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Jörg Friedrich


Trau keiner Wissenschaft

22. Oktober 2008 Kategorie: Philosophie |

„Wie die Gesetze der Physik lügen“ beschrieb Nancy Cartwright vor genau 25 Jahren. Ihre Kritik an Wissenschaften und wissenschaftlichen Theorien ist sicherlich nicht nur auf die Parade-Wissensachft Physik zu beziehen, vielmehr ist klar, dass eine grundlegende und umfassende Kritik an der wissenschaftlichsten aller Wissenschaften jeden Glauben an die Autorität der Wissenschaften mit in den Abgrund reißen würde.

Der Ruf der Wissenschaften und der Glaube an den Erfolg ihrer rationalen Methode scheint aber unerschütterlich. Noch vor wenigen Tagen hörte ich in einer Gesprächsrunde von Wissenschaftstheoretikern den Satz, dass der Erfolg der Wissenschaften unabweislich sei und nicht infrage stünde. Und diesem Satz wurde nich widersprochen.

Tatsächlich: der Wissenschaft gelingt es einerseits seit Jahrzehnten, den Eindruck zu verbereiten, jeglicher Erfolg in Technologie, Medizin und Lebensqualität beruhe auf ihrem Fortschritt und ihrer Methode.

Um das beurteilen zu können, müssen wir uns natürlich fragen, worin dieser Fortschritt und diese Methode besteht. Darüber aber besteht keineswegs Einigkeit.

Weit verbreitet ist es, die wissenschaftliche Methode mit einem Verfahren der Theoriebildung gleichzusetzen, wobei dann aus den Theorien Vorhersagen für Experimente oder Beobachtungen abgeleitet werden, die dann immer öfter und immer genauer bestätigt werden. Großartige Einzelfälle wie die allgemeine Relativitätstheorie oder exotische Spezialfälle wie die Elementarteilchentheorie werden dazu gern bemüht.

Wir müssen gar nicht hämisch auf den wegen einer kleinen Stromschwankung für Monate ausgefallenen Teilchenbschleuniger des CERN verweisen, wir müssen nur einmal den Blick von der schönen, beeindruckenden Physik weg auf die schnöde Welt der ökonomischen Theorien lenken um ernüchtert innezuhalten: Keine Theorie der Ökonomen hat sich bisher in der Praxis bestätigt, und Experimente, die auf welcher Theorie auch immer fußend durch Politiker in Gesellschaften gestartet wurden, sind über kurz oder lang alle gescheitert.

Aber erleben wir denn keinen Fortschritt, werden nicht immer mehr Krankheiten geheilt, Erfindungen gemacht, neue Technologien entwickelt?

Das ist natürlich nicht zu leugnen und der Wissenschaft ist es in der Tat gelungen, all diese Erfolge für sich zu reklamieren. Mit Recht?

Stellen wir uns einmal vor, es gäbe die moderne Wissenschaft der Theorien nicht. Es gäbe, wie vor Jahrhunderten, nur Handwerker, Mediziner und Ingenieure, die sorgsam und aufmerksam handeln, ausprobieren, experimentieren, aufzeichnen. Die keine Theorien und keine großen Entwürfe machen, sondern protokollieren, unter welchen Bedingungen sie welche Phänomene beobachtet haben und was sie tun mussten, um solche Ereignisse zu reproduzieren. Die immer achtsam verfolgen, was die Konsequenzen ihres Handelns sind. Keine kühnen Theorien, in die die Welt immer wieder gewaltsam hineingezwängt wird, bis eine neue Theorie auf mystische Weise alles neu erklärt und die alten gewissheiten beiseite fegt.

Wären wir mit dieser Methode weniger erfolgreich? Vielleicht gäbe es in der Tat einige spektakuläre Erkenntnisse weniger – aber vielleicht hätten wir auch einige schmerzhafte Verluste weniger zu beklagen, die wir uns mit allzu blindem Wissenschaftsglauben eingehandelt haben.


