Jörg Friedrich


Der Untergang der englischen Sprache

04. Dezember 2008 Kategorie: Kultur |

Wieder einmal ist die Frage gestellt worden, ob die deutsche Sprache nicht besser geschützt werden müsste (siehe z.B. die Beiträge von Roman Möller und bei Coffee & TV). Sie wird, so meint man, von Anglizismen überschwemmt, auch die Rechtschreibung und die Grammatik werden immer mehr der angeblich einfachen englischen Sprache angeglichen und von unserer schönen deutschen Sprache der Dichter und Denker bleibt bald nichts mehr übrig.

Tatsächlich erleben wir derzeit, dass viele englische Wörter ins Deutsche übernommen werden. Dafür gibt es viele Gründe, einer mag sein, dass die Kultur, die im Moment von vielen Menschen in unserem Land gelebt wird, durch englischsprachige Länder geprägt ist und dass mit der Annahme kultureller Aspekte auch die Übernahme von Sprachelementen einher geht.

Ein anderer Aspekt ist jedoch, dass es in jeder Sprache Fehlstellen gibt, Gedanken, die sich nicht innerhalb einer Sprache auf den Begriff bringen lassen. Beschäftigt man sich dann mit einer Fremdsprache dann merkt man, dass es dort genau für den Gedanken, den man ausdrücken will, ein treffendes Wort gibt – und das Wort wird übernommen.

Ein schönes Beispiel: „Know How“. Wie sag ich’s auf Deutsch? „Gewusst wie“? Das trifft es nicht wirklich, weil „Wissen wie“ nur heißt, dass man das theoretische Wissen hat, wie eine Aufgabe zu erledigen ist, es bedeutet nicht unbedingt, dass man es auch kann. Ich kann ein Kochbuch auswendig lernen und vielleicht sogar andern die Schritte zum Zubereiten einer Pastete hervorragend erläutern, trotzdem gelingt sie mir nicht. „Können“ ist aber auch nicht das Gleiche wie „Know How“, weil Können nicht unbedingt mit dem Wissen, wie etwas geht, einhergeht. „Know How“ meint aber genau das: „Wissen, wie eine Aufgabe zu erledigen ist und auch in der Lage sein, sie zu erledigen“. Das ist der Grund, warum „Know How“ inzwischen in der deutschen Sprache angekommen ist, und sie ist davon nicht geschwächt worden, sie ist reicher geworden. So wie durch die vielen Übernahmen aus dem Lateinischen, dem Französischen, dem Italienischen.

Eine solche Bereicherung der Muttersprache setzt vorraus, dass sich Menschen mit Fremdsprachen beschäftigen, dass sie sie in der Schule lernen, dass sie fremdsprachige Texte hören und lesen. Vor diesem Hintergrund muss uns nicht um die deutsche, wohl aber um die englische Sprache bange sein. In englischen Schulen, so höre ich, werden zunehmend gar keine Fremdsprachen mehr gelehrt, man kann dort inzwischen studieren, ohne je in irgend einer anderen Sprache als Englisch unterrichtet worden zu sein. Auf diese Weise muss das Englische verarmen.

Hinzu kommt, dass englische Muttersprachler zunehmend in den Zwang geraten, ihren eigenen Wortschatz zu reduzieren, denn ihre Zeitungen und ihre Fachliteratur muss sich zunehmend an dem orientieren, was wir, die nicht Englisch als Muttersprache haben, an englischem Wortschatz haben. Deutsche Literatur wird ins Englische übersetzt, umgekehrt gilt das nicht unbedingt. Das bedeutet, dass englische Werke zunehmend mit einem Wortschatz geschrieben werden, den Deutsche, Franzosen, Italiener aus der Schule kennen. Wer wissen will, wo der Unterschied liegt, lese einmal ein englisches Fachbuch aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Original und vergleiche es mit heutigen englischen Werken. Man merkt schnell, dass diese Sprache verarmt, heute werden fast nur noch einfache Begriffe verwendet, es gibt kaum noch Wortspiele oder Sprichwort-Zitate.

Englisch ist heute das, was Spanier, Deutsche, Italiener und Franzosen, die die Lautsprecherdurchsagen auf den Urlaubsflughäfen verstehen, für Englisch halten – und die Engländer und Amerikaner selbst merken gar nicht, was ihrer Sprache da angetan wird, weil sie selbst keine Fremdsprachen mehr kennen.

