Jörg Friedrich


Was ist Zukunft?

18. November 2008 Kategorie: Philosophie |

Wenn ich gar keine Vorstellungen darüber hätte, was demnächst passiert, könnte ich kaum handeln. Beipielsweise werde ich heute abend einen Vortrag besuchen, ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Veranstaltung stattfinden wird, ich werde also aufs Rad steigen und zur Universität fahren um einem aus Bonn angereisten Philosophen zu lauschen.

Zu sagen, dass ich in Zukunft einem Philosophen aus Bonn bei einem Vortrag zuhören werde, klingt irgendwie unpassend, auch wenn diese Veranstaltung von jetzt aus gesehen „in der Zukunft liegt“.

 

Ich probier es einmal anders: In der Zukunft werden alle meine Haare grau sein. Interessant, dass ich beim Schreiben dieses Satzes zunächst „In Zukunft…“ geschrieben hatte, aber das war nicht so treffend wie „In der Zukunft…“ Wenn ich letzteres sage, dann meine ich wohl, dass es einen Zeitpunkt geben wird, in dem das, was ich da sagte, wahr sein wird. Mit „In der Zukunft“ sage ich etwas über diese Tatsache aber nichts über die Zukunft.

Die Sätze, die auf diese Weise formuliert werden, sind meist uniteressant, weil sie gar keine neuen Erkenntnisse bringen. Es sind Selbstverständlichkeiten, erstaunlicherweise sind es eigentlich Erfahrungsaussagen über die Vergangenheit. Die Erfahrugn sagt mir, dass bei allen mit mir vergleichbaren Menschen die Haare irgendwann grau werden. Ich bin einer von ihnen, auch das sagt meine Erfahrung – also werden auch meine Haare grau.

Über die Zukunft spreche ich also weder, wenn ich über die Dinge spreche, die recht nah zum aktuellen zeitpunkt liegen, noch, wenn es sich um einfache logische Schlussfolgerungen aus der Beobachtung der Vergangenheit, aus der Erfahrung handelt.

Zukunft ist, was nicht aus der Erfahrung folgt, was wir aber trotzdem erwarten. Mit welchem Recht? Alle wirklichen Zukunftsprognosen haben sich nicht erfüllt, weder die Utopien noch die Wachstumsprognosen der Wirtschaftsweisen. Nichts ist so ungewiss wie die Zukunft. Eine Prognose, dass alles beim Alten bleibt, wird zwar auch falsch sein (sie widerspricht der Erfahrung – etwa so wie die Behauptung, dass ich nicht ergrauen werde) aber sie ist auch nicht falscher als die Vorhersage einer jeden konkreten Entwicklung.


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16 Kommentare to “ Was ist Zukunft? ”

  1. # 1 Sven schreibt:

    Hmmm…..

    deine erste Aussage wäre, wenn es keine Zukunft ist, dann die unvollendete Gegenwart oder sogar schon die unvollendete Vergangenheit?

    viele grüße

    sven

  2. # 2 Fragezeichner schreibt:

    Die nahe Zukunft ist in der Tat noch Teil der Gegenwart, die ferne Zukunft lediglich eine Projektion unserer Träume. Aber auch, wenn sie sich nicht fassen lässt, ist sie doch so bedeutsam für unser Leben – sie verkörpert die Bedürfnisse, die Träume, die Ideen, die Phantasie. Vielleicht ist die ferne Zukunft auch das, was uns vor allem von den Tieren unterscheidet?

  3. # 3 Jörg schreibt:

    @sven: Vielleicht umgekehrt: Alles, was sich als Unvollendete Gegenwart deuten lässt, ist noch nicht Zukunft.

    @Fragezeichner: Ich glaube nicht, dass sich Zukunft durch den Grad der zeitlichen Entfernung vom Jetzt fassen lässt. Dinge, die noch weit weg sind aber sehr sicher (mein Tod z.B.) werden wir selten in Zukunftsaussagen formulieren.

    Deine letzte Frage finde ich sehr interessant.

  4. # 4 Fragezeichner schreibt:

    Jörg, sie lässt sich so oder so nicht fassen. Und natürlich sind die Übergänge fliessend.

  5. # 5 drbuffo schreibt:

    Sehr schön formuliert, BG!

  6. # 6 Vogel schreibt:

    Hi Jörg,
    Klasse! ‚Mal wieder in Kürze den Nagel auf den Kopf getroffen!

    Vergangenheit – uninteressant, kann man nicht zurückholen
    Gegenwart – gibt’s nicht – schwupp, schon vorbei, und wieder vorbei, und wieder …
    Zukunft – Hier halt ich es mit dem „Kölschen Grundgesetz“, dort Artikel 2: Habe keine Angst vor der Zukunft. Et kütt wie et kütt!

