Jörg Friedrich


Der erkenntnistheoretische Existenzbegriff

02. September 2008 Kategorie: Philosophie |

Erkenntnistheoretische und insbesondere wissenschaftstheoretische Fragestellungen kreisen oft um das Problem, ob die Gegenstände der Erkenntnis tatsächlich existieren oder ob es sich nur um Hilfskonstruktionen des Geistes handelt, die es dem Menschen gestatten, mit der Welt, in der er lebt, wenigstens auf Zeit und in den meisten Fällen zurecht zu kommen.

Es ist die Frage nach der Existenz der Entitäten, die in Theorien enthalten sind, wobei der Begriff der Theorie hier zunächst so weit gefasst werden soll, dass er jegliche Aussagesysteme von Menschen über Abläufe in der Welt umfasst. Eine Theorie kann also sowohl das System von Vermutungen und verallgemeinerten Erfahrungen sein, aus dem ich die mögliche Reaktion der jungen Frau, die mir gerade im Zug gegenübersitzt, auf ein Lächeln oder einen Satz, das Wetter betreffend, ableite, wie auch die mathematischen Gleichungssysteme der Meteorologen, die die Entwicklung eben dieses Wetters vorherzusagen gestatten als auch die Annahmen und Grundsätze der Psychologen, die das Verhalten der jungen Frau vielleicht nicht vorhersagen, aber doch erklären können.

Diese Frage kann unterschiedlich gestellt werden, und die Begriffe, die in ihr auftauchen, können in verschiedenen Bedeutungen verwendet werden. Um sie beantworten zu können, müssen also zunächst die Begriffe geklärt, die verschiedenen Varianten der Frage gegeneinander abgegrenzt oder aufeinander zurück geführt werden. Aber darüber hinaus müssen auch die verschiedenen Handlungssituationen, in denen dazu kommen kann, dass nach der Beantwortung der genannten Frage gesucht, in denen sie überhaupt gestellt wird, untersucht werden.

Es ist die Frage „Wer fragt?“ die in den bisherigen Debatten um die Existenz theoretischer Entitäten weitgehend unberücksichtigt geblieben ist, eine Frage, die weitere Fragen provoziert: „Wer antwortet?“ und „Wer erkennt die Frage an?“ Die analytische Tradition der Philosophie, die die Wissenschaftstheorie seit dem Wiener Kreis und Karl Poppers „Logik der Forschung“ sicherlich als ihre ureigenste Domäne ansieht, hat sich um die Handlungssituation des konkreten Menschen, der sich die Frage nach der Existenz eines Gegenstandes theoretischer Erörterungen stellt, immer wenig Gedanken gemacht. Der Mensch in der analytischen Erkenntnistheorie ein interesseloser Beobachter, der für seine Beobachtungen Begriffe verwendet, deren Bedeutung analysiert werden kann.

Der Mensch, der die Frage nach der Existenz theoretischer Entitäten stellt, ist jedoch ein anderer. Ein Beispiel:

Wenn der analytisch geschulte Erkenntnistheoretiker, der vielleicht in seiner Jugend einige Semester Meteorologie studiert hat, am Morgen im Radio vernimmt, dass am Nachmittag eine Kaltfront über das Land ziehen wird, mag er sich im Stillen denken, dass diese „Front“ nur eine theoretische Konstruktion der Frontentheorie der Synoptik aus den 1940er Jahren ist, die den Meteorologen dazu dient, das Eintreffen gewisser Wettererscheinungen vorherzusagen. Wenn er dann am frühen Nachmittag einen Blick auf die Radarbilder einer Wetter-Webseite wirft und dort eine lang gezogene graue Fläche über der Landkarte der Bundesrepublik sieht, die in ihrem Zentrum blau oder violett gefärbt ist, dann wird er sagen: „Da kommt die Front“ und wenn er dann vors Haus tritt, spürt, wie der Wind zunimmt, vom Regen durchnässt wird und zu frieren beginnt, dann wird er denken „Das hier ist die Front von der heute Morgen im Radio gesprochen wurde.

