Identität zum Selbermachen?
Seine Identität kann der Mensch frei wählen, meint A. Sen in seinem Buch „Die Identitätsfalle. Warum es keinen Kampf der Kulturen gibt“ (englisches Original: „Identity and Violence. The Illusion of Destiny“). Das Buch ist als als kritische Antwort auf Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ (engl. Original: „The Clash of Civilizations“) geschrieben worden und soll zeigen, dass es schon deshalb keinen Kampf der Kulturen gibt, weil jeder Mensch seine Identität nicht allein über seine (zudem religiös bestimmte) Kultur bezieht sondern dass wir alle unsere jeweilige Identität aus vielen Gruppenzugehörigkeiten bestimmen und dass wir diese Zugehörigkeiten und damit unsere Identitäten weitgehend frei bestimmen können. Der Kampf der Kulturen kann vermieden werden, wenn die Menschen sich dieser Tatsache bewusst werden, während er unvermeidlich ist, wenn diejenigen, die die Menschen unter einer jeweils bestimmenden Kultur zu einigen versuchen, die Oberhand gewinnen.
Meine folgenden Überlegungen sollen nicht als Entscheidungsvorschlag gelesen werden, ob Huntington oder Sen „Recht hat“. Mir geht es nur um die Frage, ob eine Welt realistisch vorstellbar ist, in der die Menschen tatsächlich ihre Identität frei wählen. Gerade im Zusammenhang mit der Diskussion um „virtuelle Identitäten“ wird zunehmend der Eindruck erweckt, dass das Internet ein solcher „Ort“ sein könnte. Zusammen mit Sens Argumentation könnte man die verführerische Vision entwickeln, dass das Internet sozusagen der Inkubator für eine neue Friedensbewegung im Kampf der Kulturen wird, dass die virtuellen Identitäten der digitalen Boheme sozusagen die Wehrdienstverweigerer des großen Krieges der Zivilisationen sind.