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Jörg Friedrich


Wann ist Wissenschaft?

30. Oktober 2008 Kategorie: Philosophie |

Die meisten Menschen halten große Stücke auf die Wissenschaft und das wissenschaftliche Vorgehen. Die großen Fortschritte in der Lebensqualität der Menschen über die letzten 100-200 Jahre wenigstens in dem Teil der Welt, aus denen auch die meisten wissenschaftlichen Erfolgsmeldungen stammen erwecken den Eindruck, dass die Wissenschaft eine großartige Kulturtechnik ist, die uns laufend Gesundheit, Reichtum und Freiheit in immer größerem Ausmaß bringt.

Beim genaueren Hinsehen fragt man sich nicht nur, ob die Auswirkungen der Wissenschaft angesichts von Atombomben, Giftmüll-Katastrophen, Finanzmarktkrisen, Allergien und globaler Erwärmung per Saldo nicht zumindest ein Null-Summen-Spiel sind, man bekommt auch Zweifel daran, dass wirklich die Wissenschaft der große Segensbringer für die Menschheit sind oder ob es nicht vielleicht andere, ältere Kulturtechniken sind, die uns ein immer besseres Leben bringen, vielleicht sogar, ohne jene Gefahren heraufzubeschwören, die die Anmaßung von Wissen (Hayek) mit sich bringt.

Spätestens an dieser Stelle fragt man sich, was überhaupt Wissenschaft ist, was sie von anderen Kulturtechniken unterscheidet. „Wann ist Wissenschaft?“, fragt man sich, so wie Goodman gefragt hat „Wann ist Kunst?“. Wann tun Menschen etwas, wovon wir sagen, dass es zur Wissenschaft gehört und dass es wissenschaftliches Tun ist?

Oft wird die Meinung vertreten, wissenschaftliches Arbeiten zeichne sich dadurch aus, dass seine Ergebnisse einer intersubjektiven Überprüfung innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft standhalten und dass es eine systematische Methodik hat. Aber spätestens seit Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ und den sich daran anschließenden wissenschaftssoziologischen Arbeiten wissen wir, dass es mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft und ihrem rationalen Diskurs nicht weit her ist.

Nicht mehr haltbare wissenschaftliche Theoriegebäude werden nicht durch rationale Argumente langsam abgetragen oder umgebaut, sie stürzen ein, wenn ihre Verfechter aussterben. Jeder, der wissenschaftliche Dispute als unbeteiligter Dritter verfolgt, bemerkt schnell, dass das bessere Argument nur unter Wissenschaftlern wirkt, die im Grundsatz schon einig sind, wer an Grundfesten rüttelt, wird aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft schnell ausgegrenzt und kann froh sein, wenn er sich einem anderen, gegnerischen Lager anschließen kann. Wissenschaftler sind Menschen.

Und die systematische Methode? Einerseits zeigt uns auch hier die Wissenschafts-Soziologie spätestens seit Feyerabends „Wider den Methodenzwang“, dass es allgemein anerkannte systematische oder methodische Grundsätze nicht gibt. Systematisch und methodisch sind die Wissenschaften allenfalls in den Lehrbüchern und Selbstdarstellungen, aber selten in den Forschungen an den Randgebieten des Wissens.
Andererseits: Selbst wenn wir irgendeine Art von Systematik in den Wissenschaften unterstellen würden, bliebe die Frage, was dann unter systematischem Vorgehen überhaupt und allgemein zu verstehen sei? Ist systematisches und wissenschaftliches Arbeiten dann vielleicht synonym? Ist alles systematische Vorgehen schon wissenschaftlich?

Die Attribute „systematisch“ und „intersubjektiv überprüfbar“ bringen uns also nicht weiter.
Verwerfen wir also zunächst die Idee, Wissenschaft normativ zu bestimmen indem wir ein paar Kriterien vorgeben, die menschliches Handeln erfüllen muss um „wissenschaftlich“ genannt zu werden. Dann bleibt uns immer noch der deskriptive Weg, die Beschreibung dessen, was Leute tun, die sich unwidersprochen „Wissenschaftler“ nennen dürfen.