Die Frage, ob wir theoretischen Entitäten reale Existenz zuschreiben, hängt also von der Situation ab, in der uns die Frage dieser Existenz gestellt wird. Das gilt nicht nur, wenn man außerwissenschaftliche, vorwissenschaftliche und wissenschaftliche Erkenntnissituationen gemeinsam betrachtet, das gilt, wie zu zeigen sein wird, auch für (zunächst) rein wissenschaftliche Erkenntnissituationen.

Natürlich verwendet die Person, die sich im obigen Beispiel mit dem Wettergeschehen beschäftigt, in den unterschiedlichen Situationen unbewusst unterschiedliche Konzepte von Existenz. Das wird genauer zu untersuchen sein. Aber sie befindet sich auch in unterschiedlichen Erkenntnissituationen, sie hat unterschiedliche Interessen. Auch das ist zu berücksichtigen.

Während für die Analyse der Bedeutungen bei der Verwendung des Begriffes der Existenz sowohl bedeutende methodische Ansätze der analytischen Philosophie zur Verfügung stehen als auch konkrete Arbeiten von Erkenntistheoretikern, die in dieser Tradition stehen, zu rate gezogen werden können, muss Hilfe bei der Analyse von Handlungs- und Erkenntnissituationen konkreter Menschen bei Philosophen gesucht werden, die in der Tradition der Phänomenologie stehen oder dort im weitesten Sinne ihre Wurzeln haben. Dies bringt zunächst einen weiteren Existenz-Begriff ins Spiel, der jedoch nichts mit der Existenz theoretischer Entitäten zu tun zu haben scheint, sondern die Existenz (das „Sein“ oder „Dasein“) des Menschen selbst betrifft. Allerdings kann die Tatsache, dass ein Wort ganz selbstverständlich in so unterschiedlichen Sprechsituationen Verwendung findet, nicht unbeachtet bleiben. Zumal die hier betrachtete Frage auch „phänomenologisch“ (im Sinne Heideggers) formuliert werden kann: „Ist eine theoretische Entität ein Seiendes?“ oder „Wie ist das Sein theoretischer Entitäten zu fassen?“

Es wird also sinnvoll sein, das Konzept von Existenz der phänomenologischen Tradition wenigstens in seinen Grundzügen und in seiner Methodik in die Betrachtung einzubeziehen. Wenn man damit bei Heidegger beginnt, trifft man schnell auf die Unterscheidung von „Vorhandenem“ und „Zuhandenem“. Schon an dieser Stelle muss man sich dann fragen, ob wir die theoretischen Entitäten, wenn wir nach ihrer Existenz fragen, als „zuhanden“ oder nur als „vorhanden“ auffassen. Zunächst scheint die analytische Tradition, da sie den Menschen in seiner Erkenntnissituation außen vor lässt, nur an der Existenz der theoretischen Entitäten im Modus der „vorhandenen“ interessiert zu sein. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, wenn man, Heidegger im Sinn, einmal annimmt, dass uns auch die theoretischen Entitäten zunächst als „Zuhandenes“ begegnen?


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12 Kommentare to “ Der erkenntnistheoretische Existenzbegriff ”

  1. # 1 Dangerous Beans schreibt:

    Habe zwei Fragen entdeckt im Text, beide befassen sich mit theoretischen Entitäten und deren Beschaffenheit.
    Hier würde ich gerne ein wenig Systemtheorie einführen. Es gibt statische (erdachte) und (erdachte und) betriebene Systeme, Betriebenes ist „lebendig“.
    Wenn ein System betrieben wird, ist von Leben zu sprechen, theoretische Entitäten werden nicht betrieben.

  2. # 2 Holger Suhr schreibt:

    Spätestens, wenn sich die Außenwelt in der Zeit so entwickelt, wie ich es in der Theorie vorhergesagt habe, gehe ich von einer real existierenden Außenwelt aus.

    Wenn ich die Beobachtbarkeit und die zeitliche Entwicklung auch in Frage stelle, gehe ich davon aus, nicht zu existieren, sondern Teil eines virtuellen Adventuregames zu sein.

