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Jörg Friedrich


Krieg ist menschlich

12. August 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Nach dem Ende der großen Ost-West-Konfrontation machte sich zumindest in Europa eine Hoffnung vom Ende aller Kriege breit. Diese Hoffnung basierte natürlich schon damals auf einer Täuschung: Zum einen zählten für uns Europäer überhaupt nur die europäischen Kriege als wirklich große, wichtige Kriege. Die Durchnummerierung der europäischen Kriege als so genannte Weltkriege spiegelt diesen Eurozentrismus wieder. Die Gemetzel in den Kriegen Afrikas z.B. waren es uns nie wert, in die Liste der Weltkriege aufgenommen zu werden. Zum anderen wollten wir glauben, dass alle Kriege ihre Ursache im großen Kampf der politischen Systeme habe. Mit dem Ende dieses Systemkampfes sollten auch die Gründe für Kriege wegfallen, so hofften wir.


Aber die Zahl der Kriege hat nicht abgenommen, an vielen Orten der Welt ziehen Armeen in den Kampf, werden Städte bombardiert, wird Land eingenommen, sterben Menschen unter Artilleriebeschuss. Und gerade in Europa – wenn auch an den „Rändern“ des Kontinents, eskalieren immer wieder neue Konflikte zu offenen Kampfhandlungen.

Unter den rationalistischen Erklärungsversuchen ist das ökonomische Argumentationsmuster das beliebteste. Immer gibt es irgendwo in der Nähe des Krisengebietes eine Ölquelle oder wenigstens eine Gasleitung, um die der Kampf nach Ansicht derer, die in allen Kriegen einen Kampf um ökonomische Vormacht sehen, geführt wird. Aber diese Argumentation verkennt völlig, dass ökonomischer Einfluss sich langfristig viel stabiler in einer Welt ohne offene kriegerische Auseinandersetzungen sichern lässt. Der Kapitalismus, der immer wieder als Hauptgrund für Kriege herhalten muss, gedeiht im Frieden viel besser als im Krieg.

Die Suche nach rationalen Gründen für kriegerische Handlungen gehört zu unserer Denktradition spätestens seit der Aufklärung. Man meint, für menschliches Verhalten ebenso klare Begründungen finden zu können wie für die Abläufe der Natur. Aber die Begründungen, die man so findet, mögen in sich zwar plausibel sein, sie lassen bei einem genauen Blick auf die Tatsachen schnell ihr unsicheres Fundament erkennen.

Die Tatsache, dass wir Menschen die Kriege nicht loswerden, dass Schlachten, Bombenangriffe, Truppenvormärsche die Geschichte der Menschheit begleiten wie eine chronische Krankheit, die einen zwar nicht umbringt, die Lebensqualität aber doch entscheidend einschränkt, weist vielmehr darauf hin, dass der Krieg ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur selbst ist. Der Mensch ist nicht gut, er unterscheidet zwischen denen, die seine Nächsten sind, und den anderen, und den anderen macht er alles streitig, egal, ob er es braucht oder nicht.

Der Trieb zur Macht, zur Vor-Macht, ist nicht rational. Er kann nicht durch rationale Argumente bekämpft, und auf Dauer nicht durch Gegenmächte eingegrenzt werden. Er kann, auch das zeigt gerade unsere europäische Geschichte, nur zivilisiert, nur in ungefährlichen Bahnen kanalisiert werden, aber offenbar müssen solche Bahnen auch gepflegt werden, sie erodieren, sie werden mit der Zeit schwächer, und dann können die Dämme wieder brechen, auch in Europa.


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7 Kommentare to “ Krieg ist menschlich ”

  1. # 1 Umgebungsgedanken » Blog Archiv » Krieg - mal heiß, mal kalt - kotzt mich an schreibt:

    […] Jörg Friedrich denkt über Krieg nach […]

  2. # 2 Dangerous Beans schreibt:

    Das letzte Argument im natürlichen Kampf der Systeme und Meinungen um die Richtigkeit ist der Krieg.
    Hegel hat diese Idee (wohl im Sinne seiner Auftraggeber) ausgearbeitet und sah das ständige Sichbekämpfen der Völker als notwendig und richtig an. Kant (der u.a. für den, wie ich finde, dümmlichen Kategorischen Imperativ verantwortlich ist) hat Ideen des friedlichen Zusammenlebens entwickelt, Popper analysierte den 1. und 2. Weltkrieg als Folge der Entscheidung der Deutschen und anderer Völker für Hegel und gegen Kant.
    Kriege zwischen Demokratien sind zum Glück nicht möglich, aber natürlich schon Kriege zwischen Demokratien und Scheindemokratien oder Scheindemokratien untereinander (so betrachte ich den „Georgien-Konflikt“).
    Aufmerksamkeit gilt es dem Zerfall einstmals demokratischer Staaten zu widmen, daraus zu lernen und Konsequenzen zu ziehen.

