Jörg Friedrich


Fernsehsessel-Demokraten

11. August 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Liest man hierzulande Leitartikel und Leserbriefe, Blog-Beiträge und Kommentare zu den Olympischen Spielen ist man erstaunt über die seltene Einmütigkeit, mit der die hiesige Öffentlichkeit das Verhältnis von Sport und Politik in der Geschichte bewertet. Glaubt man dieser Darstellung, dann ist die moderne Olympia-Bewegung das Werk ausgemachter Demokraten, die nichts anderes als Völker-Verständigung, Frieden und Meinungsfreiheit im Sinne hatten. Das aktuelle Internationale Olympische Komitee hingegen verrät das Lebenswerk von Generationen dieser Friedensbewegten Demokraten, indem es zuerst überhaupt die Olympischen Spiele nach Peking vergeben hat und es nun nicht schafft, in China pünktlich zur Entzündung des olympischen Feuers Menschenrechte und freie Meinungsäußerung sicher zu stellen.


Dabei sollte jeder wissen, dass zu keiner Zeit und an keinem Ort der sportliche Wettkampf besonders eng mit Frieden, Völkerverständigung, Humanismus oder Demokratie verknüpft war. Die Erfinder der Olympischen Spiele waren griechische Sklavenhalter. Über die politischen Ideale derjenigen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Idee regelmäßiger sportlicher Wettkämpfe wieder aufgriffen, ist nicht viel bekannt, wohl aber über den Zustand der europäischen Nationen, die ihre Sportler seinerzeit zu diesen Wettbewerben entsandten: Es waren Kolonialmächte, die die Völker Afrikas und Lateinamerikas hemmungslos ausbeuteten, in blutigen Kriegen übereinander herfielen und deren jeweilige innere politische Ordnungen von Demokratien in unserem heutigen Sinne weiter entfernt waren als China. Dass ausgerechnet Olympische Spiele in irgendeiner Weise dazu beigetragen hätten, Kriege und Menschenrechtsverletzungen zu verhindern, lässt sich wohl kaum nachweisen: Die Geschichte der modernen Olympischen Spiele ist eine Geschichte des 20. Jahrhunderts, genau jenes Jahrhunderts in dem die größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen wurden, und zwar von Nationen, die auf den Sieger-Treppchen sportlicher Wettbewerbe für gewöhnlich oben standen.

Sport ist eine eitle Sache und hat wenig mit Frieden und Gerechtigkeit zu tun. Der Mythos der friedlichen Freundschafts-Spiele dient nur dazu, dem archaischen Kampf des Jeder-gegen-Jeden einen zivilisierten Anstrich zu geben. Warum sollte also ausgerechnet eine Organisation wie das IOC, die dafür zuständig ist, das größte Ereignis dieser Art zu organisieren, dafür zuständig sein, Demokratie und Menschenrechte in ganz besonderem Maße zu fördern?

Die Forderungen der westlichen China-Gegner verkennen auch vollständig, dass es in der weltweiten Perspektive nicht eben demokratisch ist, was sie da verlangen: Rund eine Milliarde Menschen leben in Gesellschaften, die wir nach unseren Maßstäben als demokratisch bezeichnen würden, vielleicht auch zwei, wenn man Indien hinzurechnet. Ihnen stehen rund 5 Milliarden Menschen in autoritären Systemen gegenüber. Wollen diese Menschen grandiose Spiele sehen oder wollen sie, dass jeder westliche Journalist freien Internet-Zugang hat. Worum soll sich wohl das IOC nach Meinung der meisten Menschen dieser Welt mehr kümmern, um den reibungslosen und sicheren Verlauf der Veranstaltung oder um Drehgenehmigungen für europäische Berichterstatter auf dem Platz des himmlischen Friedens?

Natürlich: unser Verständnis von einem guten Leben gebietet es, immer wieder auf Defizite von Diktaturen, auf Verletzungen von Menschenrechten und Freiheit hinzuweisen und dagegen, wo immer wir können, zu protestieren. Aber das IOC ist nicht der verlängerte Arm von westlichen Friedens-Aktivisten und Tibet-Freunden, die Olympischen Spiele sind keine Veranstaltung der Ostermarsch-Bewegung. Wer gegen die chinesische Regierung protestieren will, der suche sich seine eigenen Wege und wer es schafft, auf dem Platz des himmlischen Friedens ein Plakat zu entrollen, verdient unsere Bewunderung. Aber wer das IOC in einen Stellvertreter-Krieg gegen die Kommunistische Partei Chinas schicken will, ist nur ein feiger Fernesehsessel-Demokrat.


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6 Kommentare to “ Fernsehsessel-Demokraten ”

  1. # 1 Juergen schreibt:

    Fernsehsessel-Demokraten. Ich möchte hinzufügen: bornierte Gutmenschen.