    Im Ernst: Ohne Vorstellung, ohne Plan geht’s nicht (insofern ist auch die Vergangenheit (Erfahrung) doch nicht so uninteressant – mit gewisser Wahrscheinlichkeit kann man aus ihr lernen. Aber: „Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken; sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, das wir bereits hinter uns haben.“ (Konfuzius) Und: Kurzfristiger Plan (Dein Vortragsabend) hat höhere Chancen auf tatsächliche Umsetzung als das selbe Vorhaben für in drei Wochen geplant!

    Beste Grüße
    Vogel

  7. # 7 Michael Kostic schreibt:

    Wer die Wellen des Seins/ der Dinge wie sie zueinander stehen erkennt, kann eine relativ präzise Prognose über zukünftige Geschehnisse/Ereignisse bzw. Handlungen/Unterlassungen erarbeiten…

  8. # 8 drbuffo schreibt:

    Die „Klimakatastrophe“ ist z.B. sicher, da gibts keine Zweifel, diese Prognose ist wissenschaftlich nachgewiesen! Wissenschaftliche Modelle und Hypothesen, die sich exakt mit der Realität decken, sind eben doch möglich!!

  9. # 9 Jörg schreibt:

    @Michael Kostic: Du sprichst von Gott?

    @drbuffo: soso.

  10. # 10 drbuffo schreibt:

    Ein richtig gesetzter Tiefpunkt hat immer noch das allgemeine Niveau gehoben.

  11. # 11 Michael Kostic schreibt:

    Nein.

  12. # 12 Vogel schreibt:

    @drbuffo
    wir gehen einer Klimaveränderung entgegen, Katastrophe für die einen, Gewinn für die Anderen, es ist halt „nur ’ne Veränderung“. Und, wie sieht die Prognose aus? +2°? +4,5°, +5,1°? Das sind große Unterschiede!

    In der Zukunft werden alle meine Haare grau sein.

    Eben nicht: „In Zukunft …!“

    Jörg hat das also ‚n bisschen anders gemeint; bleiben wir zeitnah: Was ist denn mit all‘ den Prognosen der letzten 5 Jahre? Und wie geht’s weiter? Z. Z. haben die Einen etwas rechter als die Andern! Was folgt morgen? Übermorgen? Wie ist das noch mit den Jahresprognosen der Fünf Weisen, jedes Jahr (die „Weisen“ hätt‘ ich jetzt fast mit a geschrieben;-)) ?

    Wenn ich an „Zukunftsprognosen“ denke, denk‘ ich nich unbedingt an Klimaveränderung – mir fällt da eher die Dreigroschenoper ein, Das Lied von der Unzulänglichkeit: „Ja, mach nur einen Plan …“

    Beste Grüße
    Vogel

  13. # 13 drbuffo schreibt:

    Die „Klimakatastrophe“ ist das beste Beispiel für die prinzipielle Unmöglichkeit von Prognosen – ich hätte aber auch einen Stein in die Hand nehmen können und fragen können, was passieren wird, wenn ich die Hand öffne, die Antwort lautet (philosophisch korrekt :–) nicht: „Er wird fallen.“.
    Und wenn Prognosen intuitiv sind, und die KK [1] ist intuitiv [2], dann sind es oft „Bedarfsprognosen“, also soziokulturelle Ereignisse.

    Die Prognosen früherer Jahrzehnte verdienen in der Tat eine intensivere Beleuchtung, um Prognosen besser verstehen zu können. Was hat man so zu Zeiten der Ölkrise, des „Waldsterbens“ und 1939 so alles prognostiziert, hmm?

    [1] der komplexe Modelle zugrund liegen, die einen hochkomplexen [i] Sachverhalt versuchen zu modellieren
    [i] vgl. bspw. mit Ampelschaltungen in einer Großstadt oder der Wettervorhersage für die nächsten drei Tage oder mit Schach oder Go – alles bereits sehr komplexe Sachverhalte
    [2] ein „Etwas wird sich ändern.“ eigentlich immer

  14. # 14 Jörg schreibt:

    @Michael Kostic: Ich kann mir unter den „Wellen des Seins…“ leider nichts vorstellen. Deshalb ist es für mich im Moment auch nicht plausibel, dass jemand, der diese erkennt, präzise Zukunftsprognosen machen kann. Sicherlich gibt es gewisse Ereignisse, die, da sie einfachen physikalischen Gesetzen gehorchen, relativ gut vorauszuberechnen sind: Sonnenfinsternisse z.B.

    Aber Handlungen/Unterlassungen?

  15. # 15 Jörg schreibt:

    Am Rande (Für alle, die keinen Werbeblocker haben): Wer kann z.B. schon voraussehen, welche Werbung Google Kontext-bezogen schaltet? Im Moment sehe ich unten was über Haarausfall, dabei schrieb ich nur über „graue Haare“!

  16. # 16 heidemarie schmal schreibt:

    zukunft ist
    ganz einfach gesagt,man stellt sich ziele…
    ohne ziele keine zukunft

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