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7 Kommentare to “ Trau keiner Wissenschaft ”

  1. # 1 JochenEbmeier schreibt:

    Dazu werde ich mich morgen oder übermorgen auf der nächsten Windung meiner „Wendeltreppe“ vernehmen lassen! Vorab so viel: Wissen’schaft‘ – im Unterwschied zu allem möglichen, zufällig angefallenen Wissen des einer oder andern, ist ÖFFENTLICHES Wissen; nämlich solches, das der in Zeit und Raum unbegrenzten Prüfung all derer Stand gehalten hat, die sich an der Scientific community beteiligen. Das ist offenbar eine rein PRAGMATISCHE Definition. Aber die Einzige, die (ihrerseits) Stand hält.

  2. # 2 Jörg schreibt:

    Der Umfang des Wissens, das der Prüfung aller … standgehalten hat, ist sicher sehr gering, um es mal vorsichtig zu sagen. Man muss da sehr unterscheiden. In der Physik gibt es sicher einen gewissen Umfang von Theorien, die zwar inzwischen widerlegt sind, die aber sozusagen weiterhin zum Grundbestand gehören in dem Sinne, dass man sie zunächst mal an Universitäten lehrt. Das gilt, in abnehmendem Maße, auch für die anderen Naturwissenschaften. Für die Sozial- und Geisteswissenschaften aber gilt wwohl eher, dass Theorien immer durch neue, entgegengesetzte abgelöst werden und dass man sich an das, was man noch vor ein paar Jahren für Wissen hielt, lieber nicht mehr erinnern möchte. Und in der wissenschaftlichen Gemeinschaft werden vor allem Schlachten um die Vorherrschaft entgegengesetzter Paradigmen geschlagen, denen nichts standhält.

  3. # 3 Aki T. Arik schreibt:

    Hallo Jörg,
    den gleichen Gedanken, weniger die Wissenschaft allgemein, als all die selbsternannten Wirtschaft-“Fachleute“, Berater, etc. betreffend habe ich in letzter Zeit auch immer häufiger.

    Wissenschaft ist für mich die systematische, methodische und für andere nachvollziehbare, d.h. wiederhol- und überprüfbare Gewinnung von Erkenntnis. Warum die Ökonomie, mit ihren mehr durch Ideologie und Moden beeinflussten Theorien, sich Wissenschaft nennen darf, ist mir auch schleierhaft. Wahrscheinlich hat dies mehr mit dem angestrebten Renommee und Gehalt zu tun.

    Aber zurück zur Wissenschaft. Warum stört dich, dass „Theorien immer durch neue, entgegengesetzte abgelöst werden“? Ist das nicht genau das was wissenschaftliches Arbeiten gegenüber blindem Glauben auszeichnen sollte; das Annahmen immer wieder überprüft und gegebenfalls geändert werden? Aber ich stimme dir zu, dass wissenschaftliche Theorien immer mit einer gewissen Distanz behandelt werden und nicht in einen „blindem Wissenschaftsglauben“ umschlagen sollten. Denn das wäre dann Aberglaube und eben nicht mehr Wissenschaft.

  4. # 4 drbuffo schreibt:

    Dier Wissenschaften alle „Ingenieurswissenschaften“, ein methodistisch vorgehender Haufen mit mehr oder weniger Erfolg.

    Oft lassen die grundsätzliche Überlegungen, also die Philosophie, aussen vor und meinen die Wahrheit zu predigen. Politische Wissenschaftler wie Rahmstorff fallen mir da ein.

    Popper hat in den Zwanzigern dazu Grundsätzliches geschrieben als die klassische Physik scheiterte.

  5. # 5 people in motion schreibt:

    Du schreibst:

    „Keine kühnen Theorien, in die die Welt immer wieder gewaltsam hineingezwängt wird, bis eine neue Theorie auf mystische Weise alles neu erklärt und die alten gewissheiten beiseite fegt.“

    Ich habe persönlich eine gänzlich andere Erfahrung mit Wissenschaft gemacht. Eher rational aufeinander aufbauend und in der Gesamtheit erfasst ein zivilisatorischer Fortschritt von unschätzbarem Wert.

