Jörg Friedrich


Hochkultur oder Sackgasse?

06. August 2008 Kategorie: Kultur |

Wir reisen an entfernte Orte dieser Erde, um die Reste vergangener Kulturen zu besichtigen. Staunend stehen wir vor gigantischen Bauten aus Stein, ob in Ägypten oder in Peru, wir begeistern uns für die Hinterlassenschaften untergegangener Völker, wir fragen uns, wie ihnen dieser oder jener Bau überhaupt gelingen konnte.

Schnell finden wir den Begriff der Hochkultur für die Bezeichnung von Gesellschaften, von denen nur noch die Bauwerke, nicht aber die Werkzeuge und Verfahren erhalten sind. Dabei wäre das, was jene schufen, für uns heutige ein Kinderspiel. Und das, was jene uns hinterlassen haben, ist gemessen an dem, was heute allenthalben entsteht, ja tatsächlich primitiv. Dass wir heute keine Pyramiden oder Sonnentempel mehr bauen, liegt ja nicht daran, dass wir es nicht könnten, sondern daran, dass wir solche Bauwerke nicht benötigen.

Was fasziniert uns denn an diesen Ruinen? Zunächst, dass sie eben gerade ohne unsere heutigen Werkzeuge und Verfahren entstanden sind, und dass uns die Arbeitsweisen, derer sich die Menschen jener Zeit bedienten, eben weitgehend unbekannt sind, dass wir nur Vermutungen anstellen können über die Art und Weise, wie jene ihre monumentalen Bauten schufen. Diese Faszination paart sich mit dem Unverständnis für den Sinn dieser Bauten: Die meisten unter den gigantischen Steinkonstruktionen dienen religiösen Zwecken oder der Verherrlichung der (verstorbenen) Herrscher.

Unsere Unwissenheit über die Verfahren und unser Unverständnis über den Sinn verweisen aber vor allem auf eines: die Tiefe Kluft, die unsere heutige Gesellschaft in jeder Beziehung von jenen trennt. Der Mensch war nicht zu allen Zeiten so wie heute, Rationalität und Effizienz, die unser Leben prägen, müssen nicht schon immer grundlegende Kategorien des menschlichen Lebens gewesen sein.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass in vergangenen Zeiten unglaublich viel Zeit und menschliche Arbeitskraft in Werke gesteckt wurde, die für das Überleben der Menschen in der Gesellschaft nach heutigen Maßstäben völlig überflüssig waren. Diese Bauten nun im Nachhinein mit Bedeutung im heutigen Sinne zu versehen ist der hilflose Versuch, unsere Kategorien von Investition, Wert und Produktion doch noch irgendwie auf jene Reste untergegangener Kulturen anzuwenden.

Aber die Tempel und Grabkammern waren keine Investitionen in die Stabilität der Gesellschaftsstrukturen, auch nicht indirekt über Ideologie und Religion, da wurden keine Werte produziert, die irgendwie Sinn für die Gemeinschaft hatten. Dagegen spricht schon die simple Tatsache, dass jene Bauwerke noch da sind, die Gesellschaften aber nicht mehr.

Die Inka-Kultur hat sich darauf konzentriert, die Bearbeitung von Felsgestein zu perfektionieren. Die Oberflächen wurden immer glatter, die transportierten Steine immer schwerer, die Verbindungen immer filigraner. Andere Kulturen entwickelten derweil Schriften und perfektionierten diese von der Bild- zur flexiblen Buchstabenschrift, erfanden Werkzeuge, begründeten Produktionsverfahren durch Wissenschaften.

Keine der verschiedenen Gesellschaftsformen war wertvoller oder der anderen moralisch überlegen. Während die eine den Naturgöttern Menschenopfer darbrachte, wurden in der anderen Hexen verbrannt. Die Kriege, die auf den verschiedenen Kontinenten geführt wurden, waren gleichermaßen blutig und brutal. Als sie aufeinander prallten, musste eine von beiden untergehen, und welche das war, kann man letztlich gut verstehen.

Niemand bezeichnet die europäische Gesellschaft heute als Hochkultur, auch wenn ihre Architektur weit gewaltiger ist als die der Inkas und der alten Ägypter. Die Gesellschaft, für die diese preisende Vokabel angemessen ist, hat es auf der Erde wohl auch noch nicht gegeben – sie ist vielleicht auch unmöglich.


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2 Kommentare to “ Hochkultur oder Sackgasse? ”

  1. # 1 Michael Kostic schreibt:

    Hallo,

    Was motiviert dich zu behaupten?:

    „….Dabei wäre das, was jene schufen, für uns heutige ein Kinderspiel….“

    oder gar?:

    „….Und das, was jene uns hinterlassen haben, ist gemessen an dem, was heute allenthalben entsteht, ja tatsächlich primitiv….“

    und fast noch irritierender:

    „…Dass wir heute keine Pyramiden oder Sonnentempel mehr bauen, liegt ja nicht daran, dass wir es nicht könnten, sondern daran, dass wir solche Bauwerke nicht benötigen.“

    - Kinderspiel:

    Vor ein paar Tagen war ich mit meinem Nachwuchs im Pergamon Museum in Berlin. Dort: >http://www.smb.museum/smb/babylon/show_text.php< sah meine Vorletzte zwei sechs seitige Würfel aus Bergkristall und verschiedene Spielbretter. Sie sah mich an und sagte: „Papa, so etwas habt ihr doch damals auch verkauft, stimmt’s?“. Und realistisch wie ich nun einmal bin habe ich ihr erklärt: „Nein. Nicht SO etwas! Unsere Würfel kamen aus einer Maschine, die hat kein Mensch mit seinen Hände Arbeit hergestellt.“.

