Namen sind weder Schall noch Rauch
Ich werde morgen nach Peru fliegen. Das Land, in dem man, wie ich hörte, unter anderem Meerschweinchen als Delikatesse verspeist. Ich werde diese Delikatesse ganz sicher nicht probieren. Meerschweinchen sind für mich tabu, seit wir jenes Meerschweinchen in unserem Hause hatten, das die Kinder „Herrn Niedlich“ nannten.
„Wem man einen Namen gegeben hat, den kann man nicht schlachten“ sagt man. Und es gibt eine Reihe von Geschichten – von der Weihnachtsgans Auguste bis zu dem Kaninchen im „Wunder von Bern“ – die das bestätigen. Und scheinbar bezieht sich diese Regel nicht nur auf die einzelnen Wesen, denen man wirklich einen eigenen Namen gegeben hat, sondern auch auf die Artgenossen, wenn es in einer Kultur die Regel ist, dass diesen Wesen Namen gegeben werden.
Die Neigung, die Dinge zu schützen, die einen Namen haben, bezieht sich offenbar nicht nur auf Lebewesen. Manch einer gibt seinem Auto einen Namen – und kann sich dann nicht von ihm trennen. Namen sind ein Zeichen für das Anerkennen von Individualität – und Individualität scheint uns schützenswert.
Andersherum beginnt die Bereitschaft zur Vernichtung mit der Austilgung der Erinnerung daran, dass einzelne einen eigenen Namen haben. Die Nazis haben die Juden bekanntlich dazu gezwungen, dass alle Frauen den Zweitnamen „Sarah“ und alle Männer den Zweitnamen „Isaak“ trugen.
„Verleugne deinen Vater, deinen Namen!“ rief Julia Romeo zu – aber sie meinte wohl kaum seinen eigenen Namen, sondern nur den seiner Familie.
Namen geben scheint eine Methode zu sein, den Dingen Dauer, den Lebewesen Wert zuzusprechen.
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am 8. Juli 2008 um 20:12
Der grosse Philosoph Terry Pratchett hat dieses Thema an mehreren Stellen bearbeitet, vgl. auch „Maurice, der Kater“.
am 22. Juli 2008 um 17:38
Danke Jörg, typischer Artikel von Dir, und … sehr, sehr gut!
Wünsch‘ Dir Spass und Erfolg in Peru, und dass Du wieder gesund zurück kommst!
Beste Grüße
Vogel