  3. # 3 Aki T. Arik schreibt:

    „Krieg menschlich“? Dann schon eher „primatlich“ – führen doch nach neuen Forschungen auch Schimpansen Krieg! „Auch strategisch geplante, langwierige Feldzüge zwischen benachbarten Schimpansen-Clans sind keine Seltenheit. So herrschte zwischen 1974 und 1978 im Gombe-Nationalpark in Tanzania ein vierjähriger Krieg zwischen einem nördlichen und einem südlichen Schimpansen-Stamm. Die nördliche Affen-Gruppe schickte dabei regelmäßig schlagkräftige Patrouillen in das Territorium der südlichen, um gezielt männliche Artgenossen in einem Überraschungsangriff zu töten.“ http://www.g-o.de/dossier-detail-91-10.html

    So gesehen ist Krieg wohl eher vor-menschlich, als menschlich.

    „Krieg ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur“? Wäre Krieg dem menschlichen Sein tatsächlich wesenseigen, haben wir in Europa dann nicht während der letzten friedlichen Jahrzehnte sehr un-menschlich gelebt, so ganz ohne Befriedigung dieses angeblichen Triebes??

    Im Ausland wird Deutschland (und Frankreich) für seine Überwindung der jahrhundertelangen „Erbfeindschaft“ mit Frankreich bewundert und anerkannt. Kein Mensch käme hier auf die Idee, den Regierungen dieser beiden Länder eine angeblich un-menschliche und nicht artgerechte Haltung der Bevölkerung vorzuwerfen, weil „Krieg ein wesentlicher Teil der menschlichen Natur selbst“ und daher unabdingbar für sein Wohlbefinden sei.

    Du siehst, deine Argumente überzeugen mich nicht wirklich. Krieg ist ein Relikt aus unserer Urzeit, und wird mit dem Fortschreiten der Zivilisation verschwinden, so wie heute Kanibalismus, Inzucht und Blutrache geächtet sind.

  4. # 4 romanmoeller schreibt:

    Es ist an sich doch schon PERVERS, Kriege durchzunummerieren! Das ist so, als wollte man irgendwann Jubiläum feiern …

    Aber trotzdem: Krieg ist tatsächlich menschlich! Und meiner Ansicht nach vor allem deshalb, weil der Egoismus in jedem Menschen steckt. Mit der Ausbildung eines eigenen Bewusstseins der Spezies Mensch kam auch die Erkenntnis, das sich jeder selbst der Nächste ist. Rational und biologisch gesehen ist Krieg allerdings nicht menschlich – der Mensch ist letztendlich auch eine biologische Art, die den Drang hat, zu überleben. Aber durch Krieg wird die Chance des langfristigen Lebens des Menschen eher verringert als erhöht.

  5. # 5 heinz schreibt:

    Stimme mit Aki T. Arik und romanmoeller überein. Möchte aber noch hinzufügen, dass es bei den heutigen Kriegen öftmals nicht um das unmittelbare Überleben geht, sondern sehr wohl auch um Macht, Vorherrschaften und Einfluss.
    Weiters stoße ich mich an dem Argument, dass Kapitalismus in Friedenszeiten besser gedeiht. Ich glaube das ist eine Standpunkts bzw. Blickwinkel Frage.

  6. # 6 Tom Bike schreibt:

    Was ich nicht verstehe: Frage 100 Menschen auf der Strasse ob er für oder gegen Krieg ist. Fast alle würden sagen, das sie keinen Krieg möchten. Wieso gibt es dann etwas was eigentlich keiner mag?
    Allein die Überschrift des Artikels finde ich abartig. Aber wahrscheinlich sagt er genau die Wahrheit aus. Wenn Krieg menschlich ist, ist der Mensch nicht mehr als ein grausames Tier. Und das stimmt – leider.

  7. # 7 Mike schreibt:

    Es wird immer Kireg geben, selbst wenn viele Menschen es nicht möchten aber das Geld was einige Firmen daran verdienen bedeutet ein paar wenigen Leuten mehr als alles andere.

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