Marcel Reich-Ranickis Missverständnis
Marcel Reich-Ranicki hat Kritik am deutschen Fernsehen geübt. Kaum jemandem dürfte das entgangen sein. Aber was genau hat er kritisiert? Da seine Worte sehr spontan formuliert waren, hat er eher eine Reihe von Attributen gewählt und ein paar Beispiele aufgeführt, um seine Kritik deutlich zu machen, darin muss man nach dem Kern seir Empörung suchen. So auch in einem später der FAZ gegebenen Interview.
Köche stören ihn. Was dagegen bei arte gesendet wird, ist „beachtlich“, früher auch die Sendungen bei 3Sat, aber die sind nun auch „flach“, und fast alles andere ist „erbärmlich“ und „grauenfhaft“, es fehlt „Niveau“ und „Qualität“.
Köche, kein Zeichen für Qualität?
Um Qualität geht es also. Aber was ist Qualität. Zunächst mal scheint es etwas zu sein, was ein „Niveau“ hat, Qualität kann „beachtlich“ oder „grauenhaft“ sein. Aber woran wird das beurteilt? Wenn es eine ganz subjektive Sache wäre, wie der Geschmack (wobei auch der nicht unbedingt eine nur persönlich-subjektive Sache ist) dann könnte kaum eine solche Diskussion über die Frage ausbrechen, ob der alte Kritiker nun recht hatte oder nicht, und ob er das Recht hatte, so zu formulieren, wie er es tat.
Schließlich hat der Beinahe-Preisträger seine Ablehnung der aktuellen deutschen Fernsehwelt mit dem Anspruch der allgemeinen Gültigkeit vorgetragen, er muss also der Meinung sein, dass er über einen ganz allgemeinen, objektiv richtigen Bewertungs-maßstab für Qualität verfügt. Und genau hier liegt sein Missverständnis.
Wie versenden wir das Wort „Qualität“? Was ist seine allgemeine Bedeutung. Wann sagen wir, etwas habe hohe Qualität? Wenn wir von Autos, Taschenmessern, Bohrmaschinen sprechen, dann meinen wir, dass es hohe Qualität hat, wenn es seinen erwarteten Funktionen nach gut und dauerhaft funktioniert. Wenn ein Taschenmesser gut schneidet und dabei nicht schnell abnutzt, wenn noch dazu der Klappmechanismus dauerhaft und zuverlässig arbeitet, dann sagen wir, dieses Messer hat eine hohe Qualität.
Ist dieser Begriff auf Fernsehsendungen anwendbar? Das können wir nur dann bestätigen, wenn wir der Fernsehsendung einen „erwarteten Nutzen“ bescheinigen. Eine regelmäßige Fernseh-Show z.B. soll unterhalten, und das auf eine erwartete Weise immer wieder. „Wetten dass…?“ soll nicht dadurch immer wieder unterhaltend sein, dass jedes Mal ein neues Sendekonzept definiert wird, sondern dadurch, dass es auf die gleiche Weise immer wieder witzig oder spannend ist. Das gelingt durch Routine und Professionalität, genau wie beim Schweizer Taschenmesser.
Ähnlich ist es bei Dokumentationen. Der Nutzen besteht in Information und Unterhaltung. Auch hier werden, um Qualität zu produzieren, Routine, Fleiß und Professionalität benötigt. Auch Koch-Sendungen sind auf diese Weise unterhaltsam, nützlich und professionell.
Worin aber besteht der „Nutzen“ der Sendungen bei arte, die unser Meisterkritiker „beachtlich“ findet? Wahrscheinlich würde er den Begriff vom „Nutzen“, wie er hier skizziert wurde, für diese Sendungen ablehnen – sehr zu Recht. Deshalb ist der Begriff der Qualität, den er hier verwendet hat, mit all den wertenden Attributen, auch ungeeignet, um über das deutsche Fernsehen zu urteilen. Er hat Recht, wenn er sagt, er gehöre nicht in die Reihe derer, die am Samstag ausgezeichnet wurden. Aber er gehört auch nicht in ihr Publikum. Er, dessen Beruf es ist, alles zu beurteilen, kann sich hier gar kein Urteil erlauben.
Die, die ihn unterstützen, werden mit denen, die sich zu Unrecht angegriffen fühlen, nie einigen können – sie können einander nicht einmal verstehen. Denn sie verwenden zwar die gleichen Worte, aber sie haben nicht die gleichen Begriffe.