Wir finden wenigstens drei Handlungsmuster, die wenig oder nichts miteinander zu tun haben: die theoretische, die experimentelle und die empirische Forschung. Wenn es zwischen ihnen Abhängigkeiten gibt, dann ist am ehesten der Theoretiker von den Experimentatoren oder den Empirikern abhängig. Er konstruiert aus ein paar Grundannahmen per mathematischer oder logischer Deduktion Sätze, die irgend etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben sollen und deren Geltungsanspruch sich im Experiment oder in empirischer Forschung bestätigen soll. Woher er die Grundannahmen hat, soll uns mit Popper egal sein, vielleicht basieren sie auch auf Experimenten oder Empirie, vielleicht sind es geniale Eingebungen.
Über diese Art des wissenschaftlichen Arbeitens hat Karl Popper ein ganzes kluges Buch geschrieben. Es hat dazu beigetragen, dass man im 20. Jahrhundert die theoretische Arbeitsweise als die eigentliche und wesentliche wissenschaftliche Arbeitsweise betrachtet hat, und wenn man Poppers Buch etwas vorwerfen kann, dann ist es der Titel, der eben so absolut „Logik der Forschung“ und nicht einschränkend „Logik der theoretischen Forschung“ lautet.

Wer sich über dieses Missverständnis auf unterhaltsame Weise aufklären möchte, sollte zu Ian Hackings „Einführung in die Wissenschaftstheorie“ greifen. Hacking widmed sich auch der zweiten Art wissenschaftlicher Tätigkeit ausführlich: dem experimentellen Arbeiten. Versuchsanordnungen aufbauen, reproduzierbar dokumentieren, Prozesse kontrolliert in Gang setzen und Ergebnisse dieser Prozesse messen: Das tut der Experimentator. Er ist dabei nicht auf Theoretiker angewiesen, solange er seine Ergebnisse nicht „deuten“ oder „erklären“ will – und das muss er auch nicht zwangsläufig. Er kann ganz einfache Analogien oder Modelle im Kopf haben, um seine Experimente zu beschreiben und nachvollziehbar zu machen – Theorien werden dazu nicht gebraucht.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem empirisch arbeitenden Wissenschaftler, der sich vom Experimentator nur dadurch unterscheidet, dass er seine Versuchsanordnungen nicht selbst baut, sondern in der Welt die Prozesse und Dinge aufsucht, die er beobachten möchte. Er ist der wahre Naturwissenschaftler, egal, ob er biologische, soziologische, physikalische oder ökonomische Sachverhalte untersucht.

Leider genießt – wie gesagt – vor allem der Theoretiker das hohe Ansehen der Wissenschaften. Das ist in sofern ungerecht, als er sich weit öfter vertut als seine praktisch veranlagten Kollegen. Wenn wir den Wert der Wissenschaften für unser Leben beurteilen, sollten wir viel stärker differenzieren, auf wen wir da genau hören. Dann bekommen die Wissenschaften vielleicht auch die Bedeutung zugesprochen, die sie wirklich verdienen.


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9 Kommentare to “ Wann ist Wissenschaft? ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Interessante Frage, interessante Perspektive. Du solltest deine Thesen mal „überzeugten“ Wissenschaftlern präsentieren und in Dialog mit diversen Wissenschaftsblogs treten. Daraus könnte eine fruchtbare Diskussion entstehen.

  2. # 2 Fragezeichner schreibt:

    Was deine These von der Überhöhung des Stellenwerts der Wissenschaft bestätigen würde, ist, dass es schon lange vor der Aufklärung und des Begriffes „Wissenschaft“ Hochkulturen gab, die Wissen besassen (z.B. die Ägypter mit ihren Pyramiden), für das wir keine rechte Erklärung haben oder uns sogar bis heute verborgen ist.

  3. # 3 Detlef schreibt:

    Wer hat das noch gesagt, dass wir immer die Ostereier finden, die wir selbst versteckt haben? Um einen Versuch aufzubauen, muss ich eine Theorie haben. Wenn bei dem Versuch etwas anderes herauskommt als erwartet, wie z.B. bei Hahn, dann wird auch der Experimentator versuchen, das Ergebnis theoretisch zu erklären.

