Jörg Friedrich


Wissenschaftliche Grabräuber

04. August 2008 Kategorie: Philosophie |

In Ausstellungen über die Geschichte der Inka kann man in abgedunkelten Räumen Mumien in der so genannten Fötusstellung besichtigen. Exponate dieser Art gibt es nicht nur in Peru. Die historische Forschung gibt bekannt, warum die Toten in diese Stellung gebracht wurden und wo sie aufbewahrt wurden. Aber sie ist sich auch gewiss darüber, mitteilen zu dürfen und zu müssen, was der Tote als letztes gegessen hat, woran er gestorben ist, ob er die Zähne gepflegt hatte, ob er in Erwartung einer Widergeburt gestorben ist und ob diese göttlich oder irdisch sein sollte.

Die moderne Form der Grabschändung heißt historische Forschung. Sterbliche Überreste von Menschen, die mit religiösen Riten bestattet wurden, werden aus ihren Gräbern gezerrt, mit medizinischem Gerät analysiert, ihr Mageninhalt wird rekonstruiert, die Beschaffenheit der Organe protokolliert. Alles im Interesse der Wissenschaft.

Die Achtung vor den vergangenen Kulturen, vor der Würde dieser verstorbenen und ihrer Nachfahren spielt dabei keine Rolle.

Man könnte einwenden, dass die Achtung vor dem Menschen nicht viel mit der Achtung vor verfallenen Grabstätten und Resten von Haut und Knochen zu tun hat. Aber wer will das beurteilen? Welcher hohe Wert wird von der historischen Forschung gesichert, dass sie so bedenkenlos die Berge auf der Suche nach weiteren Grabstätten von Menschenopfern durchwühlen? Warum ist es so wichtig für uns, auf welche Weise jenes junge Mädchen genau starb, dessen Körper in 5000 m Höhe am Vulkan gefunden wurde? Und wie gewiss sind die Theorien der Historiker wirklich, dass es sich dafür lohnt, die Totenruhe zu stören?

Erstaunlich ist die Selbstverständlichkeit mit der wir den Wissenschaftlern bei ihrem Treiben zusehen, und bedenklich ist der Respekt, den wir ihnen entgegenbringen, ja die Bewunderung, die wir ihren Theorien zollen, die doch schon in wenigen Jahren von anderen Wissenschaftlern in Zweifel gezogen sein können. Der Mensch sei halt so, höre ich, er wolle eben alles wissen. Das mag für unsere Zeit, für unsere Gesellschaft gelten, aber ist es immer so, und überall? Und ist es überhaupt Wissen, was die Archäologen produzieren, sind es nicht lediglich Projizierungen unseres Denkens auf Gesellschaften, die längst vergangen sind und von denen nichts blieb als ein paar Steine und jene Gräber, die nun zerstört werden?

Jene frühen Grabräuber, die überall auf der Welt in Grabkammern einbrachen um Gold und Edelsteine zu rauben, die Mumien aber unberührt ließen, sind als Kriminelle geächtet. Die aber, die nun auch noch die Toten aus den Gräbern holen um sie wie beliebige Gegenstände der chemischen, biologischen, medizinischen Analyse zu unterziehen, sie zerschneiden und sie am Schluss zur Schau stellen, betrachten wir als hoch angesehene Wissenschaftler.


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Ein Kommentar to “ Wissenschaftliche Grabräuber ”

  1. # 1 Michael Kostic schreibt:

    Hallo,

    ich hoffe dein Urlaub war trotz dieser Ansichten angenehm, erholsam und inhaltsreich.

    Gruß

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