Drei Mal Gemetzel
Manche sehen sich drei Mal den gleichen Film an, einige gehen immer wieder in das aktuelle Konzert ihres Lieblingskünstlers. Trotzdem war es ein ungewöhnliches Projekt, drei Mal innerhalb von wenigen Monaten an verschieden Orten Inszenierung des gleichen Theaterstückes anzusehen.
Drei Mal, das ist aus verschiedenen Gründen in diesem Fall aber eine naheliegende Idee: Vor wenigen Jahren zeigten die Städtischen Bühnen Münster das Stück „Drei Mal Leben“ der französischen Autorin Yasmina Reza, in dem das gleiche Treffen zweier Ehepaare in drei verschiedenen Versionen durchgespielt wurde. In Rezas aktuellem Stück „Der Gott des Gemetzels“ treffen sich auch zwei Ehepaare, allerdings gibt es nur eine Version des Gemetzels, das angerichtet werden kann, wenn „zivilisierte Menschen“ die Beherrschung verlieren und die Masken fallen lassen.
Aber es ist gar nicht schwer, sich verschiedene Versionen dieses Treffens anzusehen, schließlich steht das Erfolgsstück derzeit an ca. 60 europäischen Bühnen im Spielplan.
In Münster wird es im Wolfgang-Borchard-Theater gezeigt und hier hatte die Regie einige schöne zusätzliche Ideen um die Handlung, die sich ja räumlich eigentlich auf ein Wohnzimmer beschränkt, auf die anderen Räume der Wohnung auszudehnen. Die Schauspieler mit ihren Stärken und Schwächen sind dem Münsteraner natürlich fast schon zu vertraut, sie boten bei der Gestaltung der Rollen dann jeweils wenig überraschendes, das mag für die anderen besuchten Theater ebenfalls gegolten haben, aber dort hat man es natürlich nicht bemerkt.
In Paris, wo sozusagen das Original gezeigt wird, lacht das Publikum mehr als in Münster, das fällt einem natürlich besonders auf, wenn man die Sprache nicht versteht und deshalb immer raten muss, worüber gerade gelacht wurde. Isabell Hupert spielte hier, das war natürlich etwas ganz besonderes, und die Szenen, in denen telefoniert wurde, wurden sozusagen voll ausgespielt, was das unerträgliche der Situation besonders schön deutlich machte.
Schließlich Bochum: Hier lacht das Publikum genauso viel wie in Paris, was nun wieder ein gewisses bezeichnendes Licht auf das Münstersche Theaterpublikum wirft. Beim dritten Mal wartet man natürlich schon gespannt auf gewisse Stellen des Stücks: Wie wird es wohl hier realisiert, wenn dies oder das passiert? Der Typ mit dem Telefon war in Bochum ein älterer Herr, das war überraschend, überraschend war aber auch, dass er genauso glaubwürdig war wie die smarten Typen in Münster und Paris.
Drei Mal Gemetzel, da lernt man ein Stück von vielen Seiten kennen. Aller guten Dinge sind drei, sagt man auch – und das gilt auch für Götter, die metzeln.
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am 26. November 2008 um 12:59
Klasse Idee!
am 26. November 2008 um 15:21
Ich hatte vor einigen Jahren mal eine sehr gute Freundin, die in der Berliner Vagantenbühne mehrmals – auch unter verschiedenen Regisseuren – ein und das selbst Stück spielte. Das Stück nennt sich „Abigails Party“ von Mike Leigh (hier mal ein Link).
Das geile an der Vaganten Bühne, die sich fast direkt unterhalb des berühmten Theater des Westens im Keller befindet, ist die Atmosphäre. Man hat das Gefühl, direkt mit im Wohnzimmer zu sitzen, weil man auf gleicher Höhe und sehr nah am Geschehen sitzt.
Das Faszinierende für mich war aber, dass ich als Zuschauer jede Vorführung anders sah und auch die Reaktionen der anderen sehr variierten. Mal lachten sie, mal weinten sie, mal blieben sie emotionslos und mal gab es stehende Ovationen.
Was ich auch bewunderte, dass bei den Schauspielern nie Routine aufkam. Es wirkte immer, als wäre es das erste Mal.
Auch wurden die verschiedenen Interpretationen der wechselnden Regisseure umgesetzt. Man könnte meinen, dass ein Schauspieler, der ein Theaterstück schon 50 mal gespielt hat, sich nicht mehr reinreden lässt, wie er zu stehen und zu reden hat oder sich halt in einen völlig anders angelegten Charakter hinein versetzt.
Ich habe jedenfalls – nicht nur seit dieser Zeit – einen enormen Respekt vor dem Theater. Und da ist es mir auch völlig egal, ob es sich um sogenanntes Laientheater oder große Aufführungen handelt.
am 27. November 2008 um 17:54
Und als eine, die nur zwei der drei Aufführungen gesehen hat: Welche hat dir denn nun am besten gefallen?
am 28. November 2008 um 11:06
Hallo Constanze,
deine Frage verweist ja auf einen interessanten Aspekt, nämlich, dass jemand, der im Bewerten und Vergleichen ungeübt ist, methodische Schwierigkeiten hat, überhaupt zu sagen, welche Vorstellung „am besten“ war. In Münster habe ich das Stück zum ersten Mal gesehen, da stand die Handlung ganz im Vordergrund der „Bewertung“ und viele Details hab ich erst bei den späteren Vorstellungen entdeckt. Außerdem kannte ich in Münster die Schauspieler und habe ihre Lestung vor diesem Hintergrund gesehen.
In Paris habe ich die Worte nicht verstanden und mich dadurch viel mehr auf die Inszenierung konzentriert, auf die Positionen der Akteure im Raum u.ä. das war auch sehr spannend.
Und als ich in Bochum war, war Münster schon wieder so lange her…