    Holger

  3. # 3 Dangerous Beans schreibt:

    Die Welt ist ein „virtuelles Adventuregame“. Vielleicht erklärt der Meister (Jörg in diesem Fall) ja einmal seine genaue Anforderungslage?!

  4. # 4 Dangerous Beans schreibt:

    _Heidegger_ aber bitte nicht voraus setzen…

  5. # 5 Jörg schreibt:

    Die Existenz einer Außenwelt wird nicht in frage gestellt, wenn die Existenz theoretischer Entitäten infrage gestellt wird.

    So ist z.B. das „ideale Gas“ eine theoretische Entität. mit dessen Hilfe ich temperaturmessungen und Druckmessungen recht gut vorhersagen kann, auch wenn ich weiß, dass Gase kein Kontinuum sind sondern eher aus vielen Molekülen bestehen. Auch „Molekül“ ist aber eine theoretische Entität usw. Ich kann also auch annehmen, dass es zwar eine Außenwelt gibt, meine Theorien aber nicht diese beschreiben sondern nur Hilfskonstruktionen sind, mit deren Hilfe ich (auf misteriöse Weise) Messungen vorhersagen kann.

  6. # 6 Dangerous Beans schreibt:

    Mal ganz laienhaft ein paar Beobachtungen:
    Die Frage nach der Existenz einer Sache ist stark verwoben mit der Wahrheitsfrage. Ist etwas wahr, existiert es. So gesehen könnten auch theoretische Entitäten existieren.
    Popper hat nicht ohne Grund das Falsifikationsprinzip als richtungsweisend für die Erkenntnislehren, bspw. die Naturwissenschafen, erkannt bzw. genannt.
    Die Verifikation gibt nur ein „Etwas ist.“ her, alles andere bleibt Spekulation.
    Andere Kulturen haben andere Wahrheitsbegriffe und andere Existenzanforderungen, unsere Kultur ist sehr erfolgreich, hat also in gewisser Weise recht.
    Wer die Existenz aber als „Aus sich heraus bestehen“ versteht wird mit dem Existenzbegriff nicht weit kommen, oder?

  7. # 7 Holger Suhr schreibt:

    Das einzige Individuum, das sich bekanntermaßen Gedanken über Existenz irgendwelcher Entitäten machen kann ist der Mensch.
    Jede ‚Prüfung‘ kann ausschließlich mit den ihm eigenen Sinnesorganen vorgenommen werden.

    Nun kann ich natürlich beginnen und jeden Sinneseindruck, sei er direkt oder mittels Druckmessungen von Molekülen der idealen Gase, in Frage stellen.
    Da ich (wir Menschen) keine objektive (wirklich wissende) Instanz kennen, gelangen wir durch das Infragestellen allen dessen was wir wahrnehmen zu exakt garnichts.

    Nichtmal ‚Etwas ist‘ ließe sich zweifelsfrei beweisen, da auch ich bzw. mein Bewusstsein reine Fiktion oder Bestandteil des Adventuregames sein können.

    Holger

  8. # 8 Dangerous Beans schreibt:

    Darauf, dass sich „Etwas ist.“ selbst beweist, muss ich aber doch bestehen.
    Es lässt sich auch beweisen, dass dieses Etwas sich ändert, also dynamisch ist, also betrieben wird, also es einen Betreiber gibt. (Von dem wir wiederum wissen, dass es nicht Sokrates [1] ist, denn der weiss ja nichts.)

    Ihr habt zu wenig Phantasie und meint, dass nur der Mensch Entitäten erkennt, mein Kater bspw. würde hier vermutlich widersprechen.

    Die „theoretischen Entitäten“, also bspw. mathematische Modelle, die uns erlauben erfolgreich unsere Welt zu bearbeiten, werden von uns betrieben. Warum sollen die nicht „existieren“? Und was soll Existenz sinnvollerweise bedeuten?