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am 14. Oktober 2008 um 21:41
RR ist schon immer ein Besserwisser, der es nicht ertragen kann, wenn er nicht immer im Mittelpunkt steht und nur einer unter vielen zu sein, stört sein Ego und die Heidenreich plappert nach.
am 15. Oktober 2008 um 07:06
Grad vorhin hab ich Karasek im Radio gehört. Der versuchte es wie folgt zu erklären: „Da muss ideser alte Mann über drei Stunden sitzen. Dann tritt auch noch Atze Schröder auf. Das war für ihn nicht zu verkraften“
am 15. Oktober 2008 um 09:32
Ich bin mir fast sicher, das MRR seinen Auftritt bereut. Das Fernsehen ist ihm doch gar nicht wichtig genug, um sich damit und dessen Qualität kritisch auseinanderzusetzen. Er scheint Thomas Gottschalk zu mögen und war in seiner Eitelkeit berührt, dass er da einen Preis für sein Lebenswerk kriegen sollte, und irgendwann ist ihm gedämmert, wo er da eigentlich gelandet ist. Karasek hat das sehr treffend beschrieben. Er sollte deshalb konsequenterweise auch diese Diskussionssendung über die Qualität des Fernsehens absagen, denn damit reitet er sich nur noch tiefer in den Sumpf. Er sollte sagen: „Leute, vergesst meinen Auftritt, jeder ist mal schlecht drauf – lasst mich einfach in Ruhe mit eurem Kram. Das ist nicht mein Ding.“
am 15. Oktober 2008 um 20:36
Dass er es bereut, glaube ich nicht, und dass er eine Gelegenheit auslässt, Kritik zu üben, glaub ich auch nicht. Ich glaube auch nicht, dass so ein Mensch ein Missverständnis als solches erkennt und eingesteht.
am 18. Oktober 2008 um 12:55
Jörg, nach Betrachten des Gesprächs zwischen MRR und Gottschalk am Freitag abend muss ich dir zu 100% Recht geben. Schuster, bleibt bei deinen Leisten…
am 29. Oktober 2008 um 21:29
@ Jörg
Das ist natürlich das Problem: Zwei völlig unterschiedliche Welten, Sprachen, Verständnisse … prallen aufeinander. Ich bin mit MRR, egal wie er’s gebracht hat, was seine Motive sind/waren. Mit seiner „Qualitätskritik“ – unbeschadet des persönlichen Anspruchs, den er da erhebt – kann ich ‚was anfangen, komm‘ ich klar, bin ich eins mit ihm! Ich leide wie ein Hund an den Folgen dessen, was uns einmal als „geistig moralische Wende“ verkauft worden ist!
Dass sich Else Stratmann total vergaloppiert hat, dat iss halt‘ so, dat kann man noch nich ‚mal kommentieren. Hoffentlich findet sich ein besserer Nachfolger – das Motto: „Weniger essen – mehr lesen!“ iss mE unüberbietbar gut!
Beste Grüße
Vogel
am 30. Oktober 2008 um 13:01
Hallo Vogel,
erstmal: schön, dass du dich wieder einmal in meinem Blog umschaust und deine anregenden Kommentare hinterlässt. Ich hatte dich schon vermisst, darf mich aber nicht beschweren, weil es hier ja auch lange ruhig war.
Was meinst du mit den „geistig-moralischer Wende“ und warum hat das mit der ualität des Fernsehens zu tun?
am 30. Oktober 2008 um 14:25
Grüß Gott Jörg,
ich bin öfter als Du meinst auf Deinem Blog, gucke immer nach, was Du da wieder für Riesenthemen in wenigen Sätzen behandelst, in meinen Augen unnachahmlich – nur: Du schreibst sehr häufig so, dass halt alles gesagt ist!! Da gibt’s dann keinen Ansatz/Grund/Motiv mehr für ’nen Kommentar.
Zu Deiner Frage: Du erinnerst Dich an den „Großen Schwarzen“? Falls nich: Helmut Kohl! Er hat uns im Rahmen und als Folge seiner damals ausgrufenen Politik der „geistig moralischen Wende“ das – oder besser: den Anfang dessen – beschert was wir heute unter Privatfernsehen und allgemeiner Boulevardisierung des Fernsehens und der Medien beklagen. Sicher, da iss einiges zusammengefallen und wäre auch ohne den Dicken gekommen; trotzdem: Ich sehe den Beginn der Entwicklung in den frühen achtzigern, also in der „Vor_Internet_Zeit“, und fasse das, für mich, unter diesem Rubrum zusammen – und dabei bleibe ich!
Beste Grüße
Vogel