Sprechen wir über Begriffe
Wie bringen wir Kindern den Sinn von Begriffen bei? Zunächst, indem wir ihnen Gegenstände zeigen und den Begriff dazu nennen. Dabei gibt es Begriffe, die nur für einen Gegenstand verwendet werden (Mama, Tante Marta,…) und solche, die auf ganz unterschiedliche Gegenstände passen (Spielzeug). Die erste Sorte interessiert uns hier nicht weiter, interessant ist die zweite Art von Begriffen. Die allermeisten Begriffe haben wir durch zeigen von Gegenständen und durch das Ausprobieren der richtigen Verwendung gelernt. Dabei lernen wir den Begriff im Allgemeinen nicht nur in seinem sprachlichen Gebrauch, sondern in der Verbindung zwischen praktischem und sprachlichem Gebrauch. Wenn das Kind mit einem Gegenstand spielt, dann wird die Mutter diesen Gegenstand vielleicht auch als „Spielzeug“ bezeichnen, oder sie wird dem Kind das Spielen mit diesem Gegenstand untersagen und dazu die Worte verwenden „Das ist kein Spielzeug!“
Auch den Begriff der Kultur haben wir so gelernt. Uns wurden verschiedene Tätigkeiten von Menschen gezeigt und dabei wurde immer wieder dieses Wort verwendet: Tänze, Traditionelle Stickereien, Volksfeste. Bestimmte Radiosender sind Kultur-Sender, die Pflanzen des Bauern auf den Feldern sind Kulturpflanzen im Gegensatz zu denen, die er vernichten will, das sind die (wilden) Unkräuter.
Eine zweite Möglichkeit kennen wir seit Platon: Die Wesensdefinition. Sie ist noch immer das Ideal jeder rationalen Begriffsbestimmung und besteht aus der Angabe eines (bereits definierten) Allgemeinbegriffes und der definierenden Unterschiede. Solche Definitionen schreiben wir gerne ins Projektglossar, sie sollen uns die Möglichkeit geben, aufgrund einer Begriffshierarchie jedes Ding dieser Welt eindeutig und ohne weiteren Streit mit einem Begriff zu klassifizieren.
Leider merkt man in der Praxis schnell, dass man diesem Ideal nur selten hinreichend nahe kommt. Unsere Kultur-Definition könnte lauten: Kultur sind alle Handlungen und Fähigkeiten von Menschen, die über Gewöhnung und Erziehung erworben wurden und auf Traditionen und allgemein anerkannten Regeln basieren.
Ganz davon abgesehen, dass diese Definition selbst wiederum eine Reihe von Begriffen enthält, die ihrerseits definiert werden müssten, kann man auf der Basis einer solchen Definition wunderbar in Streit darüber geraten, ob etwas nun Kultur ist oder nicht – bzw. man wird beginnen, all die Dinge, deren Zugehörigkeit zum Begriff man auf Basis der hinweisenden Definition gelernt hat, auf diese Definition hin zu prüfen und dann die Definition so lange abändern, erweitern, einengen bis sie zwar halbwegs das abdeckt, was wir gern als Kultur bezeichnen wollen, aber nicht mehr verständlich und allgemein erklärbar ist.
Das liegt natürlich vor allem daran, dass wir einen Begriff wie Kultur selten nur beschreibend, sondern häufig vor allem wertend verwenden. Manche Feste, so sagt man uns, gehören zur Kultur, andere nicht, manches gewohnheitsmäßige Verhalten ist kulturvoll, anderes kulturlos. Immer, wenn man versucht, solche normativen Aspekte in eine Begriffsdefinition hineinzumogeln, wird es kompliziert, weil man sich dann kaum noch auf eine klare und umfassende Definition wird einigen können.
Die dritte Möglichkeit, Begriffe zu erfassen, hat von den beiden anderen Begriffen jeweils etwas: Wir betten den Begriff in ein Netzwerk von Begriffen ein und bestimmen einem Begriff durch seinen Bezug zu anderen. Im Prinzip tut das schon die Platonsche Wesensdefinition, nur dass dort das Netzwerk aus einer Hierarchie besteht und die Abhängigkeit immer nur in einer Richtung besteht. Der Gedanke, statt einer solchen Hierarchie ein flaches Netz von gleichberechtigten Begriffen zu verwenden, kommt unserer Art, wie wir Begriffe lernen, schon recht nahe, denn schließlich wird uns eben nicht nur gezeigt, dass ein Begriff zu einem Gegenstand passt, sondern auch, dass er eben zu anderen Gegenständen nicht passt, weil zu diesen Gegenständen dann andere Begriffe passen: Das Schreibzeug der Eltern ist kein Spielzeug, sondern ein Arbeitsmittel, auch Küchengeräte sind kein Spielzeug usw. So lernen wir, Begriffe richtig zu verwenden und sie andererseits voneinander abzugrenzen.
