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Jörg Friedrich


Wegwerf-Architektur

21. Oktober 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Wer Steine geschickt zu einem Turm stapelt oder damit eine Brücke über einen Fluss schlägt, kann hoffen, dass sein Werk, solange es nicht mutwillig zerstört wird, noch in tausend Jahren unverändert an der Stelle steht, wo er es errichtet hat. Wir bewundern heute hunderte Jahre alte Bauwerke und schämen uns gleichzeitig der Bauten, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind und schon jetzt dem Verfall preisgegeben sind.

Das Phänomen Bauwerk ist vielschichtig und es gibt so viele Aspekte, die man daran bedenken kann, dass man kaum weiß, wo man anfangen soll.

Zunächst einmal: es kann sich vielleicht auch nur um eine Täuschung handeln. Die Bauwerke unserer Vorfahren, die ebenso schnell verfallen sind, wie die, die heute oft gebaut werden, um in 20 oder 30 jahren wieder der Abrissbirne zum Opfer zu fallen, sind einfach nicht mehr da. Vielleicht haben die alten Griechen und Römer genauso gebaut wie wir heutigen, und nur die paar Bauten die mehr oder weniger zufällig stabil genug waren, sind stehen geblieben.

Dazu kommt: Die Häuser und Brücken unserer Ahnen, die Kirchen und Dome, waren, allen Schnörkeln und Verzierungen zum Trotz, recht schlichte Gebäude: keine hochtechnische Wärmeisolierung, keine Haustechnik, kein Blitzschutz und keine brandhemmenden Werkstoffe. Was kurzfristig die Sicherheit und den Komfort erhöht, ist langfristig wartungs-aufwändig und anfällig für den Zahn der Zeit.

Daraus folgt ein weiterer Aspekt: Wer heute ein Haus baut kann fast sicher sein, dass es den Standards in ein paar Jahrzehnten nicht mehr genügen wird. Keiner wird da mehr einziehen oder sein Büro einrichten wollen. Warum also für die Ewigkeit bauen, was innerhalb einer Generation niemand mehr haben will?

Mit dieser Mentalität ändert sich jedoch unser ganzes Verhältnis zur Architektur, ändert sich letztlich unsere Kultur, unser Umgang mit dem, was die Generationen vor uns geschaffen haben und dem, was wir selbst denen, die nach uns kommen, hinterlassen. Bauwerke sind Zeichen ihrer Zeit, sie sind immer auch Denkmale der Kultur, in der sie entstanden sind, und sie sichern die Kontinuität der Kultur. 

Wenn keine Bauwerke von uns bleiben, bleibt auch keine sichtbare Erinnerung an unser Zeit. Schon heute kann man diesen Effekt beobachten: wir entsorgen die Bauwerke der 1950er und 1960er Jahre und tilgen damit auch die Erinnerung an diese Zeit. Sicher, es gibt andere Zeitzeugen der jüngeren Vergangenheit, wir haben Fotos und F ilme, die haben wir vom Mittelalter nicht. Man kann also auch sagen, dass wir die stummen Zeugen der Nachkriegszeit nicht mehr brauchen, im Gegensatz zu Bau- und Industriedenkmalen die mehr als 100 jahre alt sind, wo es doch aus den letzten Jahrzehnten so viele laute Zeugen gibt.

Aber ein Unterschied bleibt doch: die Dokumente, Fotos, Filme stehen nicht im Weg, sie drängen sich nicht auf. Wer durch eine Landschaft reist, sieht Kirchen und Schlösser vergangener Zeiten, er kann sie nicht übersehen, und damit kann er an den Gesellschaften, in denen sie entstanden sind, auch nicht vorbei sehen, man wird sie nicht vergessen können.

Uns aber wird man ignorieren und vergessen können: alles was bleibt, ist virtuell.


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/10/21/wegwerf-architektur/

5 Kommentare to “ Wegwerf-Architektur ”

  1. # 1 Fragezeichner schreibt:

    Interessantes Thema. Und ein unauflöslicher Konflikt: zwangsläufig verschwinden unsere Bauwerke und auch unsere kulturellen Errungenschaften. Das Neue muss das Alte verdrängen, damit es überhaupt eine Zukunft gibt. Und leider verlieren wir damit auch oft Erkenntnisse, die uns helfen, für die Gegenwart die richtigen Schlüsse zu ziehen.

