Der korrekte Name
Wer hat das Recht, Namen zu vergeben und auf der Benutzung des „richtigen Namens“ zu bestehen? Bei Menschen ist die Sache noch ziemlich einfach: Die Eltern legen fest, wie das Neugeborene heißt und fortan muss man sich im Allgemeinen bis zu seinem Tode damit abfinden. Die richtige Schreibweise wird in der Geburtsurkunde geregelt und bleibt unverändert, wenn man sich nicht einem recht aufwändigen Prozess der Namensänderung unterzieht. Die Regeln dafür sind hart und gesetzlich definiert.
Ganz anders liegt die Sache bei Ländern, Städten oder Landschaften. Meist liegt es im Dunklen der Vergangenheit, wie Orte und Gegenden zu ihren Namen kamen. Fast scheint es, als seien sie mit der Sprache zusammen entstanden und hätten sich mit ihr über die Jahrhunderte verändert und entwickelt. Schaut man in alte Atlanten, staunt man, dass der Name von manchem Ort vor 500 Jahren noch etwas anders war als heute – und doch hat niemand per Dekret den Namen jemals festgelegt oder geändert.
Irgendwann kamen allerdings Regierungen auf die Idee, dass man Namen – wenigstens von Städten – willkürlich festlegen könnte. Vielleicht sind die Amerikaner daran Schuld, die all ihren neu gegründeten Städten einfach neue Namen gaben, statt sich der traditionellen Namen der Gegenden, wie sie von den Ureinwohnern festgelegt waren, zu bedienen. So neu waren diese Namen dann auch wieder nicht – Amerikanische Städte heißen entweder wie alte europäische Städte oder sind nach Präsidenten benannt.
Wer auch immer zuerst auf die Idee kam, Städtenamen per Gesetz zu vergeben oder zu ändern, die Unsitte verbreitete sich über die ganze Welt – immer als Zeichen einer neuen Macht, die zu demonstrieren war. Und da die Mächte wechseln, musste manche Stadt auch innerhalb weniger Generationen ihren Namen mehrfach ändern.
Jede Macht aber ist endlich, sie endet zum einen an ihren geografischen Grenzen, zum anderen vor der Privatsphäre ihrer Untertanen. Deshalb wird der alte Name häufig einfach weiter verwendet, sei es aus Bequemlichkeit oder aus einer gewissen konservativen Haltung heraus, derzufolge man nicht jeder endlichen Macht erlauben will, willkürlich an den Ergebnissen langer kultureller Entwicklungen herumzuschneiden.
Wenn die Macht von Dauer ist, kann ihr das egal sein, denn mit der Zeit arbeitet die Bequemlichkeit für die Macht. Wer in Formularen und auf Briefumschlägen den neuen Namen verwenden muss, wird ihn bald auch im Alltag verwenden. Und wenn er aus dem Alltag verschwindet, ist er innerhalb einer Generation auch aus der Erinnerung getilgt.
Mancher bedauert das, während andere froh sind, wenn ein alter Name endlich vergessen ist. Woran liegt das? Was bedeuten uns denn Namen überhaupt? Namen sind etwas ganz sonderbares, sie sind einerseits ganz praktisch-nüchterne Bezeichner für einen Ort, sie sollen eine Stadt, eine Gegend, einen Menschen eindeutig bezeichnen, andererseits sind Namen der magische Bezugspunkt für Traditionen, Erinnerungen, Kultur und Identität. Ziel einer Namensänderung ist auch immer, Traditionen abzubrechen, Erinnerugen zu tilgen.
Deshalb ist es sicher gut, einer willkürlichen Namensänderung gegenüber skeptisch zu sein. Natürlich kann es gute Gründe geben, vor allem, wenn eine willkürliche Namensänderung nach Jahrzehnten wieder rückgangig gemacht wird. Dass Stalingrad wieder Wolgograd heißt, ist sicher gut so, dass Leningrad wieder in St. Petersburg umbenannt wurde, kann man damit erklären, dass der Zar eben der Stadtgründer war. Ob allerdings die Entscheidung einer indischen Regionalregierung, den 500 Jahre alten Namen „Bombay“ durch „Mumbay“ zu ersetzen, von jedem Menschen auf der Welt akzeptiert werden muss, ist fraglich.
Denn der Name einer Stadt wird nicht dadurch „richtig“ oder „korrekt“, dass er von der zuständigen Regierung festgelegt wird. Namen sind eben mehr als nur praktische Bezeichungen, sonst könnten wir unsere Städte auch durchnummerieren. Städtenamen stiften Identität – und wer einen Namen ändern will, der will meist auch eine Identität ändern. Dabei sollte man nie unkritisch mitmachen.
Anlass dieser Überlegungen waren übrigens Diskussionen bei Stefan Niggemeier.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/11/30/der-korrekte-name/



am 30. November 2008 um 17:11
Mumbai? Die TAZ hat sich auch schon daran abgearbeitet und Terry Pratchett macht sich seit eh und je über Namen lustig.
Namen haben allerdings politischen Wert, erkennbar u.a. an den nach islamischen Eroberern benannten Moscheen oder auch Gemüseläden.
Die Namensgeschichte geht auch parallel zur so genannten Political Correctness, also der Herrschaft über das Wort bzw. der Festlegung der sog. Konnotationsmengen, die die eigentliche Bedeutung überschreiben sollen.
