinglegierung schreibt:

    Die Demokratie funktioniert ja gerade wegen und mit den Mangel-, Minder-, Fehl- und Minusleistern so gut. Kein anderes System würde das aushalten, Dummheit und Arroganz müssten ansonsten weggeprügelt werden.
    :–)

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