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Jörg Friedrich


Identität zum Selbermachen?

03. Dezember 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Seine Identität kann der Mensch frei wählen, meint A. Sen in seinem Buch „Die Identitätsfalle. Warum es keinen Kampf der Kulturen gibt“ (englisches Original: „Identity and Violence. The Illusion of Destiny“). Das Buch ist als als kritische Antwort auf Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ (engl. Original: „The Clash of Civilizations“) geschrieben worden und soll zeigen, dass es schon deshalb keinen Kampf der Kulturen gibt, weil jeder Mensch seine Identität nicht allein über seine (zudem religiös bestimmte) Kultur bezieht sondern dass wir alle unsere jeweilige Identität aus vielen Gruppenzugehörigkeiten bestimmen und dass wir diese Zugehörigkeiten und damit unsere Identitäten weitgehend frei bestimmen können. Der Kampf der Kulturen kann vermieden werden, wenn die Menschen sich dieser Tatsache bewusst werden, während er unvermeidlich ist, wenn diejenigen, die die Menschen unter einer jeweils bestimmenden Kultur zu einigen versuchen, die Oberhand gewinnen.

 

Meine folgenden Überlegungen sollen nicht als Entscheidungsvorschlag gelesen werden, ob Huntington oder Sen „Recht hat“. Mir geht es nur um die Frage, ob eine Welt realistisch vorstellbar ist, in der die Menschen tatsächlich ihre Identität frei wählen. Gerade im Zusammenhang mit der Diskussion um „virtuelle Identitäten“ wird zunehmend der Eindruck erweckt, dass das Internet ein solcher „Ort“ sein könnte. Zusammen mit Sens Argumentation könnte man die verführerische Vision entwickeln, dass das Internet sozusagen der Inkubator für eine neue Friedensbewegung im Kampf der Kulturen wird, dass die virtuellen Identitäten der digitalen Boheme sozusagen die Wehrdienstverweigerer des großen Krieges der Zivilisationen sind.

 

Identität, das ist ein schillernder Begriff mit vielen Fassetten. Zum einen meint er die Kontinuität eines Menschen, dass er noch die gleiche Person ist wie die, die er vor Jahren war, auch wenn sich vieles an ihm geändert haben mag. Manchmal sagen wir, dass sich gerade seine Identität geändert hat, oder dass er seine Identität geändert hat, aber dann reden wir eigentlich von Betrug oder Täuschung: wenn jemand einen neuen Namen angenommen hat und sich einen anderen als seinen tatsächlichen Lebenslauf ausgedacht hat, den er als seine Geschichte verbreitet, dann reden wir davon, dass er seine Identität gewechselt hat. Die Identität des Menschen ist also irgendwie mit der Summe seiner Erlebnisse, Handlungen und Erfahrungen verbunden, mit dem, was ihn so werden lassen hat, wie er jetzt ist.

 

Wenn wir aber die Identität eines Menschen charakterisieren, dann reden wir selten über das, was er in der Vergangenheit getan oder erlebt hat, was ihm widerfahren ist, sondern über das, was er jetzt ist, und das bestimmen wir dann über Rollen- oder Gruppenzugehörigkeiten. Jemand ist Deutscher, Arzt, Familienvater und Blogger, und das macht seine Identität aus. Auch wenn wir jemanden fragen, wer oder was er ist, wenn er dann seine charakteristischen (identifizierenden) Merkmale herausstellen will, dann wird er so Dinge angeben wie Beruf, Familienverhältnisse, Hobbys, Leidenschaften.

 

Identität erkennen wir außerdem an Äußerlichkeiten, an Kleidung, Frisur, Bewegungen. Die meisten von uns versuchen, bewusst oder unbewusst, ihre Erscheinung und die Wahrnehmung anderer zu beeinflussen – so weit das geht.

 

An all diesen Bestimmungen von Identität setzt natürlich auch die Frage nach der freien Bestimmbarkeit und Wählbarkeit von Identität an. Einiges können wir frei wählen, einiges beeinflussen und verändern, anderes liegt kaum in unserer Macht. Die Haarfarbe können wir mit einigem Aufwand ändern, mit der Hautfarbe wird es schon schwieriger.

 

Im Internet scheint das alles einfacher zu sein. Ein Avatar ist leichter zu manipulieren als ein Passfoto – Kompetenzen und Qualifikationen sind nicht nachprüfbar und auch nicht wichtig. Die Einstiegshürden, um eine Identität im Internet zu erzeugen, scheinen gering.