    - Primitiv:

    Ein Jeder (z.B. Goldschmiede) der einmal echtes Fein-Werkzeug in Händen gehalten hat, und damit etwas produktives anzufangen wusste, kann bestätigen das solcherlei Tätigkeit tatsächlich in Arbeit ausartet. Eine jedes Familiensiegel welches unsere Kinder mit Stolz, Ehre und in Würde tragen, wurde von einem hoch spezialisierten Schmied in Wochen währender Arbeit erschaffen. Seine Signatur kennzeichnet das einmalige Werk eines Künstlers. Seit wann bitte ist solcherlei „Arbeit“ primitiv?

    - Nicht benötigen:

    Sicher. Wer braucht schon den Dom zu Köln, oder diese Sixtinische Kapelle? Ach was! Wer braucht schon das „Rhein-Energie-Stadion“ in Köln, oder diesen Kleinstbau mit dem großspurigen Namen „Preußenstadion“?

    - Das wir es nicht könnten:

    Zeig mir auch nur ein Bauwerk das jünger ist als 60 Jahre und das auch nur den Hauch dieser speziellen Ausstrahlung hat, welches die von dir genannten Gebäude für ihre Erbauer hatten. Es gibt sie bis heute nicht mehr, weil die welche sie formten mehr von ihnen erwarteten als in ihnen zu Arbeiten und/oder Leben! Eine jedes wackelige Baumhaus hat derzeit einen höheren mentalen Wert, als selbst die großspurigen Bauten in Dubai (die strahlen nichts aus, nicht einmal wenn man davor steht). Wir können es nicht, weil wir an nichts mehr Glauben…

    Also nachdem ich den Text oben gelesen habe muss ich ehrlich eingestehen, dass ich mir die Frage stelle: „Was will er denn damit zum Ausdruck bringen?“. Und das ist ja bei deinen Texten eher sehr selten der Fall :-)

    Gruß

  2. # 2 Holger Suhr schreibt:

    Hallo,

    die Gedanken fand ich sehr interessant, der letzte Absatz paßt allerdings überhaupt nicht mehr zum darüberliegenden Teil.

    ————
    Niemand bezeichnet die europäische Gesellschaft heute als Hochkultur, auch wenn ihre Architektur weit gewaltiger ist als die der Inkas und der alten Ägypter. Die Gesellschaft, für die diese preisende Vokabel angemessen ist, hat es auf der Erde wohl auch noch nicht gegeben – sie ist vielleicht auch unmöglich.
    ————

    Wie Du eingangs selbst entwickelst, ist der Begriff Hochkultur eng mit Vergangenem in Verbindung mit Verschollenem zu verwenden, ungefähr so, wie das Wort Geschichte meist auf die Vergangenheit und selten auf die Gegenwart angewendet wird. Daher würde ich niemals erwarten, eine gegenwärtige Kultur als Hochkultur zu bezeichnen.
    Auch Einstein wurde erst postum das Genie zugeschrieben.

    Ich glaube, das Hochbewerten (von Genie oder Kultur) steigt proportional mit dem Zurkenntnisnehmen und Nichtmehrhineinversetzenkönnen in die damals entsprechend vorherrschenden Bedingungen.

    @Michael

    Kinderspiel ist sicher nicht wörtlich auf jeden Bereich anwendbar, aber, vergleicht man heutige Maschinen mit den damals erforderlichen 10000-en Arbeitern mit x Toten, dann sind große Bauwerke heute wirklich als Kinderspiel anzusehen.

    Primitiv beantwortest Du in Deinem Satz eigentlich selbst. Eine heutige NC-Fräse schafft komplizierteste Gegenstände in kürzester Zeit. Für einen ähnlichen Gegenstand hätte früher ein Spezialist (nach Deinen Worten) Wochen benötigt.
    Klar haben handgefertigte Gegenstände für uns immer einen höheren ideellen Wert. Aber verglichen mit heutiger Technik waren nunmal alle Herstellungsprozesse damal primitiv.

    benötigen bezog sich für mein Dafürhalten auf Pyramiden und andere monumentale Bauten ohne Zweck für die lebende Gesellschaft.

    daß wir es nicht könnten Daß, was Du hier beschreibst, muß man unter Mode oder Geschmack oder Zeitgeist verbuchen.
    Des Weiteren haben auch die besonderen Verhältnisse von Adel und Kirche zum sterblichen Rest der Welt dazu beigetragen, daß Gebäude erbaut werden konnten, deren Erbauungspreis real das x-fache des (für den eigentlichen Zweck) erforderlichen betrug.

    Holger

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