Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken &handeln! Willst du auch an der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien:


Jörg Friedrich


Wie führt man einen Existenzbeweis?

07. Mai 2008 Kategorie: Philosophie |

Existiert das Ozonloch? Gibt es einen Klimawandel? Gibt es eine Verschwörung beim CIA, die für die Angriffe des 11.09.2001 verantwortlich ist, gibt es überhaupt geheime Verschwörungen? Existieren ferne Sonnensysteme mit weißen Zwergen und dunklen Riesen? Existiert Gott?

Viele grundsätzliche Diskussionen werden darum geführt, ob der Gegenstand des Streits überhaupt existiert, ob es ihn gibt, oder ob er eine Erfindung oder ein Hirngespinst besonders kreativer oder besonders naiver Menschen handelt.

Aber was bedeutet es überhaupt, wenn wir sagen, etwas existiert? Und wie zeigt man, dass es einen Gegenstand unseres Denkens wirklich gibt, wie führt man einen Existenzbeweis?

In diesem ersten von drei Texten konzentriere ich mich auf die Existenz von Einzeldingen, wie diesem konkreten Computer, auf dem ich diesen Text schreibe, oder dem Ozonloch, der Verschwörung um den 11.09. oder den Jupitermonden. Im zweiten teil geht es um die Existenz von bestimmten Klassen von Einzeldingen: Planeten, Viren, intelligentes Leben. Im dritten Teil nähere ich mich dann der spannenden Frage, was man über die Existenz von Fabelwesen, Romangestalten oder von Zahlen sagen kann. Wer mag, kann daraus Überlegungen zum Gottesbeweis ableiten.

Der Computer, in den ich hier gerade diesen Text hineinschreibe, existiert. Wer sich jetzt zu mir setzt und an der Existenz meines Computers zweifelt, dem kann ich sagen: „Sieh hin, fass ihn an!“ Wenn er dann immer noch die Existenz dieses Objektes bezweifelt, werde ich ihn vielleicht bitten, einen Arzt aufzusuchen, im besten Falle einen Augenarzt, vielleicht werde ich ihm aber auch einen Psychiater empfehlen.

Die Existenz von Einzeldingen kann ich also normalerweise durch Zeigen, durch unmittelbare Wahrnehmung beweisen. Ist diese Möglichkeit allgemein gegeben?

Auch das Ozonloch, auch der Klimawandel sind solche Einzeldinge. Allerdings kann ich deren Existenz nicht einfach durch Zeigen, Sehen und Anfassen beweisen. Um zu verstehen, wie man die Existenz solcher Dinge plausibel macht, kann man sich Beispiele ansehen, bei denen die Existenz auch nicht unmittelbar sichtbar ist, wir uns aber inzwischen daran gewöhnt haben, dass wir uns von ihrer Existenz auf andere Weise überzeugen.

Wenn eine Frau sich davon überzeugen will, dass sie schwanger ist (dass eine in ihrem Körper ein Fötus existiert), macht sie einen Schwangerschaftstest. Sie erwirbt in der Apotheke ein Testmittel, prüft dessen Reaktion, (z.B. eine bestimmte vorgegebene Färbung beim Kontakt mit Urin) und zieht daraus eine Schlussfolgerung über die Existenz des Fötus.

Die Frau führt den Existenzbeweis über das Einzelding also, indem sie nach einem allgemein anerkannten Verfahren etwas sichtbar macht, was sozusagen dann stellvertretend für den nicht sichtbaren Fötus existiert. Dass das Verfahren dazu geeignet ist, davon ist die Frau (mehr oder weniger) überzeugt, entweder aufgrund ihres eigenen wissenschaftlichen Verständnisses (vielleicht ist sie Biologin) oder aus Erfahrung (sie war schon öfter schwanger und hat den Test jedes Mal gemacht) oder weil sie bestimmten Autoritäten (dem Apotheker, dem Beipackzettel, der Wissenschaft) glaubt.