 

Allerdings muss man fragen, welche Art von Identität hier erzeugt wird, und in welcher Welt sie sich bewegt. Es ist vor allem eine Welt der schriftlichen Kommunikation, und unsere Fähigkeiten, zu schreiben und mit Sprache umzugehen, bringen wir aus der realen Welt mit. Zwar hat die Blogger-Welt und Twitter zu einer Liberalisierung der Sprachregeln geführt, aber das leistet, genau besehen, wie in der richtigen Welt nur einer Elitenbildung Vorschub. Man darf natürlich in seinem Blog die Rechtschreibregeln ignorieren, aber wer etwas auf sich hält, korrigiert Fehler und beachtet die Groß- und Kleinschreibung.

 

So schleppen wir eine Menge Identität aus der realen in die virtuelle Welt mit – und damit werden die Möglichkeiten der Selbst-Bestimmung unserer Identität im Netz genauso eingeschränkt wie in der wirklichen Welt. Natürlich sieht im Netz nicht gleich jeder, ob ich weis und dick oder schwarz und groß bin – und auch mein Geschlecht und mein Alter kann ich verheimlichen. Aber darauf kommt es in der digitalen Gesellschaft auch weniger an – hier sind wir alle geschlechts-, alters- und farblose Gestalten. Andere Merkmale sind entscheidend, aber auch deren Ausprägung liegt nicht ohne weiteres im eigenen Ermessen. Niemand, der die Sprache nicht beherrscht, kann sich per freier Entscheidung zum großen Schriftsteller machen, und wer kein Budget für Auslandsreisen hat, kann nicht zum Afrika-Korrespondenten werden.

 

Die Idee der freien Wählbarkeit der Identität bleibt auch in der virtuellen Welt eine Illusion, das heißt nicht, dass Huntington recht hat, aber Sens Vision bleibt auch Utopie.


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8 Kommentare to “ Identität zum Selbermachen? ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Wenn Identität wählbar wäre, wäre sie nicht mehr Identität, sondern eine Menge von Eigenschaften. Denn es stellte sich die Frage, wer (= welche Identität) denn diese Wahl trifft.
    Die Wahl, die man in der virtuellen Welt trifft, ist eher: wieviel und welche Aspekte von mir (= meiner Identität) gebe ich preis.

  2. # 2 DrB schreibt:

    Idem, „derselbe“ und die Identifikation, also die Selbstmachung, kann nicht selbst gemacht werden, sondern ist ein Abbild des eigenen S(ch)eins.
    Ich rätsele noch ein wenig über „id“ und „ire“, habe ich das Wort richtig verstanden?

  3. # 3 DrB schreibt:

    War das jetzt gegen den geschätzten Robert Basic gerichtet? ;–)

  4. # 4 Aki T. Arik schreibt:

    Hallo Jörg,
    behandelst du nicht in deinem Beitrag genau genommen zwei verschiedene Themen? Zum einen die Thesen von Amartya Sen und zum anderen deine These oder besser Frage, ob „Menschen tatsächlich ihre Identität frei wählen“ können.

    Zu dem ersten Teil deines Artikels meine ich, dass Amartya Sen`s Schrift nicht unbedingt als Gegenthese zu Huntington zu lesen ist. Zusammengefasst vertritt Sen eigentlich folgende Überzeugung: 1. Ja, es gibt einen „Kampf der Kulturen“; 2. Es gelingt verschiedenen fundamentalistischen Gruppen immer besser, Menschen, die ursprünglich eine große Anzahl von Identitätsmerkmalen oder Loyalitäten haben, diese auf ein einziges – die Religion – zu reduzieren; 3. Wir haben eine Chance, diese Strategie zu durchkreuzen, indem wir Menschen wieder bewusst machen, dass sie über eine Vielzahl von Identitäten verfügen, „die sich überschneiden und allen eindeutigen Abgrenzungen entgegenstehen“;

    Wir Menschen, als Christen, Muslime, Hindus u.s.w. leben eben nicht nur in dieser einen – z.B. religiösen – Identitäts- oder Loyalitätsdimension, sondern wir sind zugleich zugehörig zu einer nationalen Gruppe, einer Berufsgruppe, einer sozialen Schicht, politischen Partei u.s.w. Alle diese Identitätsmerkmale überschneiden sich und eröffnen dadurch überhaupt erst einen Dialog und eine Offenheit für gegenseitiges Verständnis.