BTW, ich weiss gar nicht, wie Du es bei Niggemeiers Diskutanten aushältst.
am 30. November 2008 um 19:36
Ich habe ebenfalls ein großes Unbehagen gegenüber „von oben“ angeordneten Eingriffen in den Sprach- und Namensgebrauch.
Die Hamburger „Ost-West-Straße“ wurde politisch korrekt geteilt in „Ludwig-Erhard-Straße“ und „Willy-Brandt-Straße“. Ich bekomme die neuen Namen nicht über die Lippen, weil es so offensichtlich ein politischer Macht-Deal ist.
am 30. November 2008 um 22:26
Straßennamen sind ein schönes Beispiel: In Münster gibt es seit vielen Jahrzehnten einen Hindenburgplatz. Sicher – ein schwieriger Name. Vor ein paar Jahren kamen die Grünen auf die Idee, den Platz in „Platz des Westfälischen Friedens“ umzubenennen. Aber wieviele Menschen würden diesen Namen akzeptieren?
am 30. November 2008 um 22:44
Ich möchte allerdings nicht am Hindenburgplatz wohnen. Auch nicht in der Richthofenstraße.
Platz des – - – Friedens weckt natürlich Assoziationen. Warum nicht Hindenburg mit seinem Vorgänger vertauschen?
am 1. Dezember 2008 um 10:26
Der Name „Hindenburgplatz“ wird immer wieder für Diskussionen und kritische Reflexionen sorgen – deshalb ist es ein guter Name. Wenn wir Namen danach festlegen würden, dass wir möglichst keinen Konflikt mit unserer Vergangenheit bekommen, dürften wir nur noch Bäume und Tiere als namens-Geber verwenden, und selbst das ist auf Dauer nicht gesichert (Artensterben…)
@DrB, wg. Niggemeier: Ein bisschen Mailstream-Schnuppern kann nicht schaden
am 1. Dezember 2008 um 20:55
Auch ganze Länder fallen diesem Phänomen zum Opfer – siehe Burma, dass seine menschenverachtende Militärjunta in Myanmar umnannte (wobei für die duldsame burmesische Bevölkerung die Umbenennung weit weniger schwer wiegt als die korrupten Militärs…)
am 2. Dezember 2008 um 20:52
Es ging mir in der von Ihnen verlinkten Diskussion weniger um den Gebrauch des Namens „Bombay“ in Niggemeiers Beitrag, sondern eher um (1.) seine meines Erachtens indiskutable Wortwahl denen gegenüber, die auf den formal korrekten Namen Bezug nahmen (u. a. ich) und (2.), das war wesentlicher für mich, um seine Argumentation, dass Bombay (2a) von den deutschen Presseagenturen verwendet würde und (2b) „zigfach verständlicher“ sei.
Beides (2a und 2b) war (und ist) für Niggemeier niemals ein Grund gewesen, faktische Fehler in Medien zu kritisieren und „anzuprangern“ und seien sie auch noch so unwesentlich in der Sache. Dabei pochte er stets auf das exemplarische. Wenn er aber entscheidet, dass dieses Thema keines ist, dann fällt plötzlich die von ihm bei anderen eingeforderte Sorgfalt weg.
Merkwürdig übrigens, dass die Verständlichkeit in den Medien kein Thema ist, wenn es darum geht, Fussballstadien ihre Werbeanhängsel zu verpassen (das wird in der „tagesschau“ immer sofort gebraucht).
Übrigens was zu Birma/Myanmar gesagt wurde, ist in dieser Einfachheit falsch. Es gab mal ein Interview in Kulturzeit über diese Problematik; ich habe aber leider keine Zeit, das herauszusuchen.
Und warum in einem Fall die Änderungen „gut“ und „richtig“ sind, im anderen jedoch eine Regionalregierung diese nicht für uns verbindlich beschliessen kann, erschliesst sich mir nicht. Zumal diese „Regionalregierung“ einen indischen Bundesstaat von rd. 110 Millionen Einwohnern regiert. Das ist mehr als die Bundesrepublik Einwohner hat.
am 2. Dezember 2008 um 22:36
Das mit dem „Beschliessen von Namen“ ist so eine Sache, zudem gebe ich zu bedenken, dass das „Durchsetzen“ derselben, nunja, kein Glück bringt.
Ganz vermutlich ist Niggemeier diese Problematik bewusst.
Aber es ist schon richtig, die von Niggemeier eingeforderte „Sorgfalt“ wurde verletzt und eine Inkonsistenz ist erkennbar geworden. Das belegt aus meiner Sicht, dass Niggemeiers Form der Medienkritik Grenzen gesetzt sind.
am 4. Dezember 2008 um 09:45
@Gregor Keuschnig: Der Hinweis auf die Niggemeier-Diskussion war nur deshalb an meinen Artikel angehängt, weil er erstens tatsächlich der Anstoß war, meine allgemeineren Überlegungen zu diesem Thema einmal zu notieren und weil er zweitens eine Menge Illustration zu meinen Thesen liefert. Mein Text sollte aber kein Diskussionsbeitrag zu der dortigen Debatte sein, schon gar nicht auf einzelne Kommentare.
Habe ich irgendwo behauptet, dass Änderungen manchmal „Gut“ und „Richtig“ sind – abgesehen von Rückbenennungen, bei denen Huldigungen ausgewiesener Massenmörder und Diktatoren beseitigt werden?
Was ist an der vereinfachten Darstellung der Burma-Umbenennung, wie sie Gernot Starke gegeben hat, falsch? Das würde mich dann doch interessieren.