    [1] ein alter Kalauer, so hats Sokrates natürlich nie gesagt

  9. # 9 Holger Suhr schreibt:

    Ich weiß leider nicht, wie ‚Etwas ist‘ sich selbst beweist. Ich habe die dafür wohl einschlägige Literatur nicht gelesen.
    Es entzieht sich auch meiner Vorstellung, da die Worte Existenz und Beweis nur in Verbindung mit einer Intelligenz, einem Bewusstsein Sinn ergeben.
    D.h., wenn die Existenz eines Etwas bewiesen werden soll, dann doch nur einem weiteren (intelligenten/bewussten) Etwas gegenüber.

    Auch ein Kater kann natürlich Entitäten erkennen. Aber eben nur als Sinnesreiz in seiner Kleinhirnrinde. Er kann die Entität nicht in seinem Bewußtsein reflektieren und kennt nicht die Worte (oder Bedeutung) von Existenz und Beweis.
    Somit ist er bestenfalls auch nur ein ‚Etwas‘, dessen Existenz/Dynamik erkannt oder bewiesen werden könnte.

    Angenommen, das gesamte Universum besteht nur aus luftleerem Raum, und ich bin die einzige Bewusstseinsblase mit jeder Menge theoretischer Entitäten die alles ‚um mich herum‘ beschreiben, das ich mir aber nur einbilde, da ich wie gesagt nur eine völlig alleinige Blase darstelle.
    Das einzige, was diese Bewusstseinsblase als existent annehmen könnte, wäre sie selbst als Bewusstsein, da ohne sie selbst der Gedanke über Existenz und Bewusstsein nicht da wäre (oder überhaupt so etwas wie ein Gedanke).

    Das einzige, was in meinen Augen beweisbar existiert ist das eigene Bewusstsein. Alles andere kann Einbildung desselben sein.

  10. # 10 Dangerous Beans schreibt:

    In dem Moment in dem „Etwas ist.“ festgestellt wird, ist die von Dir genannte Bedingung erfüllt. Zudem sehe ich keinen prinzipiellen Unterschied zwischen einem Kater und Dir (bzw. mir), komm mir bitte nicht mit „freier Wille“ und „Bewusstsein“. :)
    Das „eigene Bewusstsein“ ist wegen dem „eigen“ m.E. nicht beweisbar.

    Aber mal davon abgesehen, Jörg beschäftigt sich mit ähnlichen Fragestellungen wie ich selbst, was ich sehr nett finde. Wir kommen allerdings grundsätzlich aus derselben Ecke, wer sich bspw. mit (SW-)Systementwicklung beschäftigt hat, hat vielleicht einen anderen Blick auf die Sache, keinen so physikalisch gehaltenen.

  11. # 11 Holger Suhr schreibt:

    Ja, ich merke, wir kommen aus sehr unterschiedlichen Ecken….

    In dem Moment in dem „Etwas ist.“ festgestellt wird, ist die von Dir genannte Bedingung erfüllt.

    Was heißt ‚festgestellt wird‘? Wer, wie?

    Schade, daß Du keinen Bezug auf meinen Text genommen hast.

    Das einzige, was diese Bewusstseinsblase als existent annehmen könnte, wäre sie selbst als Bewusstsein, da ohne sie selbst der Gedanke über Existenz und Bewusstsein nicht da wäre (oder überhaupt so etwas wie ein Gedanke).

    Du schreibst das Gegenteil

    Das „eigene Bewusstsein“ ist wegen dem „eigen“ m.E. nicht beweisbar.

    zu meinem

    Das einzige, was in meinen Augen beweisbar existiert ist das eigene Bewusstsein. Alles andere kann Einbildung desselben sein.

    Wenn nicht einmal das eigene Bewusstsein beweisbar ist, dann bleibt nichts mehr übrig, was beweisen oder auch nur darüber nachdenken könnte.

    Wir haben scheinbar einen völlig unterschiedlichen Denkansatz (obwohl ich in der SW-Entwicklung tätig bin)

    Holger

  12. # 12 Dangerous Beans schreibt:

    „Etwas ist.“ kann ja nur von einem Bewusstsein festgestellt werden.
    Zum „eigenen Bewusstsein“: Ein Bewusstsein kann festgestellt werden, aber nicht die Individualität desselben.
    Bei vorschnellen Schlüssen („unterschiedlicher Denkansatz“) auch vorsichtig sein! :)

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