    Wenn es nicht „Ideologen“ gelingt, diese Pluralität an identitätsstiftenden Merkmalen zu reduzieren auf nur noch ein einziges. Dies war vor einigen Jahrzehnten das Merkmal Schicht/Klasse bzw. Beruf: „Proletarier aller Länder vereinigt euch“ (unabhängig euerer Nation oder Religion u.s.w.). Das war vor ebenfalls nicht allzu langer Zeit, vor allem in Deutschland, das Merkmal der Nation (hier sollte dann die Klasse oder Religion etc. hintangestellt werden) – und das ist heute eben das Merkmal der Religion, vor allem in muslimischen Ländern. Ziel ist es immer, zu möglichst homogenen Gruppen zu gelangen, die ihre Ziele schlagkräftig durchsetzen können und dafür alle internen Widersprüche unterdrücken und alle externen Gemeinsamkeiten und Überschneidungen mit anderen Gruppen kappen.

    Amartya Sen`s Fragestellung oder These ist es, zumindest nach meinem Verständnis, weniger ob „Menschen tatsächlich ihre Identität frei wählen“ können. Sondern er plädiert dafür, auch bei der Ideologie des Fundamentalismus in gleicher Weise vorzugehen, wie es z.B. bei der nationalsozialistischen Ideologie notwendig war: den Menschen wieder bewusst machen, dass sie mehr sind als ihre Religion (bzw. Nation). Und dass sie dieses „Mehr“ an Persönlichkeit mit vielen anderen Menschen, sogar mit ihren vermeintlichen „Feinden“, teilen.

  5. # 5 Jörg schreibt:

    @Fragezeichner: Ich denke, du verwendest in deiner Argumentation einen sehr engen,sehr scharfen Begriff von Identität. Du setzt ihn mit dem „Selbst“,mit dem „Ich“ gleich. Das ist aber m.E. nicht der allgemeine Gebrauch dieses Begriffs.

    @DrB: Deinen ersten Kommentar verstehe ich nicht, da fehlt mir irgendiwe der Bezug. Zum zweiten Kommentar: Ich habe zwar an einer Stelle beim Schreiben tatsächlich an Basic gedacht, aber ich verfolge sein Blog (dessen Erfolgsgeheimnis mir ein Geheminis bleibt) zu wenig, um mich gegen ihn zu richten.

    @Aki: Ich denke schon, dass Sen ausdrücklich Huntingtons These vom Kampf der Kulturen widerspricht. Leider ist bei Sen auch nicht klar, was er eigentlich mit Kultur meint. Und ich habe ihn auch so verstanden, dass er die Lösung darin sieht, dass die Menschen ihre jeweilige Identität bewusst und frei wählen. Ich glaube eben, dass das nicht funktioniert.

  6. # 6 DrB schreibt:

    Mir ist nicht klar was Identität eigentlich bedeutet. Identität und Identifizierung habe ich ein wenig verglichen.
    War keiner meiner besten Vorträge.
    Basic ist nett und informiert, das scheint mir sein Erfolgsgeheimnis zu sein. Zudem ein Dilettant, was ich pos. sehe.

  7. # 7 Jörg schreibt:

    Identität ist wie gesagt ein schillernder Begriff. In dem Falle würde ich allerdings erstmal ungern die verschiedenen Bedeutungen trennen sondern lieber schauen, wie sie sich aufeinander beziehen. Man kann wohl lange über ihn nachdenken.

  8. # 8 Menachem schreibt:

    Ich denke, das ist was dran: Identität zum Beispiel an Äüßerlichkeiten festzustellen, wie Kleidung, Frisur – geschieht sie aus dem Unbewussten heraus, was oft der Fall ist.
    Mit dem ersten Schrei, wenn wir auf die Welt kommen, haben wir eine Identität, die doch schon vieles beinhaltet was wir unser Leben lang behalten, eine Grundbegabung für Musik oder Sprache, introvertiert, gesellig, jähzornig.
    Jedoch werden wir nicht nach diesem ersten Schrei von Eltern im lebenden Kulturkreis moduliert. Tue das, lerne jenes, geh zur Kirche, ehre Vater…
    Ich glaube nicht, das Identität frei wählbar ist – sondern das Identität, sich teilweise nach ihrer frühkindichen Vergewaltigung, nur ihren Weg wieder sucht.
    Der Banker, der mit 45 Jahren zum Entwicklungshelfer wird, wählt nicht eine neue Identität – es ist, so könnte ich mir vorstellen, der Weg zu seiner Identität, die sich vielleicht oft und nur über viele Umwege -wieder-finden lässt, – und manchmal, vielleicht auch nie.

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