    Man sollte langsam politisch, nicht nur touristisch, akzeptieren, dass die zitierten 5 Mrd. in anderen Kulturkreisen anders ticken. Wünschenswerte Veränderungen können nicht exportiert werden, müssen dort von Innen wachsen. Insofern ist’s sicher hilfreicher, wenn die Vorort-Protestierer stattdessen versuchen, mit den Menschen dort zu reden…

    Ein langer Marsch, sozusagen. ;)

  2. # 2 Kurt Stöckly schreibt:

    Dass Sport nicht viel mit Politik gemeinsam hat, wie uns Sportfreunde immer wieder versichern, ist aus der Sicht der Sportler nachvollziehbar. (Als Aussenstehender bin ich mir da nicht so sicher).

    Dass aber der Sport zum Mega-Super-Geschäft mutiert ist, von dem sich viele nur noch angewidert abwenden, lässt sich kaum leugnen. Wieviele Milliarden Dollars wurden für die aktuellen Spiele aufgewendet? Wieviele Milliarden waren es an der EURO 08? und wieviele werden es an der Fussballweltmeisterschaft in Südafrika sein? Im Vergleich dazu werden weltweit ein paar lächerliche Milliönchen für die Friedensforschung ausgegeben und bei drohenden Hungerkatastrophen müssen sich die Hilfswerke und die UNO mit einem Bruchteil davon zufrieden geben.

    Dass Mega-Events wie die Olympics auch immer eine Machtdemonstration der herrschenden Klassen darstellt, ist beileibe nicht eine Erfindung der Chinesen. Ich finde es daher wichtig, dass es Leute gibt, die eben auch die Schattenseiten zur Sprache bringen, was die Chinesen sicherlich nicht stark beeindruckt, aber vielleicht den/die Ein(e)n oder Ander(e)n in unseren Breitengraden zum Nachdenken bringt.

    Ob ich nun zu den bornierten Gutmenschen gehöre, da ich kaum fern sehe?

  3. # 3 Dangerous Beans schreibt:

    Die heutzutage internationalistisch geprägten Deutschen leiden an der Fehleinschätzung internationaler und globaler Institutionen. Zum Beispiel ist die UN in teilen verbrecherisch, die internationalen Sportverbände teilweise mafiös und internationale Meetings dienen oft der Propaganda oder dem Labern.

    Nun ist das ja immer noch besser als der plumpe Nationalismus, mögen einige argumentieren. Dennoch, wer sich um das Wetter im Jahr 2110 Sorgen macht und die relevanten Probleme (Energie, islam. Terrorismus, Wohlstand) unbearbeitet lässt bzw. offensichtlich falsche Lösungen anstrebt, der wird irgendwann gar nicht mehr wissen wie internationale Konflikte und Herausforderungen zu baerbeiten sind. Und dass andere Nationen schlichtweg Eigeninteressen folgen (statt pol. korrekt den Standpunkt der (fiktiven) Weltbürger) einzunehmen). Eine Weltregierung und ein System für alle wäre natürlich Stagnation.

    Die Ahnungslosigkeit der Deutschen manifeestiert sich jetzt natürlich in China. Die dürfen sich aber freuen, dass Georgien auf die Karte gewandert ist. Bald ist dann die Obama-Wahl. Alles immer schön schwarz-weiss für den Deutschen (der sich übrigens bis zum Jahr 2110 geviertelt haben dürfte und weitgehend durch Immigranten ersetzt sein wird).

  4. # 4 Juergen schreibt:

    @Kurt: Brot und Spiele eben. Alle massentaugliche Unterhaltung, Musik, Kino, Sport ist ein „Mega-Super-Geschäft“, deswegen kann das Eine oder Andere trotzdem begeistern.

    Ich meine, die Chinesen haben sich mit Olympia die Pluralität des Westens direkt ins Land geholt. Unter der glatten, inszenierten Oberfläche wird das auf die Menschen im Lande Einfluss haben, mit der Zeit.

    Davon, von dieser Strategie der Beeinflussung halte ich mehr als von routinierten, plakativen, konfrontativen Appellen.

  5. # 5 Daniel A. schreibt:

    Schön und gut was hier so im Artikel steht, aber hat sich das IOC diesen Tenor der Leitartikel und Kommentare nicht selbst zuzuschreiben? Musste nicht lange zur Rechtfertigung der Vergabe der Spiele an China das Argument herhalten, so könne man die Demokratiebewegung dort stärken? Daher ist es meines Erachtens durchaus angemessen, wenn man an das IOC nun den Maßstab anlegt, den es gerne an sich selbst sehen würde, nämlich Frieden und Völkerverständigung im globalen Maßstab.

    Eine Trennung „Sport ist Sport und Politik ist Politik“ zieht hier meiner Meinung nach nicht. Sonst hätte das IOC auch nicht den Kaukasus-Krieg als Störung des olympischen Friedens kritisieren dürfen. Beim Sport treffen sich Menschen, und wo Menschen zusammen kommen, wird’s schnell politisch, wenn auch subtil.

    Sei es drum: Die Spiele sind jetzt vorbei. Mal abwarten, was in den nächsten Stunden/Tagen/Wochen als Fazit gezogen werden wird.

  6. # 6 edi schreibt:

    Also meiner Meinung nach ist der Grundgedanke bzw Idee der olympischen Spiele total verloren gegangen. Vielleicht nicht bei den Sportlern, aber mit Sicherheit bei den Veranstaltern.

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