Für die deutsche Sprache können wir wohl ganz beruhigt sein: Zwar wird sie derzeit von Anglizismen übersschwemmt, aber was davon überflüssig ist, das wird auch wieder fortgespült. Ob aber von der Sprache Shakespeares in ein paar Jahrzehnten noch mehr übrig ist als ein besseres Esperanto, ist ungewiss.


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5 Kommentare to “ Der Untergang der englischen Sprache ”

  1. # 1 DrB schreibt:

    Englisch ist jetzt bei ca. 3M Wörtern angelangt.
    Auch gut:
    http://video.google.com/videoplay?docid=-4007844314718696640

  2. # 2 Juergen schreibt:

    Gerade gelesen und für bedenkenswert befunden: Mark Twain, Bummel durch Europa, darin: Die schreckliche deutsche Sprache
    s. z. B. http://www.alvit.de/vf/de/mark-twain-die-schreckliche-deutsche-sprache.php

  3. # 3 Jörg schreibt:

    Danke für die Tipps und Hinweise. Wieviele Wörter eine Sprache (theoretisch) umfasst, ist allerdings zweitrangig, wichtig ist, wieviele in der lebenden Sprache verwendet werden. Ich vermute, die Zahl nimmt im Englischen eher ab.

  4. # 4 HihiHahaHohoGrmpf schreibt:

    Nee, die englische Sprache lebt, es kommen täglich hunderte Wörter hinzu, Englisch wird ja weltweit verhunzt.
    Unser Deutsch verhunzen wir natürlich auch, mein „Lieblingswort“ hier das „Handy“ (nichts gegen die Aufnahme ins GG, natürlich. :–).
    Schwer zu sagen, ob man hier korrigierend einschreiten und das „Wegspülen“ stoppen sollte, LOL.
    Das mit dem „Esperanto“ habe ich auch schon mehrfach als Prognose gelesen: Alle werden Englisch sprechen können, aber schlecht.
    So schlimm wird der „Untergang“ schon nicht sein.

  5. # 5 Julio schreibt:

    Ein scharfsinniger Artikel, Herr Friedrich, Kompliment. Ich bin Spanier und großer Liebhaber der deutschen Sprache – Englisch dagegen habe ich nie wirklich gemocht. Für mich persönlich ist Deutsch wichtiger als Englisch.

    Kein Wunder, daß mein Deutsch so gut und mein Englisch so mittemäßig ist. Das muttersprachliche Niveau in Deutsch zu erreichen war ein Muß für mich, aber das gilt bei mir nicht für das Englisch. Deswegen habe ich mich auch für andere Sprachen interessiert: nach Deutsch lernte ich im Handumdrehen Italienisch, was ich auch auf muttersprachlichem Niveau beherrsche, und z.Zt. lerne ich Niederländisch.

    Und was ist mit Englisch? Sollte ich mich nicht darum bemühen, mein Englisch-Niveau zu erhöhen? Jein, würde ich sagen. Eigentlich mache ich mir keine Sorgen mehr um mein (unzulängliches) Englisch: vor ein paar Monaten fand ich eben eine Arbeitsstelle, wo „gute Englischkenntnisse“ erforderlich sind, und bekam trotz meines Englisch die Stelle. Ich spreche telefonisch fast jeden Tag mit Amis oder Briten (und schreibe ihnen oft E-Nachrichten), aber diese Englischsprachler müssen sich auf mein schlechtes Englisch einstellen, langsamer sprechen und mir manchmal sogar Teile des Gesprächs (ein- bis zweimal) wiederholen, falls ich sie nicht gut verstanden habe. Kurz gesagt: aus meinem beruflichen Alltage bei einer sehr großen spanischen Firma habe ich den Beweis, daß ich bessere Englischkenntnisse nicht brauche, es ist so einfach wie das: mein defizitäres Englisch reicht mir, meinen Arbeitgebern und nicht zuletzt meinen britischen und amerikanischen Gesprächspartnern aus. Wieso meine Zeit mit langweiligem Englisch verschwenden, wenn ich diese Zeit dem Niederländischlernen widmen kann? Die Frage erübrigt sich, nicht wahr?

    Viele Grüße aus Spanierland.

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