Elke Heidenreich will nicht mehr „Lesen!“
„Schmeißt mich doch raus!“ hatte sie in der FAZ geschrieben, und das ZDF ist dieser Bitte nun nachgekommen. Eigentlich überraschend und genau genommen ein Zeichen dafür, dass Elke Heidenreich mit ihrem Angriff aufs Fernsehen wohl doch unrecht hatte. Denn die Art, wie Frau Heidenreich ihren Zuschauern alle paar Wochen ein paar Bücher auf den Tisch warf, verbunden mit dem Befehl „Lesen!“, der sich schon im Titel der Sendung unmissverständlich bemerkbar machte, passte recht gut zu dem Stil von Fernsehprogramm, den Marcel Reich-Ranicki in seiner Kritik diagnostiziert hatte.

Stakkatohaft, regelrecht gehetzt bekam der Zuschauer von Frau Heidenreich ein paar Bücher hingestellt, mit wenigen Worten und einem begrenzten, ja armseligen Wortschatz, wurden sie angepriesen, die im Allgemeinen wohl eine differenziertere Würdigung oder Kritik verdient hätten.
Dieses Verfahren sollte wohl bedeuten: Leute, es gibt so viele tolle Bücher, aber man lässt mir leider gar keine Zeit, sie euch genau vorzustellen. Glaubt mir einfach: kauft sie und lest sie.
Es hätte kaum einen Informationsverlust bedeutet, wenn Frau Heidenreich einfach nur fünf Minuten lang Bücher in die Kamera gehalten hätte, verbunden mit dem im Imperativ vorgetragenen Wort: „Lesen!“ vielleicht hätte sie dafür dann sogar den erwünschten Sendeplatz bekommen, möglicherweise sogar die fünf Minuten vor der Tagesschau.
Natürlich, der Lesefreund, der ratlos im Überangebot einer deutschen Großbuchhandlung herumirrt, nahm die Brocken dankbar auf, denn die Bücher, die da in die Kamera gehalten wurden, waren ja meist geist- und gehaltvoll. Aber das war nicht Heidenreichs Verdienst.
Statt auf die Lesebefehle aus dem Fernsehen wird man sich nun also wieder mehr auf die eigene Intuition verlassen müssen, vielleicht wird man wieder verstärkt auf das Feuilleton der großen Zeitungen zurückgreifen. Vielleicht wird die Verweilzeit im Bücherladen auch wieder länger, wenn die „Lesen!“-Regale ihren bevorzugten Platz verlieren. Deshalb werden die Buchhändler, im Gegensatz zu den Verlagen, die Absetzung der Sendung auch nicht bedauern.
Für die Verlage, die das ZDF zu einer Einigung mit Elke Heidenreich aufgefordert haben, war die Sendung eine reibungslose Verkaufsmaschine. Die Präsentation eines Produktes in der Sendung war ein sicherer Weg der Umsatzsteigerung, und das sogar, dank der speziellen „Lesen!“-Regale, die in vielen Buchhandlungen an prominenter Stelle postiert sind, weit über die Einschaltquoten am Freitagabend hinaus.
Lesen hat vor allem mit Selbste-Denken zu tun. Dabei hört man gerne auf den Rat von Freunden oder die Argumente von Kritikern, aber im Befehlston vorgetragene Leseanweisungen sind verzichtbar. Deshalb ist zu hoffen, dass das ZDF für seine neue Literatursendung nicht nur eine neue Moderatorin findet, sondern vor allem ein neues Konzept, das dem Lesen, wofür sie doch werben soll, auch gerecht wird.
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am 25. Oktober 2008 um 09:57
Stimmt, Heidenreich war kein großer Denker und sprachlich hats auch gehapert.
Übrigens ist der geschätzte Marcel Reich-Ranicki auch nur Entertainer bzw. Meta-Entertainer.
Ich erinnere auch gerne an die Vorgängerdebatten um Guildo Horn („Darf dieser Mann für D singen?“) und Helge Schneider („zu niveaulos für das d Fernsehen“).