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Jörg Friedrich


Hat die SPD eine Zukunft?

05. August 2008 Kategorie: Gesellschaft |

Selten passt das Bild von den zwei Mühlsteinen, die etwas oder jemanden zwischen sich zermahlen, so gut wie auf die derzeitige Situation der SPD. Zwischen den Gerechtigkeits-Floskeln der LINKEn und dem bürgerlichen Liberalismus der CDU bleibt nichts von einem eigenen Profil der alten Sozialdemokratie übrig.

Die über 100jährige Tradition der ältesten deutschen politischen Partei ist alleine noch kein Argument dafür, dass die SPD noch einen notwendigen Platz im politischen Spektrum hat. Parteiendemokratie basiert zunächst darauf, dass jeder halbwegs klar bestimmbare und abgrenzbare Standpunkt im Meinungsspektrum durch eine Partei besetzt wird. Dieser Standpunkt ist es, auf den sich politisch Aktive und Wähler jeweils miteinander einigen können und von dem sich die Gegner jeweils abgrenzen können. Kleinere Abweichungen und Übergänge können dabei durch interne Flügel besetzt werden, die am Rande gewisse Ähnlichkeiten mit den anderen Parteien haben mögen und die in der politischen Konsensfindung als Brückenbauer fungieren mögen. Am gleichen Ort im Spektrum ist aber immer nur Platz für eine Partei, und selbst dann, wenn eine neue Partei mit ihrem Zentrum an einem Ort siedelt, wo eine andere einen großen Flügel hat, muss es zu einer Reibung kommen, die eine von beiden zerstört.

Genau das passiert der SPD gegenwärtig auf allen Seiten. Links siedelt der SED-Nachfolger, der seine Robustheit daraus bezieht, dass er vie klarer das Ziel des antikapitalistischen Verteilungsstaates proklamiert als es selbst die idealistischen JUSOs tun. Der Versuch Schröders und Clements, in der „neuen Mitte“ eine Ausweitung in Richtung auf das bürgerliche Lager zu konstruieren, zerfällt, weil da einerseits schon die CDU residiert und andererseits die Verbindung zum sozialdemokratischen Kern zu locker ist.

Es ist allerdings nicht egal, ob das Ziel der Verteilungsgerechtigkeit zukünftig von den Sozialdemokraten oder des Links-Sozialisten vertreten wird. In den Jahren der Bundesrepublik haben die SPD-Genossen gelernt, dass die Marktwirtschaft Wohlstand für alle sichert, und dass man die Schwachen einer Gesellschaft nicht stärkt, indem man die Starken schwächt. Diese Einsicht fehlt den SED-Nachfolgern, sie beziehen ihr Gesellschaftsideal aus einem verklärten Rückblick auf die Planwirtschaft der DDR.

Deshalb wäre es gut, wenn nicht nur die Ostdeutschen sich in Erinnerung riefen, dass es die DDR war, aus der vor 20 Jahren die Menschen massenhaft in den Westen geflohen sind, und nicht umgekehrt, und dass die Menschen in der DDR die D-Mark und westlichen Wohlstand wollten, während in der Bundesrepublik seinerzeit niemand Planwirtschaft und Ein-Parteien-Herrschaft mit Blockflöten-Konzert haben wollte.

Das in die Köpfe ihrer Wähler und Anhänger zu bringen, muss der Kampf der SPD sein, sich auf ihre Stärken aus ihren besten Zeiten von Brandt und Schmidt zu besinnen und daraus sozialdemokratische Politik zu machen. Es ist ihr Überlebenskampf, und es ist ihr im Interesse Deutschlands zu wünschen, dass sie ihn besteht.


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2 Kommentare to “ Hat die SPD eine Zukunft? ”

  1. # 1 UsualRedAnt schreibt:

    Ola!

    Vielen Dank für den Artikel. Ist lange her, dass ich mich in einem Blog mit Politik abseits von Überwachungsstaat und Polizeischikanen beschäftigen durfte. Insbesondere der Satz „dass man die Schwachen einer Gesellschaft nicht stärkt, indem man die Starken schwächt“ ist ein wahres Lesevergnügen.

    Leider kommt mir bei aller Problembeschreibung der Lösungsansatz etwas zu kurz. Gedenkst Du den Gedanken „SPD mach‘ es wie Brandt und Schmidt“ in einem künftigen Post genauer zu erläutern? Menschen meiner Generation kennen die beiden ja höchstens aus Fernsehdokus. Obwohl ich mich für politisch interessiert und auch halbwegs informiert halte, fällt es mir daher schwer, dieses Schlagwort mit einem praktisch umsetzbaren Politikstil zu verbinden.

    Ich möchte ausserdem davor warnen, die Linke zu sehr auf ihre SED-Vergangenheit zu reduzieren. Die Politik der Partei wird ja zunehmend von Menschen bestimmt, die entweder aus dem Westen (ich dachte das Teilungstrauma hätten wir mit der WM endlich überwunden) kommen oder schlicht zu jung sind, um die DDR mitgestaltet zu haben. In den Köpfen dieser Leute gibt es deshalb nach meiner Erfahrung auch kein konsitentes Bild der DDR, sondern vielmehr die überzeichnete, klischeehafte Vorstellung eines sozialromantischen Wohlfahrtstaates.

    Ausserdem hat auch die Bundesrepublik damals über ihre Möglichkeiten
    gelebt – schon um den „Segnungen“ der SED etwas entgegen zu halten. Insofern sind 89/90 viele Ossies von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Der gegenwärtige Sozialabbau ist meiner Meinung nach in weiten Teilen lediglich eine Rücknahme der „unbezahlbaren Geschenke“ der 80er. Helmut Kohl hat das damals von der SPD gelernt, oder nicht?

    Mit hanfigen Grüßen
    Steffen

  2. # 2 Dangerous Beans schreibt:

    „Das in die Köpfe ihrer Wähler und Anhänger zu bringen, muss der Kampf der SPD sein, sich auf ihre Stärken aus ihren besten Zeiten von Brandt und Schmidt zu besinnen und daraus sozialdemokratische Politik zu machen.“

    Ich erinnere gerne daran, dass Brandt für den „Sozial“-Staat und das Umverteilungssystem verantwortlich ist, für die damit einhergehende Aufblähung des Staatsapparats ebenfalls. Er hat dann zusammen mit Schmidt (u.a. parität. Mitbestimmung, LOL) das verbraten, was die Bürgerlichen erwirtschaftet haben.
    Seitdem haben wir eine wirtschaftliche Stagnation.

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