Der Begriff der Kultur hängt in so einem Netz irgendwo zwischen Natur auf der einen und Kunst oder Künstlichkeit auf der anderen Seite, wobei es interessant ist, dass der Natur-Begriff in diesem Netz wiederum zwischen der Kultur auf der einen und der Wildnis auf der anderen Seite hängt. Das, was wir im normalen Sprachgebrauch als „Natur“ oder „natürlich“ bezeichnen ist eigentlich immer schon kulturell geprägt, egal, ob es sich um das Verhalten eines Menschen oder um die Gegend, in der wir joggen und spazieren handelt.
„Es liegt in der Natur des Menschen“ sagen wir, wenn wir sehen, dass sich einer nicht so verhält, wie wir es erwarten oder erhoffen oder für richtig halten, worauf ein anderer antworten kann „Aber wir sind doch keine Wilden mehr.“ Das zeigt so in etwa den Unterschied zwischen Natur und Wildheit, und auf der anderen Seite der Natur liegt dann die Kultur, ihrerseits wieder abgegrenzt zur Kunst oder Künstlichkeit.
Kultur ist dann also etwas, was jemand erwerben kann durch Gewöhnung und Training, durch Vorbild und Nachahmung, und zwar vor allem dann, wenn in einem bestimmten Umfeld alle, die sich schön länger darin befinden, dieses Verhalten an den Tag legen. Kultur ist aber immer auch dadurch bestimmt, dass es Menschen gibt, die sich anders verhalten, die eine andere Kultur haben. Sonst wäre das, was wir da beobachten, natürliches Verhalten. Alles, was ein spezielles Training erfordert, was deshalb nur ein bestimmter Teil unserer kulturellen Gemeinschaft gewohnheitsmäßig zustande bringt, ist Kunst oder Künstlichkeit.
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am 1. Dezember 2008 um 23:37
Deinem Fazit stimme ich voll und ganz zu. Das, was du da über Kultur schreibst, benutze ich immer als Gegenargument, wenn ich mit einem angehörigen der monotheistischen Weltreligionen die Frage erörtere, woher derjenige bitte wissen möchte, dass gerade seine Religion die von Gott gewollte sei. Schließlich bringen die Anhänger anderer Religionen die gleichen Argumente.
Dabei ist in der Tat alles nur angelernt. Woher sollte ein kleines Kind denn auch wissen, wie man etwas „richtig“ macht, wenn es sich nicht die Rituale des Alltags von seiner Umgebung abguckt?
am 2. Dezember 2008 um 00:07
Wir haben die Verstädterung (Politik), die damit folgende Zivilisation und die darauf aufsetzende Kultur. Letzere wird überschätzt.
Wir sollten auf jeden Fall unsere Kinder dahingehend anpassen bzgl. letztgenannter ausserordentlich kritisch zu sein.
am 4. Dezember 2008 um 09:24
@Nina: Es gibt allerdings in der aktuellen theologischen Debatte eine Argumentation, die sehr tolerant ist und gleichzeitig dem Gläubigen erlaubt, seine Form der Religionsausübung für richtig zu halten: Da Gottes Wille letztlich für den (beschränkten) Menschen nicht gänzlich erfassbar ist, kann es sein, dass er sich den Menschen in verschiedenen Kulturen unterschiedlich zeigt. Jedes Zeigen ist das richtige und alle zusammen sind noch immer nicht Gott sozusagen in Gänze.
@DrB: Ich glaube, die Begriffe Zivilisation und Kultur sind schwer voneinander abzugrenzen – weitgehend bedeuten sie doch das selbe, oder? Auch die Kritik sollte sich auf beides erstrecken.
am 4. Dezember 2008 um 10:18
@Jörg
Natürlich. Die Kirche kann sich ja nicht mehr auf ihrer überholten Tradition ausruhen und muss ihr Konzept zeitgemäßer gestalten, damit sie auch in der heutigen Zeit noch Bestand und eine gewisse Gültigkeit hat.
Gerade im Rahmen der Globalisierung, in dem Religionen einander so direkt wie nie gegenüber stehen, müssen Kompromisse eingegangen werden, um überhaupt noch glaubwürdig zu erscheinen und vor allem die eigenen Grundsätze nicht zu verletzen.
