Die Lücke
Mit zunehmendem Erfolg bemühen sich die Wissenschaftler, die sich die Erforschung der Geschehnisse in der Atmosphäre auf die Fahnen geschrieben haben, das Wetter der nächsten Tage vorherzusagen. Tatsächlich gelingt ihnen das, wie uns der tägliche Wetterbericht zeigt, immer genauer. Die Meteorologen haben in der vergangenen Woche z.B. schon am Wochenanfang den Wintereinbruch für Freitag recht genau vorhergesagt.
Sollten wir daraus nicht schlussfolgern können, dass auch die Vorhersage der langfristigen klimatischen Trends immer besser und genauer werden muss? Schließlich ist Klima nichts anderes als mittleres Wetter, um es einmal etwas locker zu formulieren. Und wenn die Vorhersage genauer Wetterentwicklungen immer besser wird, dann sollte doch die Prognose von Mittelwerten erst recht immer einfacher werden?
Allerdings muss uns eine merkwürdige Lücke hier stutzig machen: Wenn uns die Forscher auch berichten, dass sie mit großer Sicherheit berechnen können, dass die Sommer in 20-30 Jahren weit wärmer werden als die der vergangenen Jahre, so können sie uns über die Witterung im nächsten Frühjahr nichts sagen, und auch die Antwort auf die Frage, ob der Schnee im Sauerland, der in den letzten Tagen gefallen ist, nun bis Ostern liegen bleibt oder ob er schon zu Weinachten wieder verschwunden ist, bleiben sie uns schuldig.
Es ist auch nicht überraschend, es verhält sich mit der Vorhersage des Wetters letztlich ähnlich wie mit der Vorhersage von Spielergebnissen bei einem Spiel, sagen wir, beim Skatspiel. Nehmen wir an, jemand kennt zu Beginn eines Spieles die genaue Verteilung der Karten und er weiß, dass die beteiligten Spieler kaum Fehler machen. Dann wird er den Ausgang des konkreten Spieles möglicherweise mit großer Sicherheit voraussagen können.
Kann er daraus auch ableiten, wer das Tournier gewinnt? Natürlich nicht, im Laufe des Abends werden die Karten immer wieder neu gemischt und verteilt, und das Prognosesystem müsste nun z.B. auch diese Prozesse berücksichtigen. Selbst wenn das möglich wäre, wäre eine genaue Prognose, wer am Tisch 4 um 20:00 Uhr mit wem spielt und gewinnt vielleicht zu Beginn um 19:30 noch möglich, eine Prognose für 24:00 Uhr ist nach diesem Vorgehen aber sehr gewagt.
Wer den Ausgang des Abends vorhersagen will, wird sich nicht für die Verteilung der Karten zu Beginn des Abends interessieren, er wird Informationen über die Strategien der Spieler, über ihre Konzentrationsfähigkeit an langen Abenden, über ihre Trinkgewohnheiten und über ihre bisherigen Erfolge einholen.
Genauso ist es mit der Wetter- und der Klima-Vorhersage: Es sind ganz unterschiedliche Verfahren, und deshalb sagen die Erfolge bei der kurzfristigen Prognose nichts über die Qualität der Klimavorhersage.
Bleibt aber die Lücke, die immer noch erklärt werden muss. Denn unser Kartenspiel-Prophet, der gut vorhersagen kann, wer als Sieger den Saal verlässt, wird auch etwas sinnvolles dazu sagen können, wer wohl nach drei Stunden noch mit Erfolgsaussichten dabei sein wird, und wer nach zwei Stunden schon keine Chance mehr haben wird.
Also müsste doch in der Kooperation von Experten für Wettervorhersage- und Klimamodelle auch eine Prognose der vorherrschenden Witterung des kommenden Winters möglich sein?
Über die Gründe, warum sich da weder Meteorologen noch Klimaforscher auf eine Vorhersage einlassen, kann nur spekuliert werden. Ich halte zwei Gründe für möglich:
Eine mittelfristige Prognose für die nächsten Monate dürfte beim Stand der Forschung eine relativ unsichere Sache sein. Die Autorität der Klimaforscher würde natürlich durch zwei bis drei Fehlprognosen, die ja nicht auszuschließen sind, dramatisch leiden – das würde sich auf die Wirkung der Warnungen zum Klimawandel natürlich drastisch auswirken. Wer glaubt noch an die Vorhersage einer globalen Erwärmung um einige Grade innerhalb von Jahrzehnten, wenn offensichtlich würde, dass über viel kurzfristigere Zeiträume keine Prognosen gemacht werden können?