Das Verfahren, dass wir über ein allgemein anerkanntes Verfahren etwas sichtbar machen, was dann als Stellvertreter für das nicht-sichtbare Ding dessen Existenz beweisen soll, verwenden wir ständig. Und genau in diesem Verfahren liegt auch der Ansatz für den Streit um Existenzbeweise dieser Art. Denn wir können dieses Vorgehen auf zweierlei Weise angreifen:
1. Wir können das Verfahren in Frage stellen. Führt die Existenz des versteckten Gegenstandes denn tatsächlich zu diesem sichtbaren Effekt.
2. Wir können behaupten, dass auch ein anderes verstecktes Objekt zu dem gleichen sichtbaren Ergebnis führen kann

Im Falle der Schwangerschaft ist die Sache noch relativ einfach: Auch wenn der Mann vielleicht beim ersten Test noch nicht glauben will, dass er bald Vater wird, werden ihn weitere, dann ganz unmittelbar sichtbare Phänomene in den nächsten Monaten Stück für Stück von der Existenz des Nachwuchses überzeugen. Anders ist es natürlich beim Klimawandel und beim Ozonloch, die kann man nie einfach so sehen oder anfassen.

Aber auch die Jupitermonde, die Galileo Galilei den Inquisitoren durchs Fernrohr zeigen wollte, kann man nicht direkt sehen, und anfassen können wir sie auch heute noch nicht. Trotzdem sind wir heute geneigt, ihre Existenz anzuerkennen, wir schauen dazu nicht einmal mehr durch ein Fernrohr, uns genügt ein Blick in ein populärwissenschaftliches Buch oder die Aussage des Lehrers.

Das liegt natürlich daran, dass wir das Verfahren, die Jupitenrmonde sichtbar zu machen, heute längst akzeptiert haben, die meisten von uns haben die Funktionsweise eines Fernrohres in der Schule gelernt, sie haben durch Lupen und Feldstecher geschaut und sich davon überzeugt, dass diese Geräte ferne Dinge nah und kleine Dinge groß zeigen. Deshalb glauben wir auch, dass Fernrohre ganz ferne und damit nicht mit bloßem Auge sichtbare Dinge zeigen können.

Mit dem Ozonloch ist es da schon etwas anders. Zwar zeigen uns auch hier die Wissenschaftler Bilder, von denen sie sagen, dass sie mit ganz ähnlichen wissenschaftlichen Verfahren gewonnen wurden wie die Dartellungen von Jupitermonden und Saturnringen. Aber wir durchschauen diese Verfahren nicht eben so gut – und deshalb zweifeln wir da noch.

Noch verzwickter verhält es sich natürlich mit der Verschwörung zum 11. September. Hier gibt es gar keine Verfahren, um das Phänomen eindeutig sichtbar zu machen, jedenfalls keines, welches allgemein akzeptiert werden könnte. Deshalb wird die Existenz solcher Verschwörungen auch nie bewiesen werden. Umgekehrt kann man allerdings sagen, dass Dinge, für die nie ein allgemein akzeptiertes objektives Darstellungsverfahren, das allein auf dem Wirken eben dieses versteckten Dings beruht, gefunden werden kann, eben auch nicht existiert.

Allerdings, das müssen wir akzeptieren, drehen wir uns hier im Kreis. Unsere Vorstellung von der Erkennbarkeit der Dinge bringt uns zu einem Begriff von Existenz der besagt, dass wir ein Ding als existierend annehmen, wenn wir ein allgemein akzeptiertes Verfahren finden, nach dem die Existenz des Dings zu etwas sichtbarem führt, das ohne das Ding nicht da wäre. Die Jupitermonde führen zu kleinen Lichtpunkten im Fernrohr, also existieren diese Monde. Aber können wir auch sagen, dass die Monde nicht da wären, wenn wir davon überzeugt wären, dass es keinen Weg geben kann, der sie sichtbar macht?