    Nur weniges scheint (und kann notwendigerweise) unsterblich sein (Die Pyramiden, Bach, Michelangelo, Platon, …) – aber vielleicht stirbt es auch nur langsamer als der Rest? Und es wirft die Frage auf: sollten wir Bestimmtes schützen und vor dem Vergessen bewahren – was und wie lange?
    Eine unerschöpfliche Fundgrube an Fragen…

  2. # 2 drbuffo schreibt:

    Ist es nicht so, dass erst etliche Jahrzehnte oder Jahrhunderte verstreichen müssen und dass dann erst bestimmte Bauwerke – sollten sie dem zukünftigen Geschmack entsprechen – gewürdigt werden?

    Das gilt zumindest für viele Bauwerke, manche Bauwerke sind von Anfang an durch Größe oder Höhe oder Zweck Kulturgut.

    Der Denkmalschutz ist sehr aktiv. Es scheint keinen zusätzlichen Schutzbedarf zu geben.

    Zwischen Gebäuden und Software gibt es einen Zusammenhang, gibt es Software-Denkmalschutz?

  3. # 3 Menachem schreibt:

    Ich sehe da auch ganz viele Fragen, die der Beitrag an mich stellt. Und so ist dies auch nicht eine wirkliche Antwort, sondern mehr ein Versuch besser zu hören, was mir da gesagt werden will.
    Ich kann gut verstehen, das Neues immer wieder erschaffen werden will. Und ich kann auch gut verstehen, ist die erste Euphorie ersteinmal vorbei, dass man sich dessen schämt. Aufbau und Abriss.
    Aber warum etwas bleibendes hinterlassen? Was will sich in diesem Wunsch ausdrücken? Auch ich habe, glaube ich, schleichend viel erschaffen, was dem Vergessen trotzen soll. Auch meinen blog zähle ich teilweise dazu. Und auch mit dem ist so wie mit dem Gebäude, es braucht viel Unterhaltungsaufwand, ihm am leben zu erhalten. Und doch weiß ich auch genau, wird er nicht gepflegt, zerbröckelt er und wird alt, häßlich und verschwindet irgendwann in einer Systemreorganisation. Etwas bleibendes zu hinterlassen ist aufwendig, und ich frage mich, macht das Sinn? Ich tendiere zum Nein, auch, weil ich das Gefühl einer Überbewertung meiner Person darin sehe, die sich (noch) nicht damit abfinden kann, ein ganz normales, bedeutendes und unbedeutendes Rädchen im System des Ganzes zu sein.
    Da sind noch ein paar Dinge anzpacken bei mir, grundlegende.

  4. # 4 Jörg schreibt:

    @drbuffo: Software-Denkmalschutz: eine spannende Idee. Überhaupt, ab wann wird ein Industriegut zum Kulturgut, zum Industriedenkmal?

    @menachem: Das sind interessante Gedanken aber ich würde nicht gern das persönliche Bedürfnis, etwas zu hinterlassen, was bleibt, mit der Frage, ob Bauwerke einer Zeit erhaltenswert sind und ob sich die Kultur verändert, wenn Architektur aus einer bestimmten Zeit nicht „im Weg herumsteht“ in einem Zusammenhang betrachten.

    Der persönliche Wunsch, einen Baum zu pflanzen, ein Buch zu schreiben, einen Sohn zu zeugen hat sicherlich mit der persönlichen Eitelkeit zu tun (die mir nicht fremd ist) und mit der Unfähigkeit, die eigene Endlichkeit zu begreifen.

    Es mag sein, dass Könige und Architekten aus diesem Grunde auch Architektur in die Welt gesetzt haben. Trotzdem spielen sie in der Kultur eine andere Rolle: Sie sind unübersehbare Zeugen ihrer Zeit. Unsere Zeit wird man vielleicht einmal übersehen können.

    In den USA gibt es kein Gebäude, das älter ist als 200 oder 300 Jahre. Prägt das nicht eine Kultur?

  5. # 5 Vogel schreibt:

    @ Jörg

    In den USA gibt es kein Gebäude, das älter ist als 200 oder 300 Jahre. Prägt das nicht eine Kultur?

    Wahrscheinlich schon! Und wir sind auch auf dem besten Weg!
    Mit: „Etwas hinterlassen wollen“ hat das mE wenig zu tun, man hat halt die Baumaterialien genommen, die am leichtesten zugänglich und handhabbar waren. War das Stein (auch Backstein – da haben z. B. die Römer einiges geleistet –, auch die Höhle, Höhlenwohnung) dann können wir das tlw. noch heute bewundern, war das Stroh, Lehm oder Holz: Weniger oder garnicht mehr.
    Hätten bspw. die Römer damals schon Ytong und (PU-)Bauschaum gekannt, was wäre da noch über?
    Trotzdem: Dein Artikel regt zum Nachdenken an. Danke!

    Beste Grüße
    Vogel

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