Der erste genannte Grund kann auch mit Ursache für die zweite Ursache sein, die ich vermute: In die Forschung zur mittelfristigen Witterungsprognose wird einfach längst nicht so viel investiert wie in die kurzfristige Wetterprognose und die Vorhersage des Klimawandels.
Das ist bei der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Relevanz solcher Prognosen allerdings schlicht unverantwortlich. Man stelle sich vor, welche Auswirkungen eine gute Prognose des Witterungsverlaufes für die nächsten paar Monate hätte. Nicht nur die Bekleidungsindustrie und die Tourismusbranche würden davon profitieren, wenn sie sich auf die tatsächlichen Bedarfe ihrer Kunden rechtzeitig einstellen könnten. In allen Bereichen der Wirtschaft könnten durch zielgerichtete Vorbereitung Ressourcen geschont werden, Landwirte würden ihre Fruchtfolgen und Saattermine optimieren können.
Die Erforschung der mittelfristigen Witterungsentwicklung wäre eine wirkliche und wirkungsvolle Investition in die Zukunft, und im Ergebnis würde sie auch den Klimaschutz befördern. Diese Lücke muss endlich geschlossen werden.
Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/11/24/die-lucke/




am 25. November 2008 um 10:17
Das Problem wird sein, dass die Schwierigkeit einer Wettervorhersage oder Klima-Entwicklung nicht linear zum zeitlichen Prognose-Fenster wächst, sondern exponentiell, dass also jeder weitere Tag in der Zukunft weit mehr Forschung benötigt als der Tag zuvor. Es könnte sogar sein, dass die Komplexität der Modelle eine Vorhersage bereits für mittelfristige Entwicklungen unmöglich macht, weil bereits die kleinsten Fehler zu gegenteiligen Prognosen führen können.
Behaupte ich jetzt einfach mal so, ohne Belege…
am 25. November 2008 um 10:24
Hallo Fragezeichner,
für mittelfristige Prognosen braucht man ganz andere Modelle als für die kurzfristigen. Da interessiert nicht mehr so sehr das heutige Wetter in Münster oder an der Cote‘d Azur sondern die mittlere Temperatur des Pazifik vor Südamerika z.B. Aus solchen Informationen und dem Wissen über die großen Rückkopplungen zwischen Ozean, unterer und oberer Atmosphäre und Kontinenten kann man mittelfristige Prognosemodelle bauen, die dann Aussagen über die Häufigkeit von Kälteeinbrüchen im nächsten Frühjahr liefern könnten.
am 25. November 2008 um 15:49
Es ist wohl mittlerweile möglich das Wetter für, sagen wir mal, die nächsten 5 Tage mit einer 80-90 prozentigen Trefferrate vorherzusagen, aber dann nimmt die Trefferrate wegen der Systemkomplexität drastisch ab.
Genau darum gibt es keine Prognosen bzgl. der „mittelfristigen Witterungsentwicklung“ und die langfristigen Prognosen sind reine Esoterik.
Nachtrag:
Hätte ich mir ja sparen können, wurde schon von einem aufmerksamen Leser angemerkt. Die geforderten „anderen Modelle“ für die Vorhersage auf Mittelfrist hätten gegenüber den langfristigen Modellen (Stichwort: „Klimakatastrophe“) den Nachteil regelmässig sichtbar in ihren Prognosen am Erfahrenen zu scheitern. Dann sind die Fördergelder weg und auch die „mittelfristigen Wetterfrösche“. Ich möchte darauf wetten, dass i.p. Mittelfristigkeit bereits fleissig und erfolglos geforscht worden ist.
am 25. November 2008 um 16:10
Dass daran bereits geforscht wird, kann ich dir bestätigen. Aber nicht mit den gleichen Budgets wie am „Klimawandel“ – sonst würden die Erfolge nicht ausbleiben. Was schade ist, denn der Nutzen wäre sicher enorm.
am 25. November 2008 um 16:20
Wenn die langfristigen Prognosen auch nur ansatzweise seriös wären, dann wäre auch den mittelfristigen Prognosen und Forschungen zumindest geringer Erfolg beschieden.
Du hast natürlich völlig Recht, wenn Du auf die Lücke aufmerksam machst. Ein wichtiger Aspekt, den ich so nicht kannte. Danke.