Für Links auf diesen Artikel bitte wegen der Umlaut-Domain die folgende Adresse kopieren:
http://www.xn--jrg-friedrich-imb.de/2008/05/07/wie-fuhrt-man-einen-existenzbeweis/

4 Kommentare to “ Wie führt man einen Existenzbeweis? ”

  1. # 1 Peter Kammer schreibt:

    Das ist jetzt doch recht oberflächlich. Ein Schwangerschaftstest indiziert mit Sicherheit nicht den Nachweis einer Schwangerschaft, sondern nur deren Wahrscheinlichkeit. Und jeder seriöse Wissenschaftler wird selten von Beweis und auch nicht von nachweis sprechen – zumindest wenn es um Dinge wie den Klimawandel geht – sondern um die Wahrscheinlichkeit. Auch die Frage, ob es außerirdisches Leben gibt oder ob Du Vater eines Kindes bist ist die Frage der Wahrscheinlichkeit.
    Wahrhaftigkeit dürfte in der Wissenschaft eher selten behauptet werden, eher in der Religion, die im Zweifelsfalle ohne wissenschaftlichen Beweis auskommt.
    Und in Kriminalfällen sind es mehrere Indizien, unter anderem auch die mögliche Motivation, das cui bono.
    In der Gesamtbetrachtung wird es also deutlich komplizierter.

  2. # 2 Jörg schreibt:

    Du hast natürlich recht, dass die Sache komplizierter wird, wenn man den Begriff der Wahrscheinlichkeit hier noch mit berücksichtigt. Dass ich darauf verzichtet habe, ist aber nicht meiner Oberflächlichkeit, sondern dem Bemühen, das Problem der Existenz überschaubar zu halten, geschuldet.

    Meine Beispiele sollen dabei nur zur Illustration dienen. Dem einen reicht der Schwangerschaftstest schon als Beweis (vielleicht zusammen mit anderen Indizien, schließlich macht man ja nicht „einfach so“ einen Schwangerschaftstest), für den anderen bestätigt er einen Verdacht, dem nächsten sagt er gar nichts. Das ist abhängig von der Akzeptanz des Verfahrens, auf die ich hingewiesen habe. Und natürlich wird jeder selbstkritische Mensch die Möglichkeit erwägen, dass er sich irren kann. In diesem Zusammenhang von unterschiedlicher Akzeptanz des Verfahrens, Unsicherheit der Beobachtung und Möglichkeit des Irrtums löst das Wahrscheinlichkeits-Problem sich schließlich auf.

  3. # 3 Sky schreibt:

    Existenzbeweise sind nur dann möglich, wenn letztlich die Urwahrheit „Etwas ist.“ referenziert wird.

  4. # 4 Holger Suhr schreibt:

    Wer hat denn wann, und vor allem wie bewiesen, daß ‚Etwas ist‘?
    Wenn ich nicht beweisen kann, daß ‚ich bin‘, wie sollte ‚ich‘ dann beweisen, daß ‚Etwas ist‘?

    ‚Ich‘ ist zumindest das, was sich gerade diese Gedanken macht.
    ‚Etwas‘ kann ich nur über meine Sinnesorgane feststellen, die mich täuschen können.

    Unabhängig davon, sind Existenzbeweise in meinen Augen nur sinnvoll in Anwesenheit einer Intelligenz, eines Bewusstseins, das sich über eine Existenz Gedanken macht.

    Zentrale Urwahrheit sollte daher ‚Ich bin‘ lauten. Ohne ‚ich‘ gäbe es keine Gedanken über Existenz, ja nicht einmal das Wort.

    Und ob ‚Etwas ist‘ ist solange bedeutungslos, bis ‚ich‘ beginnt es zu prüfen oder darüber nachzudenken, und genau in dem Moment ist ‚ich‘ die erste Sicherheit. Die Prüfung, ob dann noch Etwas außer ‚ich‘ existiert, könnte ja dann negativ ausfallen.

    Holger

Kommentieren

XHTML: Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>