    Dein Artikel enthält viel Meinung, aber ist zum einen sehr unsystematisch und zum anderen wenig fundiert. Deine Thesen treffen zumindest in Teilen für die Wissenschaften zu, in dessen Zusammenhang du sie anbringst, betrachtet man allerdings andere Bereiche kann ich die nur widersprechen. Du schreibst zum Beispiel:

    „Keine Theorie der Ökonomen hat sich bisher in der Praxis bestätigt, und Experimente, die auf welcher Theorie auch immer fußend durch Politiker in Gesellschaften gestartet wurden, sind über kurz oder lang alle gescheitert.“

    Im Gegensatz dazu bewähren sich die Ergebnisse der Rechtswissenschaft, basierend auf gesellschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen, fortwährend. Keineswegs perfekt, aber doch funktionstüchtig.

    Ich verstehe überhaupt nicht woher dein Vorstellung kommt, dass die besonders kühnen Ideen solch überragende Wertschätzung im wissenschaftlichen Austausch genießen. Zum Beispiel in der Kriminologie wurden in den letzen 200 Jahren unter verschiedensten Gesichtspunkten Daten gesammelt, die, auch wenn sie manchmal gegensätzliche Ergebnisse liefern, doch eine Entwicklung hin zu einer besseren Gesamtauffassung fördern. Das sind keine kühnen Ideen, sondern vornehmlich Datensätze und dennoch von großer Bedeutung.

    Es bedurfte wissenschaftlicher Anstrengungen, um die Gesellschaft von den Vorteilen ausgewogener, humaner strafrechtlicher Konsequenzen gegenüber Erniedrigung, Folter und Mord zu überzeugen.

    Darüber hinaus halte ich es für sinnvoll zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu unterscheiden. Kurz gesagt wegen eines höheren Maßes und einer anderen Art an Relativität.

    „Die keine Theorien und keine großen Entwürfe machen, sondern protokollieren, unter welchen Bedingungen sie welche Phänomene beobachtet haben und was sie tun mussten, um solche Ereignisse zu reproduzieren. Die immer achtsam verfolgen, was die Konsequenzen ihres Handelns sind.“

    Ergänze die Weitergabe ihres Wissens und du hast Wissenschaft.

    Vielleicht musst du deine Kritik noch präzisieren, damit auch ich es nachvillziehen kann. Wenn es nur um ein paar arrogante Einzelpersonen geht, formulierst du zu allgemein.

    mfg

  6. # 6 drbuffo schreibt:

    Ich hatte Jörg so verstanden, dass er sich gegen „kühne Theorien“ gewendet und für den Methodismus plädiert hat. Die Rechtswissenschaften wird er möglicherweise gar nicht als Wissenschaften verstanden haben. :)
    Und – mal ganz ehrlich – die Wissenschaft funktioniert richtig nur in der Mathematik, also in einer eigenen Welt, ansonsten ist es ein Herumgestochere (also schwör und für den Ingenieur).

  7. # 7 Vogel schreibt:

    @ Jörg

    Keine Theorie der Ökonomen hat sich bisher in der Praxis bestätigt, und Experimente, die auf welcher Theorie auch immer fußend durch Politiker in Gesellschaften gestartet wurden, sind über kurz oder lang alle gescheitert.

    Ich glaub‘ hier wird’s deutlich: Es liegt an den Menschen! Nicht nur in der Wirtschaft/Wirtschafts-/Gesellschaftstheorie: In den Geisteswissenschaften und den Naturwissenschaften gleichermaßen – da prallen zwei Welten auf einander: Die Welt und der Mensch! Der Mensch weiß nur das, was er wissen will; sieht nur das, was er sehen will; hört nur das, was er hören will …

    Daher widerspreche ich allen Meinungen, die dahin gehen, man müsste ja nur systematisch …, tiefer …, seriöser …, unvoreingenommen … usw. forschen. Der Mensch in seiner Subjektivität und beladen mit Emotion (fast hätte ich noch geschrieben: und ohne Verstand – aber nein, so‘was schreib‘ ich nich) steht sich selbst und somit „seinen“ Wissenschaften im Weg. Das Wort von „Versuch und Irrtum“ muss ersetzt werden durch „Irrtum und Irrtum“. Schade für die „Krone der Schöpfung“, aber wenn’s doch so iss!

    Deshalb: Trau keiner Wissenschaft – lebe in Deiner Welt!

    Grüße
    Vogel

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