Leben ohne „Work-Life-Balance“
„Work-Life-Balance“: ein Modewort der Ratgeberindustrie und ein Bild, an dem so ziemlich alles falsch ist. Was sehen wir denn vor unserem geistigen Auge, wenn wir uns dieses Schlagwort mal ins Deutsche übersetzen? Man sieht sich selbst, oben auf einem Drahtseil, mit zittrigen Knien, angespannt und konzentriert, die schwere Balancierstange in den schweißnassen Händen. Und an dieser Balancierstange baumelt auf der einen Seite das Leben, zappelt ängstlich und nervös, während auf der anderen Seite die Arbeit spöttisch, provokativ und gemein herumturnt.
Und wenn man die Balance nicht halten kann, fällt man, stürzt man ab, schlägt man hart auf dem Boden auf.
Die Transformation ins Englische soll vielleicht zweierlei bewirken: Einerseits gibt sie dem Ganzen einen modischen Beigeschmack, das gab’s nicht schon immer, das ist mit unserer neuen Zeit, mit der Globalisierung verbunden, andererseits verweist es wohl auf die angenommene Herkunft des Phänomens, es kommt aus Amerika, wo man immer schon viel weiter ist, und was von da kommt, kommt unweigerlich auch hierher, sowohl als Problem, als auch als Lösung.
Das Bild behauptet eine Zweiteilung, beschreibt einen Gegensatz von zwei Polen, die sich gegenüberstehen, die unversönlich sind, die miteinander um eine Vorherrschaft streiten und die man höchstes gegeneinander ausbalancieren kann. Und wie man das macht, das wollen uns die Ratgeber und Gurus verraten.
Dabei gibt es diesen Gegensatz gar nicht, die Ratgeber selbst haben ihn erfunden. Jeder weiß, dass es eine Unzahl von Aspekten im Leben gibt, die sich ineinander verschränken, sich gegenseitig unterstützen oder behindern. Leben ist die Summe aus diesen Widersprüchen und Verzwickungen.
Was ist überhaupt „Arbeit“ womit fängt sie an, wo hört sie auf? Steckt nicht der Fehler genau da, wo ich die Arbeit vom Rest des Lebens abschneide und fortan jede meiner Regungen dem „Leben“ oder der „Arbeit“ zuordne. Dann versuche ich, während der Freizeit nicht an die Arbeit zu denken und während der Arbeit ärgere ich mich, dass ich nicht an den Urlaub denken soll?
Was für ein Unsinn. Glücklich kann man doch nur sein, wenn alle Aspekte des Lebens eine möglichst enge Symbiose eingehen, wenn sie sich nicht voneinander trennen lassen. Dann ist Arbeit nur eine andere Art der freizeit, bei der ich mich vom Kochen, Saubermachen, Fernsehen und Wandern erhole.
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am 16. Oktober 2008 um 16:05
Du hast lediglich unter der Prämisse recht, dass die Arbeit, für die jemand bezahlt wird, auch eine ist, die ihm Spass macht oder ihn erfüllt. Das ist wahrscheinlich leider eher die Ausnahme. Meist stehen sich in der Tat unversöhnliche Pole gegenüber.
Ein Gleichgewicht zu finden zwischen verschiedenen Tätigkeiten, Abstand gewinnen zur eigenen Arbeit, ist aber auch für Menschen nützlich, die darin aufgehen, um neue Eindrücke zu gewinnen, Kraft und Energie zu tanken, andere Menschen zu sprechen, sich inspirieren lassen, anderen Ideen nachzugehen, die die bezahlte Arbeit befruchten kann.
am 17. Oktober 2008 um 09:14
Die Ratgeberliteratur wendet sich vor allem an Leute, die sich stark im Beruf engagieren, und die wahrscheinlich auch sagen werden, dass ihnen der Beruf Spaß macht. Leute,die von sich sagen, dass sie ihre Arbeit nur notgedrungen und nur zum Geldverdienen verrichten,hab ich noch nie mit einem Work-Life-Balance-Guru-Buch gesehen.
Aber ich glaube, dass du ohnehin Unrecht hast.Natürlich jammert jeder über das Leid auf Arbeit, aber wenn du genau hinsiehst, freuen sich die meisten über das, was sie da tun,finden eswichtig und sind auch stolz drauf, egal, ob sie Verkäuferin, Landschaftsgärtner, Programmierer oder Professorin sind.
Und wie gesagt: Diese unversönlichen Pole gibt es nur in unserer Einbildung,die werden uns,von ganz unterschiedlicher Seite mit ganz verschiedenen Interessen, eingeredet. Wenn wir dieses Bild aus unserem Kopf bekommen, haben wir Work-Life-Balance genauso wenig nötig wie Gewerkschaften und Psycho-Gurus.
am 17. Oktober 2008 um 10:29
Über Prämissen lässt sich natürlich schlecht streiten. Aber für mich kann ich sagen, dass ich schon in Situationen war, wo ich sehr unzufrieden mit meiner Situation am Arbeitsplatz war und die tägliche Routine als Qual empfand. Und das habe ich mir nicht nur eingebildet. Es gab auch Phasen, wo ich begeistert bei der Sache war und bis spät in die Nacht arbeitete, bis ich merkte, dass weniger arbeiten, mehr Abstand, mehr Zeit für die Familie mich produktiver macht (brauchte für diese Erkenntnis allerdings keinen Ratgeber).
Es liegt mir fern, jetzt Ratgeberliteratur zu verteidigen. Aber die Tatsache, dass sie so erfolgreich ist, ist doch ein Zeichen, dass sie auf ein Bedürfnis trifft. Auch wenn es manchmal ausreicht, einen eigenen vagen Gedanken mal schön formuliert in einem Buch zu lesen oder Geschichten zu hören von Menschen, die in ähnlichen Situationen waren.
am 22. Oktober 2008 um 12:53
offtopic aber ich hab keine generelle Kontaktfunktion gefunden, deshalb hier:
In deiner Sidebar steht, dass hier alles unter CC-Lizenz steht. Unten drunter steht „(C) all rights reserved“. Das ist etwas verwirrend. Üblicherweise verwendet man „(CC) some rights reserved“ oder etwas ähnliches.
am 22. Oktober 2008 um 17:44
Hallo Benni, danke für den Hinweis, das „All Rights reserved“ kommt vom verwendeten Theme, da habe ich noch nie hingesehen. Wird gleich geändert.
am 29. Oktober 2008 um 21:37
Hi Jörg,
ich stimme Dir zu: Beruf(-ung)/Arbeit vs. Leben – alles iss miteinander verschränkt. Das hat mE nix mit Balance zu tun sondern mehr mit Transparenz und Ehrlichkeit!
Beste Grüße
Vogel