    Ich stimme dir zu: ob der Ausgang des Individuums aus der mittelalterlichen Welt in die neuzeitliche, wissenschaftliche Welt, dessen symbolischen Beginn wir heute feiern, ob dieser Ausgang wirklich ein Grund zum feiern ist wissen wir frühestens dann, wenn die atomare Endlagerung befriedigend geklärt ist – in den nächsten 10.000 Jahren also wahrscheinlich eher nicht.

    Andererseits können wir auch nicht mehr zurück: ohne moderne Infrastruktur und ohne Wirtschaftswachstum können die Menschen nicht mehr überleben.

  4. # 4 Jörg schreibt:

    Die Aussage, dass ein Experimentator eine Theorie haben muss, ist mir viel zu allgemein, sie ist die Ausrede der Theoretiker, um ihre Vormachtstellung zu begründen.

    Z.B. braucht man vielleicht die Theorie der Elektrodynamik, wenn man ein Lichtmikroskop mit einer elektrischen Lampe verwendet, vielleicht auch nicht, vielleicht braucht man nur die Erfahrung, dass es hell wird, wenn man den Schalter umlegt. Aber man braucht keine Theorie, um etwas im Mikroskop zu beobachten, was man dann Pantoffeltierchen nennt, und man muss dann auch keine Theorie über das Wesen dieser experimentellen Entitäten entwickeln.

  5. # 5 Detlef schreibt:

    Warum guckt man durch ein Mikroskop? Die Vorstellung, dass es Mikroskope gibt und dass sie etwas Relevantes über die Welt aussagen könnten braucht die Theorie von einem Mikrokosmos, der mit bloßen Auge nicht sichtbar ist, aber analog zur sichtbaren Welt aufgebaut ist. Also findet man dort auch „Tiere“.

    Man schießt nicht einfach so mit Neutronen auf Atomkerne. Man hat eine bestimmte Vorstellung, was dabei herauskommen sollte.

    Man braucht Gründe für ein Experiment, bestimmte Begriffe, Deduktionen: eine Theorie.

  6. # 6 drbuffo schreibt:

    Besonders die Mathematik- und Physik-Genies (Hawking, Fermats Letzter-Satz-Beweiser Wiles) geniessen – vgl. mit ihrer Wirkung – ein zu hohes Ansehen. Es wäre ja auch bspw. dumm den Schachweltmeister Vyswanathan Anand zu vergöttern.

    Popper hat, glaube ich, alles gesagt zu diesem Thema. Lustigerweise war es ihm auch nur deshalb (wirksam) möglich, weil die klassische Physik gerade zusammengebrochen war.

  7. # 7 Jörg schreibt:

    @Detlef: Oft wird aus reiner Experimentierfreude experimentiert, das entscheidende Kriterium für ein Experiment ist nicht die Theorie. die man vielleicht braucht, sondern dass man es sehr gewissenhaft und reproduzierbar ausführt. Wenn man sich Beispiele für Experimente in der Wissenschaft anschaut, merkt man schnell, dass man einen sehr schwachen und weiten Theorie-Begriff braucht, wenn man für alle wissenschaftlichen Experimente Theorie vorraussetzen will.

    @drbuffo: Popper hat zwar, wie ich auch schrieb, viel Kluges gesagt, aber er hat uns auf eine falsche Fährte gelockt. Die Diskussionen der darauffolgenden Jahrzehnte zeigen, dass er längst nicht „alles“ gesagt hat.

  8. # 8 drbuffo schreibt:

    Niemand hat je alles gesagt, die Diskussionen der Neueren Geschichte halfen aber nicht weiter. BG!

  9. # 9 Michael schreibt:

    Manuelles Trackback:

    […]Theorie und Abstraktion

    Bevor ich mit dem Thema fortfahre, muß ich wohl klären, was ich unter „Theorie” verstehe. Das dürfte sich im Kontext meines Blogs ohne weiteres erschließen – trotzdem fasse ich das besser noch einmal zusammen. Wenn selbst bei den SienceBlogs plötzlich Beiträge erscheinen, die dem Versuch von Religion und Esoterik, einen klaren Begriff von wissenschaftlicher Theorie zu relativieren, nicht direkt das Wort sprechen, aber doch Tür und Tor öffnen, läßt sich das schwer vermeiden.[…]

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