Die Ratlosigkeit
Es ist fast zwanzig Jahre her, es war kurz nach der Wende, da fand die ostdeutsche Rockgruppe „Rockhaus“ passende Worte für die Ratlosigkeit, die den Menschen trifft, wenn er feststellt, dass all die Dinge, an die er geglaubt hat, nicht stimmen:
Es gibt keine Prinzen mehr
auch nicht bei der Feuerwehr
Ist das Land der Träume wirklich abgebrannt?
Heute scheint es – angesichts der Probleme der Finanzwelt – vielen wieder so zu gehen. Ratlosigkeit macht sich unter denen, die Vertrauen in die Marktwirtschaft hatten und die den Neo-Liberalismus, den Unkenrufen der Linken zum Trotz, in den letzten Monaten immer wieder verteidigt haben, breit. Haben diejenigen recht, die schon immer dem Markt misstrauten, ist das Vetrauen in den Markt vielleicht ein riesiger und zudem gefährlicher Irrtum?
Yachthafen in Warnemünde: Fehlinvestition des Neoliberalismus?
Ratlosigkeit ist manchmal ein guter Ratgeber. Sie zwingt einen, innezuhalten und den Weg, auf dem man sich befand, zu überdenken. Vor allem die Gründe, die Rechtfertigungen des eingeschlagenen Wegs stehen zur Disposition. Soll man dann die Bücher, denen man seit langem vertraute, verbrennen, oder lieber noch einmal in ihnen nachlesen? Vielleicht hat man ja einiges im Laufe der Zeit vergessen, oder nicht mehr richtig in Erinnerung?
Popper z.B. hat in seinem Klassiker „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das Konzept der Sozialtechnik der kleinen Schritte und kleinen staatlischen Eingriffe entwickelt. Seine Idee war, dass die Regierungen kleine, vorsichtige Eingriffe in die Regeln des Marktes vornehmen und die Konsequenzen, die Reaktionen der Marktteilnehmer beobachten. Werden sie sich so verhalten, dass die Vorteile der Marktwirtschaft sich zum Nutzen der Gemeinschaft entfalten, dass der Eigennutz der Menschen sich zum Vorteil aller kanalisieren lässt?
Darauf sollten die Politiker ihre Arbeit richten. Niemand kann wirklich vorhersagen, wie Menschen auf neue Regeln reagieren. Um anzunehmen, dass die meisten versuchen werden, die Regeln zu ihren Gunsten zu nutzen, ist sicher keine besondere Hellsichtigkeit nötig. Es ist übrigens die Grundannahme aller neoliberalen Ökonomen.
Kleine Eingriffe, um das Verhalten der Menschen so zu beeinflussen, dass sie ihren Eigennutz zum Gunsten der Geneinschaft einsetzen, das ist aber nur der erste Schritt. Beobachten, was die Menschen dann wirklich tun, und die Regeln dann entsprechend korrigieren, das ist der zweite Schritt.
Ratlosigkeit bekämpft man, indem man sich Rat holt. Und indem man sich die Welt genau ansieht. Und nicht, indem man nun einfach denen hinterherläuft, die es schon immer besser zu wissen meinten.
Wenn wir nicht aufpassen
Haben sie uns bald soweit
Dann vergessen wir unsre Fragen
Und glauben alles, was sie sagen
sang Rockhaus damals. Das war die Zeit, als uns allen klar wurde, dass staatliche Planwirtschaften immer nur den Mangel verwaltetet, und dass sie am Schluss Pleite gegangen sind. Das kann man von Marktwirtschaften bisher nicht sagen. Steht ihre Pleite bevor? Wohl kaum. Wenn Banken Pleite machen, ist das sicher eine Herausforderung für die Gemeinschaft, aber nicht das Ende eines Wirtachaftskonzepts.
Wo ist das Geld geblieben, fragen viele, und das Wort von den Gewinnen, die privatisiert, und den Verlusten, die sozialisiert werden, hat Konjunktur. Auch hier nützt es sicherlich, genau hinzusehen.
Alles begann damit, dass Häuslebauer ihre Kredite nicht zurückzahlen konnten. Von den Krediten hatten sie Bauunternehmen bezahlt, diese hatten ihre Mitarbeiter und Lieferanten bezahlt. Die Gewinne sind also keinesfalls privatisiert worden, sie sind breit in die Gesellschaft verteilt worden.
Mit anderen Worten: Alle haben von den Krediten profitiert.
Das soll nicht heißen, dass die Vergabe von Krediten zum Anheizen der Konjunktur eine gute Idee war. Vor allem war es sicherlich keine gute Idee, nicht zu beobachten, wie die Menschen mit den Krediten umgehen und mit der Tatsache, dass mancher seine Kredite nicht bedienen konnte. Dass sich ein Markt für den Handel mit solchen Krediten entwickeln würde, auf den sich dann die Spekulanten stürzen.
Wenn man sich also die Welt genau ansieht und die alten Bücher der wirklichen Neoliberalen ansieht, kommt man zu einem erstaunlichen Ergebnis: Nicht der Neoliberalismus ist das Problem, sondern dass die Politik seine Einsichten vergessen hat. Die Ratlosigkeit verfliegt.
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am 13. Oktober 2008 um 07:06
Dein Text erinnert mich daran, dass ich vor einiger Zeit eine kleine Verteidigung der wahren neoliberalen Ideen schreiben wollte – es aber unterließ, mich vermutlich sinnlos daran abzuarbeiten. In allen politischen Lagern scheint Neoliberalismus zum Schimpfwort verkommen zu sein, diese desinformierende Konsenssauce ist so mehlig, da schaut keiner mehr genau hin, was die Begründer einst wirklich sagten. Richtiges ist oft schwer vermittelbar. Kaum wählbar.
am 29. Oktober 2008 um 21:09
Hi Jörg,
ja man muss in diesen Zeiten sprach(rat)los sein: Staat oder Privat – Pest oder Cholera!
2002 wurde der Wirtschaftsnobelpreis an Kahneman & Smith vergeben. Ich erinnerne mich noch im Auto im Radio einen Kommentar unter dem Titel „Der homo oeconomicus [der rational nach Nutzenargumenten abwägende Mensch] ist tod!“ gehört zu haben.
Daran scheitern alle -ismen: Am Menschen! Überbleibt (für mich) ‚mal wieder die Bestätigung: Hobbes hatte recht!
Beste Grüße
Vogel