Wir hier im Westen sind ja weitgehend sekularisiert, während weiter im Süden Religion und Staat noch Hand in Hand gehen. Andere/fremde Religionen/Kulturen in Frage zu stellen ist wie ein Schuss ins eigene Knie.
Aber bei manchen Menschen ist das noch nicht angekommen.
Gerade am Konzept „Gott“ kann man doch sehr gut sehen, wie wandelbar (unsere) Kultur und auch Religion doch sind, und für mich eigentlich auch ein Beweis, dass Kultur und Religion höchst menschlich und keinesfalls „von Natur aus“ gegeben sind.
am 4. Dezember 2008 um 14:00
Ich habe es so gelernt:
Politik wurde nach der Verstädterung des Menschen möglich und verwaltet u.a. die öffentliche Macht und die Vorhaben.
Zivilisation ist die Zivilwerdung der Menschen, also die in der Stadt möglich gewordene Bürgerwerdung. Als Folge dann natürlich die Arbeiten an den Institutionen und Technologien.
Kultur ist u.a. auch das Brimborium, das die Menschen zusammen hält, also ethische Regeln, Religion, Konnotationsmengen.
Allerdings scheint das jetzt eine deutschtypische Unterscheidung zu sein, danke für den Hinweis.
Ansonsten klingt Huntington für mich ein wenig wie Hegel, der dem Weltfriedensmodell Kants den kompetitiven Nationalstaat entgegengesatzt hat. Popper hat Hegel (auch) dbzgl. auseinandergenommen, vermutlich eine der wenigen Punkte in denen ich nicht mit Popper konform gehe. :–)
am 4. Dezember 2008 um 20:02
Dann würde Zivilisation eher in Richtung „technische Errungenschaften“ gehen, während Kultur eher zu den eingewöhnten Handlungen gehört. Klingt plausibel und würde vielleicht nützlich sein, zu unterscheiden, wenn man betrachtet, dass die verschiedenen Kulturkreise heute gleiche Technologien nutzen, ohne sich kulturell ähnlicher zu werden.
am 5. Dezember 2008 um 05:31
@Nina:
„Andere/fremde Religionen/Kulturen in Frage zu stellen ist wie ein Schuss ins eigene Knie.“, besser „in ein fremdes Knie“. :–)
SCNR
Zu den Begriffen noch, die Versuche die Welt über (vs. „mit Hilfe der“) die Sprache zu verstehen sind gescheitert.
Demzufolge gehört die Sprache zur Kultur und nicht zur Zivilisation.
;–)
Nachtrag:
„Alles, was ein spezielles Training erfordert, was deshalb nur ein bestimmter Teil unserer kulturellen Gemeinschaft gewohnheitsmäßig zustande bringt, ist Kunst oder Künstlichkeit.“
Hrgg, Kultur vs. Künstlichkeit?
am 5. Dezember 2008 um 16:16
@DrB
Nein, ins eigene Knie, denn Beziehungen zu anderen Kulturen und Denkweisen werden in großem Stil nur im eigenen Interesse, dem wirtschaftlichen, betrieben.
Oder wieso meinst du, werden niemals wirklich chinesische Methoden in Frage gestellt, obwohl „wir“ uns doch sonst überall, wo „Ungerechtigkeit“ herrscht, einmischen?
Kunst ist für mich eigentlich die Reflexion des Künstlers selbst.
Künstlichkeit hingegen die Manipulation von Sachverhalten. Wie die Etiquette beispielsweise Bildung und einen vermeintlich höheren Status zum Ausdruck bringen sollen, das Verhalten jedoch gekünstelt ist. Oder wenn man eine Kaffeemaschine künstlich aufwertet, indem man ihr ein tolles Design verpasst…
Ich denke auch, dass Sprache zur Kultur gehört, da sich Kultur über die Denkweise einer Gruppe definiert. Und da man nicht anders denken kann, als in (s)einer Sprache, wie Humboldt(?) schon meinte, gehört die Sprache zur Kultur.
am 5. Dezember 2008 um 19:41
Äh, nicht Humboldt… meinte Wittgenstein.
am 5. Dezember 2008 um 21:11
Die Sprache war auch schon da bevor man von Zivilisation. äh, sprechen konnte.
U.a. Wittgenstein hatte ich im Auge als ich das Scheitern der Versuche die Welt über die Sprache zu verstehen erwähnte.
Irgendwie habe ich den Eindruck gewonnen, dass man auch bei der sprachlichen Kommunikation zwischen Kultur und Zivilisation unterscheiden kann.
Als alter Jörgianer erlaube ich mir anzumerken, dass sich Jörg der Meme(“Miem“, vgl. Dream und Scheme)-Geschichte nähert.